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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-02 · Heft 22 (2.6.1887) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 22 (2.6.1887)
Date
1887-06-02
Page
Seite 350 (sequence 14)
Language
German
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350 fangenen Beobachtung heraus, welche die Dinge nicht anders sehen wollte, als sie sich dem Auge darstellten. Auch sind in den angeführten Jahrgängen die Schriftstücke mitgetheilt, welche sich auf die Zwecke dieser Reise bezogen. Diese waren zweifacher Art. Die orientalische Frage stand damals auf der politischen Tagesordnung; es war vor dem Krimkriege. Wie aber auch die verschiedenen Staaten sich zu dieser Frage stellten, der allgemeine Gedanke Europas ging dahin, daß das Joch der Türken von den Schultern der Christen genommen werde, daß die uuter dem türkischen Scepter lebenden Christen die vollbürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte erhalten müßten. Da war nun die Sorge, wie wird es denn den dortigen Juden ergehen? Werden diese in die geplante Befreiung mit hereingezogen werden, oder nicht? daß die Forderung der Gleichberechtigung von den europäischen Großmächten auch für die türkischen Juden gestellt werden würde, ließ sich bei der damaligen reactionären Strömung nicht voraussetzen, wenn nicht von unserer Seite Anstrengungen nach dieser Richtung hin gemacht wurden. Hierfür das Mögliche zu versuchen, war der eine Zweck meiner Reise. Andrerseits beschäftigte mich der Gedanke, daß es um so mehr unumgänglich nothwendig sei, unsere orientalischen Stammesgenossen aus der Unwissenheit und Unkultur herauszuheben, in welche sie versunken waren, und wodurch sie mit geringzähligen Ausnahmen zur untersten gesellschaftlichen Stufe herabgekommen. Bei den unsicheren und unruhigen Zuständen des Orients erachtete ich für das beste Mittel, daß aus den verschiedenen Gegenden des Morgenlandes eine Anzahl jüdischer Jünglinge nach europäischen Städten gebracht und hier unterrichtet und herangebildet werden sollten mit der Verpflichtung als Pioniere der Cultur in ihr Vaterland zurückzukehren. Für diese Idee wollte ich auf dieser Reise bei den Konsistorien zu Brüssel, Paris und Straßburg Anklang zu wecken suchen, damit sich dann die Geldmittel und die weiteren Maßregeln fänden. Ich werde später Einiges aus dem Verlaufe dieser Angelegenheiten mittheilen; vorerst begleite mich der freundliche Leser auf meiner Reise. Von Brüssel, wo ich von den damaligen Präsidenten des Consistoriums, den Herren Lassen, Joseph Oppenheim, und dem Großrabbiner Dr. Löb die bündigste Zustimmung zu meinen Plänen ausgesprochen und dann auch schriftlich documentirt erhielt, reiste ich nach Paris. Hier begegnete mir ein kleines Abentheuer. Mein Gegenüber in dem Eisenbahncoupee war ein kleiner schmächtiger Mann mit einem ausdrucksvollen geistreichen Gesicht. Er stellte sich mir bald als Professor der Musik S. an der Universität K. vor. Sein Name war mir bekannt, denn der Mann war als ausgezeichneter Orgelspieler in Norddeutschland gefeiert. Im Laufe der Unterhaltung theilte er mir mit, daß er in großer Verlegenheit sei, da ihn eine höchst dringende Angelegenheit nach Paris gerufen, so daß er nicht Zeit gehabt, sich einen Paß mit der Unterschrift des französischen Gesandten zu verschaffen. Er hatte nämlich eine Tochter in Paris, die daselbst am Conservatorium zur Sängerin ausgebildet worden. Jetzt handele es sich um ein Engagement für sie nach Buenos- Ayres. Er könne sie doch unmöglich den Vertrag abschließen lassen, ohne daß er persönlich die Lage der Dinge und die Sicherheit der Verhältnisse untersucht habe. Die Sache gestatte aber keinen Aufschub. Würde er nun über die Grenze gelassen werden? Was thun, wenn er zurückgewiesen würde, was man damals erwarten konnte? die Angst des armen Vaters war groß, und malte sich auf seinem gerötheten Angesicht. Je schneller der Dampfzug der Grenze näher brachte, um so mehr pochte ihm das Herz. Dabei verstand der Herr Professor nicht ein einziges Wörtchen Französisch. Da fiel mein Blick auf das Band des Rothen Adlers, das er im Knopfloch trug. Nun, sagte ich, Sie werden doch einige Dokumente zu Ihrer Legitimation mitgenommen haben, und vielleicht die Urkunde über Ihren Rothen Adler darunter? Er bejahte dies. Wohlan, bemerkte ich, geben Sie dieselbe her, wir wollen unser Glück versuchen. Als wir in Valenciennes angekommen und der Polizeikommissarius meinen Paß für richtig befunden, stellte ich ihm den Professor mit allen seinen Würden, besonders als Chevalier vor, bemerkte, daß ich bei seiner mangelnden Kenntniß der französischen Sprache ihm als Dolmetscher dienen müsse und überreichte ihm das Document. Natürlich verstand der Franzose kein Wort davon; als er aber die Unterschrift des Königs und das große Jnsiegel sah, nickte er mit dem Kopfe, ries „Passez“ und gab mir die Urkunde zurück. Wer war glücklicher und mehr voll Dankes, als der Musikmeister! Doch nun kommt erst das Rechte. In Paris angekommen, kehrte ich in dem Hotel Bergtzre, Rue Bergöre, ein. Es klang dies dem Seelenhirten anmuthend an. Mein Reisegefährte fuhr zu seiner Tochter. Kaum aber hatte ich mich von der Reise etwas erfrischt, als der Kellner heraufkam, um mir zu melden, daß eine Equipage vor der Thüre halte, deren Insassen mich zu sprechen wünschten. Ich eilte hinunter und erblickte in der Karosse meinen Musikprofessor mit einer schönen jungen Dame, seiner Tochter. Sie luden mich dringend zu einer Soiree musicale ein, welche am Abend im Salon der jungen Dame stattfinden sollte. Ich konnte nicht anders, als zusagen. Aber auf mein Zimmer zurückgelangt, überlegte ich mir: Wie, wenn ein böser Zufall seine Karten mischte, und einer und der andere Herr, dem ich mich in den nächsten Tagen vorstellen wollte, wäre in dem Salon zugegen? Welche Rolle würde ich spielen! Welches Urtheil würde man sich über den deutschen Rabbiner bilden, der seinen ersten Abend in Paris bei einer jungen Sängerin zubrächte! — Ich blieb von der Soiree hinweg und hörte von dem Herrn Professor nichts

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