Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1887)
- Date
- 1887-06-16
- Page
- Seite 375 (sequence 7)
- Language
- German
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375 lieber trugen zur Erhöhung der Feststimmung bei. Seitens der hiesigen Gemeinde, vom israelitischen Gemeindebund, dem die hiesige Gemeinde angehört, und von früheren Schülern aus Schönlanke, wo der Jubilar achtzehn Jahre gewirkt, erhielt Letzterer werthvolle Geschenke in Silber. — Möge dem Jubilar, der sich noch einer geistigen und körperlichen Frische erfreut, ein froher Lebensabend beschieden sein. Oesterreich-Ungarn. Pest, 31. Mai. (Privatmitth.) Der ungarische Reichstag ist geschlossen und die Wahlen zum neuen Reichstag stehen vor der Thür. In allen Theilen des Landes werden Programmreden gehalten und Rechenschaftsberichte erstattet. Daß da auch die Juden sowohl wie die Antisemiten ihr Theil bekommen, ist selbstverständlich. Interessant wie immer ist die Rede, welche der ungarische Romancier Jokai vorgestern in Kaschau hielt und in der er auch auf die Antisemiten zu sprechen kam. Am besten charakterisirt diese Partei, sagte er, daß sie sich nicht einmal einen anständigen ungarischen Namen wählen konnte, sondern diesen von den Juden entlieh. (Heiterkeit.) Ich spreche nicht von ihr als von einer socialen Partei; ihre Thäigkeit auf diesem Gebiete gehört auf ein anderes Blatt. Allein, ist es eine kluge Politik, welche in einem von vielen Völkerstämmen bewohnten Lande, von der herrschenden, der Zahl nach sich in der Minderheit befindenden ungarischen Nation einen 600,000 Seelen zählenden Stamm entfremden will, der ihr anhänglich, zugethan ist, ungarisch werden will? (Rufe: Nein, das ist keine kluge Politik!) Wenn der Antisemitismus in anderen Ländern eine Unmenschlichkeit ist, bedeutet er in Ungarn überdies auch noch eine unpatriotische That. (So ist's!) Wenn der jüdische Bolksstamm Fehler besitzt, dann muß man dieselben zu beseitigen streben, aber Haß und Gewaltthätigkeit waren niemals ein Heilmittel. (Zustimmung. So ist's!) In den Ländern, in welchen der sogenannte Culturkampf existirt, kann der Antisemitismus noch einigen Sinn haben. Was aber sucht dieses wilde Thier bei uns, wo die Confessionen noch in Frieden und in der Liebe des gemeinsamen Vaterlandes leben, wo unsere reichen Prälaten Millionen zum Besten des Vaterlandes und der Menschheit opfern und aus diesem Grunde die Achtung aller Confessionen besitzen? Wahrlich, der Religionshaß und die Verfolgung der Confessionen sind nicht nur eine Unmenschlichkeit, sondern auch eine unpatriotische Handlung und eine Gottlosigkeit in diesem unseren Lande. (So ist's! Lebhafte Zustimmung. Wahr ist's!) Die Regierung macht alle möglichen Anstrengungen, die Antisemiten nicht durchdringen zu lassen und doch scheinen einzelne Wahlbezirke ihnen gesichert zu sein. In der Baranya allein sind sechs Antisemiten als Abgeordneten-Candidaten aufgestellt, und daß die echt antisemitischen Bezirke liberal wählen, ist auch noch fraglich. Pest, 31. Mai. (Privatmitth.) Die Commission des hiesigen, seit siebzehn Jahren bestehenden israelitischen Knaben- Waisenhauses veröffentlicht ihren dreijährigen Bericht. Nach demselben betrug die Zahl der Zöglinge Ende December 58. Im Laufe des Jahres 1884 wurden ausgenommen 14, im Laufe des Jahres 1885 15, und im Laufe des Jahres 1886 22. Von diesen wurden entlassen: 1884 8, 1885 15, und 1886 5, zusammen 28. Es waren also zu Ende des Jahres 1886 81 Zöglinge. Von diesen besuchten das Polytechnicum 1, die Handels-Akademie 2, die Mechanische Lehrwerkstätte 2, die Gewerbeschule 1, die Realschule 1, das Gymnasium 8, die Bürgerschulen 15, und die Elementar-Bolksschulen 49. Die jährlichen Erhaltungskosten eines Zöglings betrugen im letzten Triennium 162 fl. 73 kr. Das Vermögen des Instituts, das sich Ende 1883 auf 227,882 fl. 89 kr. bezifferte, betrug Ende 1886 257,329 fl. 80 kr., so daß sich dasselbe in den letzten drei Jahren um 29,446 fl. 99 kr. vermehrt hat. Pest, 31. Mai. (Privatmitth.) Die Generalversammlung des hiesigen israelitischen Frauenvereins fand heute Nachmittags unter dem Vorsitze der Vicepräsidentin Frau Marie Herzl statt. Dem vom Secretär Herrn Gabor Friedmann verlesenen Jahresbericht entnehmen wir Folgendes: Im abgelaufenen Verwaltungsjahre wurden als moinentane Unterstützungen 10,0?7 fl. 30kr., als monatliche Stipendien 5588 fl., als vierteljährliche Zinsbeiträge 3853 fl., als Unterstützung an Wöchnerinnen 331 fl. und als Heirathsausstattungs-Beiträge 105 fl., zusammen daher 19,904 fl. 30 kr. in Baarem vertheilt. Im Mädchen-Waisenhause dieses Vereins wurden 50 Kinder, im Waisen-Asyle desselben 30 Kinder erzogen und betrugen die Ausgaben für beide Anstalten, sowie für die außer denselben erhaltenen 20 externen Waisen 18,259 fl. 22 kr. Die Verpflegung und Erziehung eines Kindes stellt sich durchschnittlich auf 239 fl. im Waisenhause und auf 206 fl. im Waisen-Asyle. Die dritte Wohlthätigkeitsanstalt des Pester israelitischen Frauenvereins ist dessen Volksküche. In der Zeit vom 1. April 1886 bis 1. April 1887 speisten daselbst 108,602 Personen ohne Unterschied der Confession, davon gänzlich gratis 11,923 Personen. Die Berwaltungskosten dieser Anstalt betrugen 13,176 fl. 91 kr. Die Gesammt-Ausgaben für sämmtliche Zweige der philanthropischen Wirksamkeit des Vereins betrugen 51,340 fl. 43 kr., welchen nur Einnahmen im Betrage von 44,954 fl. 65 kr. gegenüberstehen; das Bedarfsdeficit wurde von den einzelnen Fonds abgeschrieben. Für die Bedeckung der durch deu Bau des neuen Waisen-Asyl- und Volksküchengebäudes entstandenen Bauschuld von 45,000 fl. behält sich die Vereinsleitung die geeigneten Maßnahmen bis zu dem Zeitpunkte vor, da alle Rechnungen eudgiltig abgeschlossen sein werden.