Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1887)
- Date
- 1887-06-09
- Page
- Seite 360 (sequence 8)
- Language
- German
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360 während ihres Aufenthaltes in unserem Hause stets zu er-' freuen hatten, blieben sie auch nach ihrem Austritt mit dankbarem Gefühle eingedenk. Dies beweisen uns die mannigfachen Zuschriften, welche bei den verschiedensten Veranlassungen die selbst in weiter Ferne weilenden früheren Pflegebefohlenen theils an die Hausmutter, theils an einzelne Vorstandsmitglieder zu richten nicht versäumen. Von den im Verlaufe der letzten zehn Jahre Ausgetretenen waren 2 über 3 Jahre, 2 „ 4 „ 5 „ 5 „ 4 „ 7 „ und 1 ,, 8 ,, in der Anstalt gewesen. Sieben der Ausgetretenen haben sich verheirathet und ihren eigenen Hausstand gegründet. Fünf ehemaligen Zöglingen ist es durch Fleiß und Geschicklichkeit gelungen, theils hier, theils in Hamburg und Stuttgart Geschäfte zu errichten, die ihnen den erwünschten Ertrag abwerfen. — Ferner ist von unseren früheren Pflegebefohlenen eine als ordentliche Lehrerin an einer hiesigen städtischen Schule, eine in einem Privat Lehrinstitute angestellt worden; eine, gleichfalls geprüfte Lehrerin, hat seit vier Jahren eine geachtete Stellung als Erzieherin in einer Familie in Paris; eine ist als Musiklehrerin hier thätig; eine andere hat in ihrer Heimath als Klavierlehrerin einen lohnenden Erwerb gefunden; zwei sind als Kindergärtnerinnen in New-Iork beschäftigt; eine ist nach Amerika abgereist, um als Erzieherin in eine Familie einzutreten; vier andere bekleiden sehr einträgliche und ehrenhafte Stellen in hervorragenden Geschäftshäusern in New- Aork, Berlin, Kassel und hier. Am Schlüsse des Jahres 1886 betrug die Zahl unserer Pfleglinge vierundzwanzig; von denselben waren die meisten theils Vater- oder mutterlos, theils ganz verwaist. Vier derselben erstreben ihre Ausbildung in der Musik auf dem Dr. Hoch'schen Conservatorium; die ihnen ertheilten günstigen Zeugnisse geben uns den vollen Beweis ihrer musikalischen Befähigung und berechtigen zu erfreulichen Hoffnungen. Zwei andere bereiten sich für den Lehrberuf vor; eine, die bereits die Lehrerprüfung mit gutem Erfolg hier bestanden hat, ertheilt Privatunterricht; eine ist als Handarbeitslehrerin an der Schule des Frauenbildungsvereins angestellt; die übrigen sind theils in Consectionsgeschäften, theils in anderen Handlungshäusern thätig oder noch in der Lehre. Doch haben wir es sehr zu beklagen, daß wir mit einem Deficit von M. 2106 unsere Jahresrechnung abschließen mußten. Die Ausgaben für Verwaltungs- und Haushaltungskosten haben sich beträchtlich gesteigert, während dagegen unsere Einnahmen sich bedeutend verringerten. Letzteres hat zu unserem großen Bedauern seinen Grund sowohl in der Verminderung der unserer Anstalt zufließenden Geschenke, als auch in der Abnahme der Zahl der Mitglieder', deren wir mehrere theils durch den Tod, theils durch Wegzug leider verloren haben. Es ist daher unsere Bitte gewiß nicht unberechtigt, daß unsere bisherigen Mitglieder ihr Wohlwollen unserem gemeinnützigen menschenfreundlichen Wirken erhalten und uns zur weiteren Förderung und Kräftigung unserer guten Sache neue Mitglieder gewinnen und uns dauernd unterstützen mögen!" Die Einnahmen betrugen M. 14,406, die Ausgaben M. 16,512. Leipzig, 31. Mai. (Privatmitth.) Da die antisemitische Literatur keine Abnehmer mehr findet, sucht sie sich in nno6 Eingang zu schaffen. In diesen Tagen erschien hier ein „Antisemiten-Katechismus," der jeden Antisemiten mit dem nöthigen Material zu versorgen wünscht. Welcher Art das Sammelsurium ist, kann man leicht daraus ersehen, daß er auch die freche Fälschung eines in Paris von Antisemiten geschmiedeten Programms Crämieux' für die Ulinnos ier. univ. bringt, trotzdem die freche Lügenhaftigkeit dieses Programms schon wiederholt nachgewiesen worden. Das Büchlein enthält viele Verzeichnisse, nur eines nicht, das doch für den antisemitischen Jünger am nöthigsten wäre: ein Verzeichniß der namhaftesten Antisemiten und der antisemitischen Vereine — es wird nur das „Statut" einer „antisemitischen Vereinigung" mitgetheilt. Dieses Vacat ist sehr beredt! Hannover, 1. Juni. (Privatmitth.) Der hiesige Verein „zur Unterstützung der Schüler der Bildungs-Anstalt für jüdische Lehrer zu Hannover" hat seinen 7. Jahresbericht ausgegeben. Von welcher Wichtigkeit dieser Verein für den Bestand oder doch Besuch des Seminars ist, braucht nicht gesagt zu werden, da es hinlänglich bekannt ist, wie zumeist aus der ganz unbemittelten Classe der Lehrerstand sich rekrutirt. Der Zweck des Vereins ist in § 1 des Statuts so ausgedrückt: „Der Zweck des Vereins ist: Bedürftigen Schülern der Bildungsanstalt sür jüdische Lehrer und der damit verbundenen Präparande zu Hannover Unterstützung zu gewähren, und zwar durch regelmäßige oder außerordentliche Beihülfe, Gewährung von Kostgeldern u. s. w." Der Verein hat bereits ein Internat, aber die Mittel zur Erwerbung eines eigenen Grundstückes für dasselbe zu erlangen, ist ihm bis jetzt nicht gelungen. Ueberhaupt hat leider der Bericht über einen verhältnißmäßigen Rückgang zu klagen. Er besagt hierüber: „Die Einnahme ist gegen das vorige Jahr erheblich geringer geblieben. Wenn auch die regelmäßigen Beiträge von hiesige» Mitgliedern eine kleine Erhöhung aufzuweisen haben, so sind die Beiträge von auswärts nicht unwesentlich zurück-