Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-09 · Heft 23 (9.6.1887) · p. Seite 354

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 23 (9.6.1887)
Date
1887-06-09
Page
Seite 354 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227687--44463-3266744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

sö4 einen directen Antrag auf Erlassung eines Antisemitengesetzes vor. Der Antrag wurde jedoch nicht genügend unterstützt und kann nicht weiter verhandelt werden; er wurde nur von 19 Abgeordneten, und zwar von sechs Antisemiten, dem Demokraten Lueger und zwölf Clerikalen unterstützt, während 20 Abgeordnete nothwendig sind. Die Antisemiten rufen: Traurig! Pfui! Dieses „Traurig! Pfui!" der Antisemiten gilt nur ihnen selbst, die eine so traurige Rolle im 19. Jahrhundert spielen, und die schon so oft ein „Pfui!" aus Tausenden von Kehlen gehört haben. Was ist eine Nation? Nach Ernest Rena«. In einer Zeit, wie die unsrige, wo das Nationalitätsprincip die anderen, wie die des Liberalismus und der Humanität, verdrängt hat, wo die Nationen auf kriegerischen und friedlichen Wegen feindlich sich gegenüberstehen und Herrschaft und Erwerb durch alle Mittel sich abzugewinnen trachten, wo in dem einen Staate die Nationalitäten um ihre Rechte oder auch um die Obherrschaft mit einander kämpfen, der andere Staat die fremdnationalen Elemente möglichst auszuscheiden sucht — in einer solchen Zeit ist die immer wiederholte Erörterung: Was ist eine Nation? von großer Wichtigkeit. Man wird einwenden, was helfen alle theoretischen Antworten auf diese Frage, wenn die Praxis in entschiedener Weise vor sich geht?! Allein jede Praxis beruht auf einer Ueberzeugung, und es besteht die Aufgabe, diese Ucberzeugung zu klären, zu berichtigen, die in ihr enthaltenen extravaganten Uebertreibungen abzuschwächen, und eine richtige Einsicht über die Grenzen des Nationalitätsprincips zu verbreiten. Dies ist nur durch die unermüdliche theoretische Erörterung zu bewirken. Bor kurzem hat Ernest Renan eine Sammlung seiner neuesten öffentlichen Vorträge: „Reden und Vorlesungen" veröffentlicht. Eine besondere Aufmerksamkeit verdient das Vorwort zu dieser Sammlung, welches der „Berl. Börsen-Courier" vom 23. Mai in vollständiger Uebersetzung bringt, und'aus welchem wir die wichtigsten Stellen wiedergeben. Allerdings hat Renan im Laufe seiner schriftstellerischen Thätigkeit früher ausgesprochene Ansichten wesentlich geändert, und eine solche Umgestaltung der Meinung finden wir auch hier. Er, von dem die Racentheorie, namentlich die selbst auf das psychologische Gebiet hinübergespielte Unterscheidung zwischen den sog. Ariern und Semiten, ausgegegangen, verwirft hier den Einfluß der Race auf den Begriff der Nation. Dadurch wird aber, unserer Meinung nach, der Werth der Anschauung, zu welcher er sich durch fortgesetztes Forschen und Denken herangebildet, eher erhöht als gemindert. Consequenz ist eine anerkennenswerthe Eigenschaft, wenn sie sich nicht in Eigensinn und Hartnäckigkeit hinein - bannt und besserer Ueberzeugung sich nicht verschließt. Bei einem rastlos arbeitenden Geiste ist das Resultat, zu welchem er gelangt, darum, weil er eben verschiedene Phasen durchlaufen, wenn es nun offen und ehrlich bekannt wird, von abschließender Bedeutung. Ein Strom ist an seiner Mündung breiter und tiefer als an seinem Quell und in seinem Laufe. Kommen wir nun zu dem Vorwort Renans. Nachdem er über die Beschaffenheit der hier gesammelten Vorträge gesprochen hat, sagt er: „Diejenige Nummer dieses Bändchens, auf welche ich das meiste Gewicht lege und auf welche ich die besondere Aufmerksamkeit des Lesers zu lenken mir erlaube, ist die Vorlesung: „Was ist eine Nation?" Jedes Wort darin habe ich mit der größten Sorgfalt abgewogen, es ist mein Glaubensbekenntniß in Bezug auf alle menschlichen Dinge, und wenn die moderne Civilisation in Folge der furchtbaren Zweideutigkeit der Worte: .Nation, Nationalität, Race' zusammengestürzt sein wird, dann wünschte ich, daß man sich dieser zwanzig Seiten erinnere. Ich halte sie für vollkommen zutreffend." Hierauf polemisirt er gegen Annectionen, ohne daß die betr. Völker um ihre Willensmeinung befragt werden, und rühmt das entgegengesetzte Princip, welches er als das „französische" bezeichnet. Er vergißt, auf welche Weise und durch welche Mittel Napoleon III. das Plebiscit in Savoyen zu Stande gebracht und die Stimmen der echt italienischen Nizzarden unbeachtet gelassen hat; oder haben die Franzosen etwa die Bewohner von Algerien und Tonkin um ihre Willensmeinung gefragt? Doch dies nur nebenbei. Er sagt weiterhin: „Der Mensch gehört weder zu seiner Sprache noch zu seiner Race: er gehört nur sich selbst, denn er ist ein freies Wesen, ein moralisches Wesen. Man giebt nicht mehr zu, daß die Menschen verfolgt werden, um sie zu einer Glaubensänderung zu zwingen; es erscheint uns ebenso schlimm, sie zum Zweck der Aenderung der Sprache oder des Vaterlandes zu verfolgen. Wir glauben, daß man in allen Sprachen edel empfinden, und während man die verschiedensten Idiome spricht, demselben Ideal folgen kann. Ueber Sprache, Race, natürliche Grenzen und Geographie stellen wir die Zustimmung der Bevölkerung, welches immer ihre Sprache, ihre Race, ihr Cultus sein mag. Die Schweiz ist vielleicht die am legitimsten zusammengesetzte Nation in Europa, und dennoch umfaßt sie drei oder vier Sprachen» zwei oder drei Religionen und Gott weiß, wie viele Racen. Eine Nation ist für uns eine Seele, ein Geist, eine geistige Familie, die in der Vergangenheit wurzelt durch gemeinsame Erinnerungen, Opfer, Ruhmesthaten, oft auch gemeinsames Trauern und Beklagen, und die in der Gegenwart den Wunsch hegt, auch fernerhin zusammen zu leben. Was eine Nation bildet, ist nicht dieselbe Sprache, nicht die Zugehörigkeit zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.