Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1887)
- Date
- 1887-06-16
- Page
- Seite 374 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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374 teil Masse Leben, Bewegung und Interesse wecken, die auf das Ganze wirken und die geistesträge Masse an- und aufregen. Selbst in zwei Disciplinen läßt sich ein Stillstand gewahren, in der homiletischen und in der Schulliteratur, die beide vor geraumer Zeit in lebhaftem Schaffen begriffen waren. Die Belletristik ist so ziemlich ganz verstummt. Gottesdienst, Religionsunterricht und das belebende Wort von der Kanzel sind sehr wesentliche Motoren für das geistige Leben des Volkes. Aber gerade sie bewegen sich auf begrenztem Gebiete und können nur Beschränktes leisten, während die Literatur fähig ist, alle Felder des Wissens und Empfindens zu bearbeiten und zu befruchten. Sehen wir zurück auf eine jetzt vergangene Zeit, welche stattliche Reihe productiver Geister waren im Judenthume erstanden und thätig! Zunz, Jost, Salomon, Rappaport, Luzatto, Lelio della Torre, S. Cahcn, Stein, S. Hirsch, Formstecher, S. Munk, Herxheimer, Kayserling, Jellinek, Salvador, Steinheim, Geiger, Holdheim, Fürst, Frankel, L. A. Frankl, Salschütz, M. Sachs, Kaempf, B. Beer, G. Wolf, Löw, Herzfeld, Grätz und viele Andere, denen sich wohl Schreiber Dieses und sein älterer Bruder! onschließen dürfen, waren unermüdlich im Schaffen und An-!! regen. In wiefern alle diese Namen ersetzt werden, über-! lassen wir dem Urtheil Anderer. Gewiß sind seitdem viele werthvolle Arbeiten ans Licht getreten, und die allgemeine Richtung in unserer Literatur hat sich geklärt und sestgestellt. Wer unsere Bestrebungen verfolgt, wird gewiß nicht verkennen, daß wir allezeit jede gute Erscheinung zu würdigen suchen und anerkennen. Doch wird man uns recht geben,! wenn wir jene Periode als ° vergangen beklagen und unsere Literatur allmälig in einen Stillstand gerathen sehen. Mittel,; um dem abzuhelfen, können wohl nicht gut angegeben werden. Solche Dinge entwickeln sich aus dem inneren Volksgeiste und aus den Verhältnissen heraus. Bon außen her i und durch äußere Mittel läßt sich da wenig ausrichten. Man!muß eben abwarten, ob sich nicht wieder ein neuer Auf-! schwung, eine neue Belebung einstellt. Unsere Geschichte lehrt uns, daß eben ein solcher Wechsel von jeher stattgefunden, und daß diejenigen Unrecht haben, welche wegen einer kürzeren oder längeren Pause den schöpferischen Genius erloschen glauben. Er erwacht zur rechten Zeit immer wieder von Neuem und zieht seine glänzende» Kreise, die dann für eine weitere Zeit leuchten. Deutschland. Berlin, 5. Juni. Auf die von dem Vorstand des Krankenhauses der hiesigen jüdischen Gemeinde im vorigen Monat veröffentlichte und der Kaiserin überreichte Druckschrift „Zur Geschichte der Krankenpflege in der jüdischen Gemeinde zu Berlin" hat dieselbe mit einem Gnadengeschenk von 500 M. nachstehendes huldvolle Handschreiben ergehen lassen: „Ich habe mit vieler Theilnahme die Schrift entgegeugenommen, welche aus Anlaß des fünfundzwanzigjährigen Bestehens der Kraiiken-Verpflegungs-Anstalt der jüdischen Gemeinde verfaßt worden ist. Ich kenne aus eigener Wahrnehmung die vortrefflichen Einrichtungen derselben und freue Mich, dem Vorstande Meinen Glückwunsch zu dem Gedenktage aussprechen zu können, der die Fürsorge der Gemeinde für ihre Kranken in ehrenvoller Weise veranschaulicht — Baden-Baden, den 18. Mai 1887. gez. Augusta. An den Vorstand des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde zu Berlin." Lübeck, im Juni. Von den russisch-jüdischen Geschäftsleuten, die aus Preußen ausgewiescn worden, wandten sich mehrere nach Lübeck, und da sie sich als solide und nützliche Leute erwiesen, stand der hiesige Senat nicht an, ihnen das Bürgerrecht zu ertheilen. Es muß aber über diese Bereitwilligkeit dem Senate von gewisser Seite her, sagen wir, Vermerk zugekommen sein, denn in den jüngsten Tagen wurde : einem Ankömmling unter gleichen Umständen der Bescheid j gegeben, daß er sich hier aufhalten und seine Geschäfte bei treiben könne, das Bürgerrecht ihm aber nicht ertheilt werde, i Schwersenz, 3. Juni. (Privatmitth.) Herr Lehrer Ludwig Lesser feierte am 26. Mai sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum. Um 3 Uhr Nachmittags versammelten sich die Lehrer aller Confessionen hiesiger Stadt, der Magistrat, die Stadtverordneten, Schul- und Gemeindevorstand, sowie die Gemeinderepräsentanten im Rathaussaale. Darauf erschienen die Herren Landrath Freiherr v. Tempelhoff und der Kreisschulinspector Superintendent Zehn aus Posen. Ersterer hielt an den Jubilar eine Ansprache, worin er die Berufstreue und die Verdienste des greisen Lehrers um die Schule hervorhob, und überreichte demseben den ihm von Sr. Majestät verliehenen Kronenorden. Nachdem auch der Superintendent und der Bürgermeister an den Jubilar zu Herzen gehende Ansprachen gehalten, sprach Letzterer tiefbewegt seinen Dank aus, worauf der Landrath ein Hoch auf Se. Majestät den Kaiser ausbrachte, sodann auch auf den Jubilar. Ein größerer Kreis von Festgenossen blieb bis in die späte Nacht beim edlen Naß traulich beisammen. Zahlreiche Toaste und Fest-