Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1887)
- Date
- 1887-06-02
- Page
- Seite 351 (sequence 15)
- Language
- German
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351 wieder, als bis ich einige Jahre darauf sein Hinscheiden in den Zeitungen las. — Nebenbei bemerkt, habe ich damals in Paris keine Vergnügungen genossen und nicht ein einziges Mal ein Theater besucht. Des Tages über widmete ich mich den Angelegenheiten, um derentwillen ich nach der französischen Hauptstadt gekommen und besuchte die Museeen und ähnliche Anstalten; des Abends war ich so müde, daß ich frühzeitig zu Bett ging. Um 5 Uhr erhob ich mich regelmäßig von meinem Lager, um meinen schriftlichen Arbeiten obzuliegen. Dafür studirte ich eifrigst Land und Leute, und verwandte den ersten Tag, um mich in der großen Stadt zu orientiren, was in Paris mit einem guten Plane gar nicht schwer ist. Vom zweiten Tage an machte ich meine Besuche. Von denen, ans den jüdischen Kreisen, mit welchen ich damals verkehrte, sind nur noch wenige am Leben: Großrabbiner Isidor, Professor Frank, die Barone Alphons und Gustav von Rothschild, welche beiden letztere damals noch sehr jung waren, Baron Gustav war eben von einer Reise nach Palästina zurückgekehrt. Die Anderen schlummern, die meisten recht lange schon, unter dem Rasen: S. Munk, Albert Cohn, Großrabbiner Ullmann, Oberst Cerfberr, Frau Baronin Betty von Rothschild, Redacteur S. Cahen, Redacteur S. Bloch, der Dichter Ludwig Wihl, der Maler Lazarus Wihl, u. A. Dem Andenken des verehrungswürdigen Munk habe ich schon früher Worte der Hochachtung und des Dankes gewidmet. Hat er sich doch nicht bloß als Gelehrter, sondern auch als Weiser in seiner traurigen Lage nach Verlust des Augenlichtes erwiesen! Alb. Cohn war eine Erscheinung, die in mannigfacher Weise die Aufmerksamkeit auf sich zog. Untersetzt und stark, den Kopf mit der breiten Stirn zwischen die Schultern gezogen, mit gewisser Würde versehen, und doch sehr lebhaft, zeichnete er sich durch seine Beredtsamkeit aus, in welcher ihn ein großes Sprachtalent unterstützte. Ich sah ihn z. B. mit Leuten aus dem Oriente in dreifachem arabischem Dialect sich äußerst geläufig unterhalten. Doch war er nicht anziehend, manche erklärten ihn für abstoßend. Es. mag dies daher gekommen sein, daß er als Almosenier der Rothschilds doch nicht alle Wünsche erfüllen konnte. Seine Gattin, eine Hohenemserin, war eine sehr liebenswürdige Dame, groß, einnehmend und von außergewöhnlicher Güte. Schade, daß Albert Cohn kein schriftstellerisches Talent hatte und deßhalb seine reichen Erfahrungen und scharfen Beobachtungen mit ihm verloren gingen. — Da ich aber eben von einer Dame gesprochen, sei es mir erlaubt, auch einige Worte über die selige Frau Baronin Betty von Rothschild hieran anzuschließen. Die wahrhaften Verdienste dieser überaus wohlthätigen Frau, die nicht bloß mit ihren eigenen Mitteln wirkte, sondern auch den Anstoß zu vielen wohlthätigen Werken gab, und diesen ihre persönlichen Bemühungen widmete, brauche ich nicht hervorznheben. Sie war aber zugleich von der gewinnendsten Herzlichkeit. Als ich sie in ihrem Empfangs * zimmer erwartet und Albert Cohn mich ihr vorgestellt hatte, drückte sie sofort ihre Freude aus und beglückwünschte mich, daß ich mein großes Bibelwerk vollendet habe. Sie wies mit der Hand auf den Bücherschrank, in welchem dieses Werk in prächtigem Einband stand. Da ich niemals ein Exemplar meiner Schriften einem der Reichen in Israel zugesandt habe, so war dies eine ganz spontane Freundlichkeit von ihr, die mich überaus erfreute. Eine imponirende Erscheinung war der Oberst Cerfberr, der damals der erste Präsident des Centralconsistoriums von Frankreich war. Seine militärische Haltung und sein würdiges Angesicht, von silberweißem Haupthaar umflossen, war mit einem Ausdruck echter Humanität verbunden, daß ihm sofort das vollste Vertrauen gewonnen ward. Dagegen erschien der Großrabbiner Ullmann eine verschlossene Natur. Ich verweilte nur kurze Zeit bei ihm, und sah ihn nicht wieder. Jndeß rührte jenes wohl von seiner Kränklichkeit her, da er nicht lange darauf an der Phthysis starb. Desto liebenswürdiger war der Großrabbiner Isidor, damals vom Pariser, jetzt vom Centralconsistorium. Ich habe schon anderswo erzählt, mit welcher Bereitwilligkeit er mich durch die Schulen führte, die er unter seine besondere Obhut genommen hatte. Der Dichter Wihl plagte mich mit dem Vorlesen eines Drama „Susanne", von dem ich mit dem besten Willen nur sagen konnte: „Es ist eine Vorstudie zu dramatischen Arbeiten." Das verletzte ihn höchlichst, da er etwas wie Goethe, Shakespeare zu hören erwartet hatte. Mit einem dabei anwesenden vr. B. gerieth er darüber in einen so heftigen Streit, daß ich sie Beide hinauscomplimentiren mußte. (Schluß folgt.) Nachtrag. Letzte Zeitungsnachrichten. Türkei. Damaskus, im Mai. Unter den Juden von Damaskus hat ein Vorfall, der sich daselbst vor Kurzem ereignete, große Aufregung hervorgerufen. Im jüdischen Friedhof von Damaskus wurde — wie aus Constantinopel berichtet wird — jüngst am Grabe eines Rabbi, dessen Andenken bei seinen Glaubensgenossen in Syrien und Palästina hoch verehrt wird, die alljährlich stattfindende Gedächtnißfeier gehalten. Während der Gebete stürzte plötzlich ein Mann aus der Menge und streckte den bei der Feier mitwirkenden Rabbi mit einem Pistolenschüsse nieder. Der Mörder, welcher einer einflußreichen christlichen Familie von Damaskus angehört, wurde von der Polizei ergriffen, jedoch nach kurzem Verhör auf freien Fuß gestellt, ein Umstand, der begreiflicherweise den Unwillen der jüdischen Bevölkerung auf das höchste erregt hat.