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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-16 · Heft 24 (16.6.1887) · p. Seite 373

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 24 (16.6.1887)
Date
1887-06-16
Page
Seite 373 (sequence 5)
Language
German
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373 vor dem Gesetz rückhaltslos zu beugen und es walten zu lassen, gleichviel, ob es seiner und seiner Untergebener persönlicher Neigung entspricht. Die Reichsversassung hat so manches von dem vorenthalten, was einem freien Culturstaat noth thut — möge man nicht da, wo sie die Consequenz der Toleranz und der Gleichberechtigung rein zieht, das Wesen zum Schein heruntersinken lassen und durch die Art der Handhabung das Gesetz seines Inhalts berauben. Eine besondere Aufforderung, mitzuwirken, daß dies nicht geschehe, haben vor Allem diejenigen, welche nicht müde werden, zu versichern, daß die Reichsverfassung Deutschland zum liberalen Rechtsstaat umgeschaffen habe, und welche darin mit uns einig sein werden, daß der Charakter eines Staats nicht durch das geschriebene Wort, sondern durch die lebendige Bethätigung bestimmt wird. Diese Beschwerde, welche jahrelang trotz mannigfachen Anblicks der persönlichen Ungerechtigkeit jener Praxis geschwiegen hat, will, nachdem die Hoffnung auf allmähliche Aenderung als trügerisch sich erwiesen, offen auf jenen dunkeln Punkt in der württembergischen Staatsverwaltung Hinweisen, damit, wenn schon der Zustand selbst fortdauern soll, seine Ungesetzlichkeit wenigstens zum öffentlichen Bewußtsein kommt. An denen, welche für die staatlichen Geschäfte verantwortlich sind, wäre es, den im vollen Bewußtsein seiner Schwere wider sie erhobenen Vorwurf zu widerlegen, eine Pflicht, an welche diese Zeilen sie ausdrücklich gemahnen sollen. Wenn aber eine Erklärung erfolgt und wenn sic, wie angezeigt wäre, vor der Volksvertretung gegeben werden sollte, so möge man es unterlassen, die Frage in dem Tone des Scherzes zu behandeln, in welchem man es neuerdings liebt, einer grundsätzlichen Rechtfertigung auszuweichen. Mau sehe der Frage offen und ernst ins Auge und man lehne es ab, den Rückhalt dehnbarer Erklärungen uneingestandenerweise in dem Borurtheil der Menge zu suchen. Ein solches Handeln wäre ebenso bequem als es ungerecht wäre. Es würde in schmerzlicher Weise dem traurigen Worte Recht geben, das noch in unserer Zeit ein dänischer Dichter und Richter gesprochen hat: „Es ist ein schweigendes Uebereinkommen unter fast allen Menschen, nur bis zu einem gewissen Grad Recht üben zu wollen. Die Beamten dieses Landes kennen dieses Uebereinkommen und nehmen daran Theil — ich nie und nimmermehr!" Literarischer Wochenbericht. Unsere Leser werden es uns nicht verargen, wenn wir heute in unserer literarischen Berichterstattung eine Pause machen und dafür einige allgemeine Betrachtungen anstellen. Es liegen eben keine neuen Erscheinungen vor, die ein Referat erfordern. Ueberhaupt aber ist es nicht zu verkennen, daß in unserer Literatur ein Stillstand eingetreten. Es scheint, als ob der schöpferische Genius in unserer Literatur Ruhe- und Rasttage einhalte, und nur in der, im Osten gepflegten neuhebräischen Literatur ist Leben und Bewegung rege. Nach langer Pause scheint man bei unseren östlichen Glaubensgenossen wieder literarische Bedürfnisse zu fühlen, und hieraus kann man schließen, daß die Masse, wenigstens ein Theil derselben, das Verlangen nach geistiger Nahrung empfindet. In einem so abgeschlossenen Kreise wie der unsrige ist, bedarf es allerdings zündender Funken des Genius, die diesem spontan entspringen. Aber wenn, wenn wir so sagen dürfen, kein Zunder vorhanden, so verschwinden die Funken, ohne eine Flamme zu entzünden. Ein Stillstand in unserer Literatur kann deshalb stets nur beiden Theilen zugeschrieben werden: dem Mangel an tüchtigen geeigneten Autoren und dem Mangel an lesebedürftigem Publikum. Das letztere ist, wir können es uns nicht verhehlen, verhältnißmäßig geringzählig und leicht abgestumpft. Die Meisten beschränken sich auf die Lectüre der Zeitungen, ein Buch nehmen sie selten zur Hand. Der weibliche Theil liest größtentheils nur Romane und belletristische Journale, und wird hierfür vom allgemeinen Büchermarkt mehr als nöthig versorgt. Daher kommt es, daß Verleger mit jüdischen Literaturerzeugnissen in der Regel keine guten Geschäfte machen, und hieraus folgt wiederum, daß ein jüdischer Autor für seine Arbeiten nur schwer einen Verleger und ein angemessenes Honorar findet. Und wiederum hieraus erfließt, daß die Literaten aus der Reihe unserer Religion sich anderen Disciplinen zuwenden. Gerade diese Umstände hatten uns bewogen, das „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" — wir mußten diesen Titel wählen, um das damals verpönte Wort „Verein" zu vermeiden — zu gründen, und wir erreichten unseren doppelten Zweck, eine Reihe von Schriften in unser größeres Publikum zu bringen und zugleich den Autoren ein gutes Honorar zu verschaffen. Daß wir es nach 18jährigem Bestände aufgaben, hatte wiederum das zweifache Motiv, daß es an tüchtigen Autoren zu fehlen begonnen, und daß das Publikum an dem Gelieferten eine stattliche Masse erhalten hatte und das Interesse daran verlor. Seit den letzten Jahren sind nur äußerst wenig umfänglichere Werke ans Licht getreten. Man begnügt sich mit Broschüren und kleineren Schriften. Darin liegt schon ausgesprochen, daß man sich mit Specialaufgaben kleinen Umfangs begnügt. Diese haben immerhin ihre Bedeutung, sind aber doch nur einzelne Bausteine, für welche die Wissenschaft wohl Anerkennung hat, deren Gefüge und Verständniß dem größeren Publikum aber entgeht. Die gelehrte Forschung erhält dadurcki mehrfachen Gewinn, aber das gerade gewähren sie nicht, was uns am meisten Noth thut, Erzeugnisse, welche im Geiste der gesamm-

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