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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-02 · Heft 22 (2.6.1887) · p. Seite 349

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 22 (2.6.1887)
Date
1887-06-02
Page
Seite 349 (sequence 13)
Language
German
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349 gers des russischen Reiches verliehen. Seine gediegenen Kenntnisse des Talmuds und des jüdischen Schriftthums, sein Scharfsinn und practischer Blick erwarben jjjrn ungetheilte Anerkennung, so daß man bei ihm in manchen Lagen des Lebens Rath suchte, den er auch stets zu geben bereit war. Dabei nahm er innigen Antheil an den Bestrebungen innerhalb des Judenthums und vertheidigte oft seine Glaubensgenossen in der hiesigen Tagespresse. Auch der Palästina- Verein verliert in ihm einen eifrigen, thatkräftigen Vertreter. Von der großen Liebe und Verehrung, die der Verstorbene durch sein edles Streben und Wirken sich erworben hat, gab sein am 8.-20. d. M. stattgefundenes Leichenbegängniß den besten Beweis. Jung und alt, hoch und nieder, ja eine unabsehbare Menschenmenge folgte dem Leichenzuge vom Schulhause aus, in deren Räumen vr. Ehrlich vor den versammelten Schülern tiefergreifende Worte sprach, bei denen kein Auge thränenleer blieb. Am Grabe hielt Rabbiner Schapiro einen i-oon, dann Herr Oberrabbiner Pumpiansky eine treffliche deutsche Rede, darauf sprach der Altmeister der hebräischen Literatur Leon Gordon aus St. Petersburg warme Worte des Abschiedes und hob unter anderem hervor, daß er das, was er selbst als Literat geworden, dem nun verewigten Freunde zu danken habe. Nach ihm hielt Dr. Ehrlich eine ergreifende Trauerrede und zum Schluß der Studiosus Tropp in russischer Sprache im Namen des Studentenvereins für jüdische Geschichte und Literatur „Moriah". Vor und nach den Reden wurden vom Cantor Rosovsky nebst Chor passende Psalmen gesungen. Das Andenken des Verblichenen wird in der hiesigen Gemeinde, wie im Herzen seiner Freunde und Verehrer nie erlöschen; möge es auch segensreich fortwirken und möge das leuchtende Beispiel des Unvergeßlichen Nachahmung in unserer Mitte finden. H. Mendelsohn. I e«i l l e t o n. Aus einer pariser Reise im Äahre 1854. Man hat mich schon oft aufgefordert, meine Biographie zu schreiben. Ich habe dies nicht in Absicht. Zunächst glaube ich, daß es zu spät wäre. Mit Recht bemerkt Göthe, daß, wer eine Selbstbiographie schreiben will, etwa in seinem 50. Jahre anfangen müsse. Denn theils verwischen sich im späteren Alter die Erinnerungen, und es käme darauf hinaus, daß dieser Selbstbeschreibung der Titel „Wahrheit und Dichtung" znkäme; theils verändert sich bis zum höheren Lebensalter der Gesichtskreis, die Anschauungsweise, und aus dieser heraus würde man sein früheres Leben betrachten und aus vielen Punkten etwas Anderes machen, als sie in Wirklichkeit beschaffen waren. Mein zweiter Grund wäre, daß jeder Selbstbiograph sich, seine Verhältnisse, seinen Bildungsgang, seine Erlebnisse, sein Wirken und Schaffen in einem günstigen Lichte schaut und darzustellen sucht. Dies wird sich selbst bei großer Gewissenhaftigkeit der Natur des Menschen gemäß stets Herausstellen. Die Dinge sind längst vergangen, die damals obwaltenden Ansichten, Zwecke, Leidenschaften haben sich abgeblaßt, und so stellt sich, wie von selbst, eine Beurtheilung ein, welche das Lobenswerthe hervorhebt, das Tadelnswerthe verschweigt oder doch verwischt. Endlich, und dies ist das Hauptmotiv, liegt in einer Selbstbiographie eine Werthschätzung seiner selbst, wenn nicht eine Selbstüberhebung, welche die eigene Person und das, was ihr begegnet ist, für so interessant und wichtig erachtet, daß es dem großen Publikum mitgetheilt und für das Gedächtniß auf immer bewahrt werden müsse. Derjenige, welcher seinen Blick auf ein längeres Leben rückwärts wendet, muß bei genauerer Prüfung sich doch eingestehen, daß Vieles, was zur Zeit bedeutsam, ja wichtig erschien, und es auch wirklich gewesen, von den Ereignissen der folgenden Zeiten in den Hintergrund geschoben, überholt und zu Bedeutungslosem herabgedrückt worden. Wozu es nun noch einmal aus der Vergessenheit Hervorrufen, da es doch keinesfalls die Rolle zu behaupten vermag, die es in dem flüchtigen Damals gespielt hat? . . . Nun, das braucht nicht zu hindern, aus der Menge des Erlebten dann und wann etwas herauszuheben, was vielleicht doch auch heute noch einiges Interesse gewährt, einiges Licht auf Zeiten und Personen wirft. Geschieht es an der bescheidenen Stelle eines Feuilletonartikels, so wird Niemand etwas dagegen haben. Versuchen wir es daher heute, und vielleicht noch dann und wann öfter. — Im Jahre 1854 reiste ich nach Paris zu einem dreiwöchentlichen Aufenthalte. Es war in der für die große Seinestadt angemessensten Jahreszeit zwischen Ostern und Pfingsten. Die Eindrücke, die ich damals in Paris gewann, habe ich in einer Reihe von Skizzen, die im Jahrgang 1854 dieser Zeitung, und die letzte im Jahrgang 1855 erschienen sind, wiedergegeben. Ich las sie in diesen Tagen wieder, und fand zu meiner Befriedigung, daß sie noch heute bis auf Weniges ihre Richtigkeit haben, mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Es kam dies wohl daher, daß ich sie nicht aus persönlichem, nicht aus nationalem, sondern aus allgemeinmenschlichem Gesichtspunkte verfaßte, aus einer unbe-

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