Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1887)
- Date
- 1887-06-02
- Page
- Seite 346 (sequence 10)
- Language
- German
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346 je 50,000, also zusammen die Hälfte, übernommen und bereits eine beträchtliche Anzahlung geleistet haben. Wir müssen bemerken, daß nicht nur das gegenwärtige Ministerium, sondern auch die Mehrheit des Provinzialrathes der klerikalen Partei angehört, und nur die Stadtverwaltung liberal ist. Die neue Synagoge wird 510 Sitze enthalten. Die Fayade ist würdig, in einer Mischung des romanischen Rundbogen- und orientalischen Styles entworfen. — Das hiesige Central-Consistorium hat für diesen Sommer und Herbst die Einrichtung eines Gottesdienstes für die israelitischen Badegäste in Ostende — angesessene Juden giebt es dort außer den Restaurateuren nicht •— die schon im vorigen Jahre versuchsweise getroffen war, zu einer definitiven gemacht. Zum Präsidenten des Consistoriums ist der um die hiesigen israelitischen Verhältnisse hoch verdiente Bildhauer und Medailleur Jacques Wiener wieder gewählt worden. Großbritannien. London, 20. Mai. Die in England seit geraumer Zeit eingeleitete Bewegung gegen die fremde Einwanderung — eine Folge des Drucks in Handel und Industrie und der dadurch hervorgerufenen Besorgniß vor dem ausländischen Wettbewerb — hat nun auch die Schwelle des Parlaments überschritten und wird allem Anschein nach bald zu gesetzlichen Abwehrmitteln führen. Die Regierung leiht dazu ihre Hand, wie aus nachstehendem Privattelegramm zu entnehmen ist: London, 20. Mai. In der gestrigen Sitzung des Unterhauses wurde die zunehmende Einwanderung mittelloser Polen und Deutscher im Ostende Londons zur Sprache gebracht. Die Regierung wurde interpellirt, ob sie an die ausländischen Regierungen Vorstellungen richten würde, wodurch der Masseneinwanderung Einhalt gethan werden könnte. Fergussvn antwortete, wenn beschlossen würde Schritte zu thun, um die Einwanderung mittelloser Ausländer zu hemmen, und würde dies eine Frage sein, die eher durch einheimische Gesetzgebung als durch Vorstellungen an ausländische Regierungen gelöst werden könnte. „Times" und andere Blätter empfehlen gesetzliche Maßnahmen zur Beschränkung der Einwanderung. (Vorerst halten wir noch an unsrer Meinung fest, daß in England solche Maßregeln gegen unbemittelte Ausländer nicht zu Stande kommen können, wie wir dies in einem jüngsten Leitartikel auseinandergesetzt haben. Ist doch die obige Erklärung des Staatssecretärs Fergussvn noch eine sehr schwankende und vorsichtige. Würden doch solche Maßregeln nicht bloß etwa Bettler, sondern auch Handwerksgesellen, Gehülfen und Arbeiter aus Großbritannien ausschließen. Dies würde aber den Industriellen und hiermit der englischen! Industrie großen Schaden bringen und sie den Strikegelusten der inländischen Arbeiter preisgeben. Im Ostende Londons betreiben die Ausländer meistens das Bäcker-, Schneider¬ und Tischlerhandwerk und häufig sind sie Cigarrenarbeiter. Tie jüdischen Arbeiter sind ziemlich auf das Ostende Londons beschränkt, haben aber hier die Anfertigung billiger Kleider fast monopolisirt, auch im Schuhmachergewerbe sind viele jüdische Arbeiter beschäftigt. Redact.) Bonn, 29. Mai. (Notizen.) Aus Pest wird uns geschrieben: Hr. Dr. Em. Herzog wurde in Kaposvar zum Rabbiner und Hr. vr. Julius Fischer provisorisch zum Prediger gewählt. Beide sind absolvirte Hörer der hiesigen Landes-Rabbinerschule. Aus Bistritz wird berichtet: Zwei kleine Kinder christlicher Eltern fielen in einen Brunnen; Dank dem Muthe eines jüdischen jungen Mannes, Namens Mendelssohn, welcher ihnen nachkletterte, wurden die Kleinen gerettet. — Wir haben heute zwei Todesfälle aus Meran zu berichten, welche ganz hervorragende jüdische Aerzte betreffen. Der eine war in Berlin, der andere in Fürth ansässig. Die „Boss. Ztg." schreibt über den ersten: In Meran starb in der vergangenen Woche der Berliner Pathologe Prof. Carl Friedlaender. Er ist der dritte hervorragende Berliner Arzt, der seit Beginn dieses Jahres zu Grabe getragen wird. Das Jahr 1887 wird als ein trübes in den Jahrbüchern des medicinischen Berlin verzeichnet werden. Wie Schweder und Boeker verschied Friedlaender in einem Alter (er zählte noch nicht 40 Jahre), da man nach menschlichem Ermessen wähnen mußte, daß ihm noch eine lange Zeit rüstigen Schaffens beschieden sein werde. In Laienkreisen ist Friedlaender nicht sehr bekannt geworden. Das liegt vornehmlich an der Eigenart seines Forschungsgebietes. Er war Patholög und pathologischer Anatom, nicht ausübender Arzt. Von der stillen und emsigen Arbeit des Pathologen im Secirsaale, am Mikroskop und im Laboratorium dringt nichts in die Menge; es sei denn, daß es sich um Entdeckungen, wie diejenigen Robert Koch's, handle. Anders ist es um das Thun des ausübenden Arztes bestellt. Glückliche Euren und gelungene Operationen machen, Dank dem augenscheinlichen Nutzen für die Patienten, den ausübenden Arzt alsbald weithin bekannt. Zudem hat Carl Friedlaender stets nur an bescheidener Stelle gewaltet, trotzdem er mannichfache und nicht geringe Verdienste um seine Wissenschaft hat. Am städtischen Krankenhause Friedrichshain, wo es ihm oblag, die Sectionen zu überwachen, stand er in dem bescheidenen Range eines Assistenten. Bei der Universität war er Zeitlebens nur Privatdocent. Erst vor wenigen Monaten erhielt er den Titel eines Professors, keineswegs aber ein Lehramt. In Berlin wirkte Friedlaender seit dem Jahre 1879. Zuvor war er fünf Jahre lang unter Friedrich v. Recklinghausen in Straßburg