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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-09 · Heft 23 (9.6.1887) · p. Seite 355

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 23 (9.6.1887)
Date
1887-06-09
Page
Seite 355 (sequence 3)
Language
German
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355 derselben ethnographischen Gruppe, es sind die gemeinschaftlich in der Vergangenheit vollbrachten und in der Zukunft noch zu vollbringenden Thaten. Das Recht der Bevölkerungen, ihr Schicksal selbst zu entscheiden, ist die einzige Lösung der gegenwärtig schwebenden Schwierigkeiten, welche die Weisen träumen können; mit anderen Worten heißt das: sie hat keine Aussicht, Annahme zu finden. Die großen Männer, welche gegenwärtig die Geschicke der Völker leiten (mit welchem Erfolge, wird die Zukunft zeigen), haben für solche Kindereien nur Verachtung. Aber es giebt einen Grund, ich gestehe es, der mich der Verachtung der selbstbewußten Politiker gegenüber gefühllos gemacht hat: Seit ich die menschlichen Dinge habe beobachten können, habe ich acht oder zehn Schulen von Staatsmännern gesehen, die sich im Besitze der Weisheit glaubten und jedem Zweifel daran mit der höchsten Ironie begegneten. Eine gewaltigere Ironie, die des Schicksals, hat diesen Eintags-Unfehlbarkeiten ein grausames Dementi entgegengesetzt, und das hat die Anderen nicht bescheidener gemacht! ... Oh, welch' tiefer Denker war jener Jude aus dem sechsten Jahrhundert vor der gew. Zeitr., der beim Anblick des Sturzes der Reiche seiner Zeit ausrief: ,Siehe, wie die Völker sich mühen um Nichts, sich erschöpfen für den Raub des Feuers!' (Jesaias II.)" Renan verwirft also die Sprache als ein wesentliches Moment der Nationalität und beruft sich dabei auf die Schweiz. Er scheint uns hierbei Nation und Staat zu verwechseln. Denn die Schweiz bildet keine nationale Einheit, sondern einen „Bundesstaat", der durch Gerechtigkeit und Freiheit die drei nationalen Elemente mit einander geeinigt hält. Eher konnte er sich auf das Verhältniß von Großbritannien und der nordamerikanischen Union berufen, welche dieselbe Sprache haben, und doch sehr verschiedene Nationen bilden. Auch widerspricht sich Renan selbst, indem er sagt: „Eine Nation ist für uns eine Seele, ein Geist, eine geistige Familie", und doch ist die Sprache von der Seele, dem Geiste, der geistigen Familie gar nicht zu trennen und deren wesentliche Ausprägung. Mit viel größerem Rechte verwirft er die Race, d. h. die Abstammung als Merkmal und Attribut der Nation. Denn die gegenwärtig bestehenden Nationen sind aus dem Zusammenschmelzen sehr mannigfaltiger Stämme hervorgegangen; unaufhörlich geht das Blut sehr verschiedenartiger Volksstämme in einander über; die Einwanderung bringt große Massen vielfacher fremder Völkerschaften in eine Nation hinein. Hiermit wäre denn auch dem Antisemitismus der letzte Anker genommen, denn da er in unserer Zeit mit der Confession nicht mehr kommen darf, beruft er sich auf Racenverschiedenheit, die jedoch nach dieser richtigen Würdigung den Dienst versagt. — Schwerlich wird man sich endlich niit dem übereinstimmend erklären können, was Renan als das Wesen einer Nation aufstellt, nämlich in den „gemeinsamen Erinnerungen, Opfern, Ruhmesthaten, oft auch gemeinsamen Trauern und Beklagen, und in dem Wunsche auch fernerhin zusammenzuleben". Auch hier eine Verwechslung von Nation und Staat. Die gemeinsamen Geschicke fallen zu gleicher Zeit auf die zu einem Staate verbundenen Nationen, und was die Wünsche „in der Gegenwart" betrifft, so zielen diese oft mehr dahin, auseinander zu gehen als zusammen zu kommen. Nur da, wo zufällig eine Nation einen Staat bildete, macht die Geschichte auch einen wesentlichen Theil der Nationalität aus; sonst ist es eine Geschichte des Staates und hat mit der Nationalität nichts zu schaffen. Das Resultat der Renan'schen Auseinandersetzung ist also mehr negativ als positiv. Er zeigt, daß die Sprache kein entscheidendes Band für die Nationalität ist, die oft aus geschichtlichen Verhältnissen die nationalen Stämme auseinander streben sieht. Er erweist, daß die vermeintliche Abstammung noch viel weniger die Grundlage einer nationalen Verbindung ist. Endlich hebt er die Wichtigkeit der Geschichte für die Bildung einer Nationalität nachdrücklich hervor. In dem Schmelzofen der Ereignisse, der Thaten und Opfer gestaltet sich eine Nationalität aus den ursprünglich fremdartigsten Volkselementen. Mit diesem Argumente können wir Juden den Antisemiten siegreich entgegentreten. Philo und die Halacha. 11. Ganz ähnlich verhält es sich betreffs des Meineides. Von der h. Schrift ist auf denselben keine richterliche Strafe gesetzt, sondern nur ein reuiges Bekenntniß und eine cultuelle Sühne; die Halacha belegt den Meineid mit Geißelstrafe, Philo aber mit dem Tode und begründet dies, da schon auf die Verunehrung der Eltern die Todesstrafe erfolgen könne, um wie viel mehr müsse diese bei der Verunehrung Gottes eintreten. Noch mehr, selbst denjenigen, der einen Meineidigen kennt und ihn bei Gericht nicht anzeigt, will Philo mit dem Tode bestrafen. Hierzu ist er durch eine von den Sept. veranlaßt falsche Auffassung von 3. Mos. 5, 1. bewogen worden, steht aber mit dem traditionellen Gesetze in vollständigem Widerspruche. Voraussetzen können wir hierbei, daß Philo in allen solchen Gesetzesauslegungen mit den bei den jüdischen Gerichtshöfen in Alexandrien geltenden Grundsätzen in Uebereinstimmung steht, was eben über deren Verhältniß zu den palästinensischen Licht verbreitet. Denn nach dem ganzen Charakter Philo's läßt es sich nicht annehmen, daß er auch den heimischen Collegien opponirt hätte. — Die Bibel gebietet, daß um das Dach eines Hauses ein Geländer gemacht werden müsse, damit Niemand verunglücke, ebenso daß eine Grube nicht offen gelassen werde. Die 23*

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