Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1887)
- Date
- 1887-06-09
- Page
- Seite 357 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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357 steht nun: wollte Philo mit diesen Differenzen in Opposition gegen die Halacha treten, sie bekämpfen, eine entgegengesetzte Ansicht geltend machen? Wir müssen diese Frage zweifellos verneinend beantworten. Philo hätte ja dann der Halacha oder der palästinensischen Vorschriften erwähnen, sich gegen sie erklären, und seine Abweichung begründen müssen. Dies thut er aber nirgends. Die Halacha existirt nicht für ihn, und wenn diese in Palästina selbst von den Saducäern angefeindet wurde, so hätte er sich auf die Seite ihrer Gegner stellen und dieses aussprechen müssen. Philo giebt sich selbst ausdrücklich als Freund und Anhänger der überlieferten „Sitten und Gewohnheiten" der Väter {naqadöaig) zu erkennen, und tadelt diejenigen, welche jene dem schriftlichen Gesetze nicht gleich achteten. So muß er also in seinen Abweichungen den „Sitten und Gewohnheiten" der Alexandrinischen Juden gefolgt, und es ihm ganz unbewußt geblieben sein, daß die palästinensischen Gesetzeslehrer ganz verschiedene Ansichten hegten. Philo spricht auch in ganz objectiver Weise von den Gesetzesbestimmungen, als ob sie so und nicht anders sein könnten. Er drückt sich gewöhnlich aus: Das Gesetz sagt so und so, bestimmt so und so. Von einer Bestreitung einer anderen Ansicht ist bei ihm gar nicht die Rede. Hat also Philo die Halacha nicht bekämpfen, gar nicht von ihr abweichen wollen, so folgt daraus, daß er sie nicht gekannt, daß er sie also nicht mißachtet hat, sondern eben seinem Wissen und seinen Ansichten einfach gefolgt ist. Müssen wir daher zugleich anerkennen, daß Philo in seinen Gesetzesauslegungen die Sitten und Bräuche, die Einrichtungen und Vorschriften vor Augen hatte, welche sich bei den Alexandriuischen Juden seit mehr als drei Jahrhunderten aus ihren Verhältnissen und Bedürfnissen heraus entwickelt und gestaltet hatten: so ist damit erwiesen, daß die palästinensische Halacha bis zu Philo's Zeit keinen Einfluß auf die Alexandrinischen Juden, keine Verbreitung bei ihnen gewonnen hatte. Wir können dies als ein bedeutsames Moment für eine kritische Beleuchtung der Entwicklungsgeschichte der Halacha nicht verkennen. Wir mögen von dieser Betrachtung nicht scheiden, ohne noch folgende Bemerkung hinzuzufügen. Der Fall Jerusalems, die Zerstörung des Tempels, der Untergang der jüdischen Volksselbständigkeit, die völlige Zerstreuung der Juden durch die Länder stand nahe bevor. Ein solcher Sturz eines alten Volkes pflegt immer die Folge des Niedergangs des Volksgeistes, der inneren Verwesung des Volkskörpers zu sein, so daß der Triumph des Gegners vorbereitet ist durch die Ohnmacht des Volksthums selbst. War dies nun auch bei den Juden der Fall? Wir müssen dies verneinen. — Denn gerade in der Zeit vor und nach dem Falle Jerusalems erstanden gewaltige Geister innerhalb des jüdischen Volkes, welche auf den dieses Volk belebenden Geist einen hellen Glanz verbreiten. Wir nennen Hillel, Schamai, Philo, Josephus, Jochanan ben Sakkai und Akiba ben Joseph. Es war ein providentieller Akt, daß diese Männer sammt vielen Genossen das gedachte Säculum mit der Kraft und den Schöpfungen ihres Geistes durchleuchteten und belebten. Sie verkünden eben, denn das war ihrer Aller feste Ueberzeugung, daß nur die äußere Existenz des jüdischen Volkes erschüttert und verändert, das Judenthum aber selbst nicht angegriffen, in seinem innersten Wesen nicht verändert werden könne, so daß folglich auch die jüdische Masse als Trägerin jenes erhalten bleiben werde. Diese Ueberzeugung ist denn bis heute durch die Geschichte von achtzehn Jahrhunderten bethätigt worden. Zur richtigen Beurtheilung dieses Jahrhunderts müssen aber alle diese Erscheinungen nicht etwa bloß in ihrer Individualität, sondern in ihrem Zusammenhänge als Ganzes zusammengefaßt werden. Erst aus dem Verständniß ihrer verschiedenen Richtungen auf einem und demselben Boden läßt sich das Wesen dieser innerhalb der Geschichte unseres Volkes und Glaubens ewig denkwürdigen Zeit begreifen. Z Stuttgart, 1. Juni. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung in Württemberg. Von einem Protestanten"). (Aus dem „Beobachter" vom 26. und 27. Mai.) Man weiß, daß jene unreine Bewegung, welche um die Wende unseres Jahrzehntes ein orthodoxer Geistlicher in Norddeutschland gegen die Gleichberechtigung der Israeliten einleitete, als eines ihrer Ziele den Ausschluß der nichtchristlichen Staatsangehörigen von den öffentlichen Aemtern betrachtet und erklärt hat; man weiß auch, daß diese demagogische Agitation trotz redlicher Bemühung und versuchter Aufstachelung des Religionshasses, des Neides und anderer unedler Leidenschaften gescheitert ist an der Cultur unseres Jahrhunderts, für welche so gut wie in den Tagen Reuchlins und Huttens die Judenfrage einen Gradmesser bildet; unser Volk hat mit bemerkenswerter Entschiedenheit es abgelehnt, sich von einem verblendeten Priester die Irrwege überwundener Zeiten führen zu lassen. Mit der Wahrnehmung dieser eulturell erfreulichen Erscheinung ließ auch die Connivenz nach, welche der Bewegung da und dort aus maßgebenden Kreisen entgegenkam. Man überzeugte sich, daß das, was sich Antisemitismus nannte, auf die Dauer politisch nicht fruchtbar war, und es trat jene Erkaltung des 1) Wie uns Herr Di* *. Ritter, Oberrabbiuer zu Rotterdam, mittheilt, hat er eine, wenn auch nicht große Nachlese zu seiner Schrift gesammelt, ist jedoch durch seine überhäufte Amtsthätigkeit bis jetzt verhindert worden, dieselbe zu veröffentlichen. *) Anm. d. Red. des „Beobachters". Taufschein und Stammbaum des Einsenders ist von uns eingesehen und richtig befunden.