Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1887)
- Date
- 1887-06-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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"Ilttgemeine Zeitung des Iudmthums. Ein »»parteiisches Organ für alles Wische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Gspeöition: Leipzig, Woßpkcth 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. 51. Jahrgang. Leipzig, den 9. Juni 1887. Nr. 23. Inhalt, Leitende Artikel: Ein Fiasko des Antisemitismus im österreichischen Reichsrathe. — Was ist eine Nation? — Philo und die Halacha. II. — Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung in Württemberg. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Frankfurt a. M., Leipzig, Hannover. — Oesterreich-Ungarn: Preßburg. — Rußland: Warschau, Turek. — Rumänien: Bukarest. — Serbien: Nisch. — Spanien: Madrid. — Bonn: Notizen. — Bonn, London, Pest, Literarische Notizen. — Feuilleton: Aus einer Pariser Reise im Jahre 1854. £citewi>e GU'tiüef. Bonn, 5. Juni. Ein Fiasko des Antisemitismus im österreichischen Reichsrathe. Kaum hat der Antisemitismus im deutschen Reichstage sein parlamentarisches Ende documentirt, als er einen andern Versuch im österreichischen Reichsrathe anstellt, und hier ein glänzendes Fiasko erfährt. Seine Anträge finden nicht so viel Unterstützung, daß sie auch nur zur Verhandlung kommen können! Im deutschen Reichstage hat es der Antisemitismus nicht einmal zu einem Fractiönchen gebracht, im österreichischen Reichsrathe hat er dies fertig gebracht, aber das Fractiönchen, die „deutsch-nationale Vereinigung", hat nicht den Muth gehabt, den Antisemitismus in sein „Programm" aufzunehmen. Man wird fragen, warum bringen denn diese Antisemiten ihre Anträge an den Reichsrath, da sie doch im Voraus wissen, daß sie durchfallen? Ei nun, in den Parlamenten geschieht Vieles, Anträge werden gestellt, Reden gehalten — nicht wegen der Wirkung in der „hohen" Versammlung, sondern um des Publicums draußen, um der Wähler willen, die doch sehen müssen, daß ihre Abgeordneten sich für ihre Sache Mühe geben. Freilich geben sie damit auch ein öffentliches Zeugniß ihrer Ohnmacht ab, Zeugniß, daß die ungeheure Mehrheit der Abgeordneten, also des Volkes, den Antisemitismus für schlecht, für verderblich, für nichtswürdig halten — was verschlägt dies diesen Leuten auf ihrem verlorenen Posten! Sie wollen ihn festhalten, so lange es irgend geht, denn, wenn sie ihn verloren, verschwinden sie selbst von der Bühne. Die desfallsigen Depeschen lauten: Wien, 27. Mai, 12 U. 30 M. Abgeordnetenhaus. Im Einlaufe befinden sich 2206 Petitionen mit 37,068 Unterschriften um Erlassung eines Antisemiten-Gesetzes, gegen Einwanderung und Niederlassung eingewanderter Juden. Der Antrag Schönerers, diese Petitionen einem besonderen Ausschüsse zur Vorberathung zuzuweisen, wurde abgelehnt; dafür stimmten nur vier Antisemiten, ferner der Obmann der deutsch-nationalen Vereinigung Steinwender und einige Clerikale, im Ganzen fünfzehn Abgeordnete. Wien, 27. Mai, 3 U. 30 M. Abgeordnetenhaus. Kraus und Genossen (deutsch-nationale Vereinigung) empfehlen, mit Rücksicht auf den jüngsten Ukas des Zaren in einer Interpellation an den Ministerpräsidenten vom Standpunkte der Gegenseitigkeit die Frage der Einwanderung russischer Unterthanen nach Oesterreich zu prüfen und dem Hause mitzutheilen: welchen Umfang die Einwanderungen haben, aus welchen Elementen sie zusammengesetzt sind und welche wirthschaftlich schädlichen Verschiebungen in den Besitz- und Erwerbsverhältnissen der einheimischen Bevölkerung sich ergeben. Da die Interpellation offenbar eine antisemitische Tendenz hat, haben die Mitglieder des deutschen Clubs die Unterzeichnung verweigert. Wien, 27. Mai, 9 U. 25 M. Abends. In der heutigen Abendsitzung des Abgeordnetenhauses legten die Antisemiten, conform mit den heute Vormittag eingebrachten Petitionen, 28