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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-02 · Heft 22 (2.6.1887) · p. Seite 345

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 22 (2.6.1887)
Date
1887-06-02
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
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345 kühl empfangen. Kaum hatte er seine Programmrede begonnen, wurden nichts weniger als schmeichelhafte Zwischenrufe laut, sodaß er trotz mehrmaliger Versuche auf das Wort verzichten mußte. Ebenso hat in Gyöngyös-Pataen Bezirk das Volk selbst die Antisemiten in nicht gerade höflicher Weise zurückgewiesen. In diesem Bezirke präsentirte sich ein gewisser Emerich Szabo als antisemitischer Candidat, in seiner Gesellschaft befand sich Göza RLcz. Nachdem der Candidat in gemeiner Weise über die Juden sprach, wurde er, wie „Gyöngyösi Lapok" schreiben, vom Volke niedergezischt und unterbrochen. Als der Candidat nach Erwähnung der rituellen Bäder, des mit Vitriol gemachten Branntweines rc. über die Marmaroser Juden zu sprechen begann, rief man ihm zu, daß wenn es ihm in Marmaros nicht gefällt, so möge er dahin als Apostel gehen, „hier wohnen so ehrliche Juden, daß wir keinen für Göza Räcz geben." Wie es auch in anderen Dörfern üblich, haben auch bei uns Einzelne Spitznamen. Göza Räcz benützte dies und machte über einen jüdischen Bewohner mit einem Spitznamen eine Bemerkung, die aber ihre Wirkung verfehlte; die Anwesenden lachten ihn einfach aus und riefen ironisch: Jetzt fängt er an, belieben hineinzuspazieren, sehr billig, nur 10 kr.! Worauf ein Landmann dazwischen rief: Das ist nicht billig, dafür will er uns täglich 5 fl. (er verstand das Abgeordnetendiurnum) herausfoppen; aber der Zahn möge ihm darnach nicht schmerzen; marsch von dort hinunter, wir brauchen Einen, der etwas im Interesse des Landes thut, nicht aber Leute wie Du. Als dann Racz hierüber seinem Zorne Ausdruck geben wollte, nahm das Volk unter Verwünschungen auf Rücz und Lobsprüchen auf die Juden eine drohende Haltung ein und mußten die Antisemiten das Feld räumen. Die Bewohner von Gyöngyös-Pata glauben nunmehr, künftighin von einein weiteren Besuche der antisemitischen Apostel verschont zu bleiben. In Keßthely bewirbt sich der antisemitische Graf Klebelsberg um das Mandat. Der Antisemitismus hat in der genannten Stadt so gut wie gar keinen Boden und so empfing denn auch die Menge den in Begleitung der antisemitischen Abgeordneten Vadney und Szemnecz ankommenden Grafen mit „Abzug" Rufen und lauten Eljens auf den liberalen Candidaten. Es dauerte lange Zeit bis die Herren zu Worte kamen und dann konnten sie nur von der Höhe ihres Wagens aus sprechen. Indessen sah sich der anwesende Oberr. Stuhlrichter alsbald veranlaßt, dem Abgeordneten Szemnecz wegen der maßloßen Verunglimpfungen und unfläthigen Ausfälle gegen das Judenthum, von welchen seine Rede strotzte, das Wort zu entziehen. Die antisemitische Expedition hat ein entschiedenes und nicht eben schmeichelhaftes Masco zu verzeichnen. Graz, (Steiermark), 24. Mai. (Privatmitth.) Die hiesige jüdische Gemeinde, die erste in Steiermark, wo sich ja erst seit zwei Jahrzehnten Juden niederlassen dürfen, zählt jetzt 1400 Seelen (300 Familien) und ebenso viele wohnen im übrigen Steiermark, aber noch vereinzelt. Die Gemeinde fühlt das Bedürfniß, ein eigenes Gotteshaus zugleich mit den Räumlichkeiten für eine Schule zu errichten, da das bisherige Bethaus ein gemiethetes Lokal innerhalb eines Kasernengebäudes ist. Der Kostenbetrag ist auf 60,000 Gulden angeschlagen. Da nun die Gemeinde nicht im Stande ist, diese Geldmittel aufzubringen, hat sich der Rabbiner der Gemeinde, Herr Dr. Mühsam, der zugleich Landesrabbiner für Steiermark und Kärnthen ist, und der Gemeindevorsteher, Herr Pollitzer, entschlossen, persönlich den wohlthätigen Sinn unsrer Glaubensgenossen anzusprechen. Ihre Bemühung ist bis jetzt mit schönem Erfolge gekrönt worden. Sie haben in Wien, Pest, Paris, London, in Cöln und auch in Bonn offne Herzen und Hände gefunden, so daß die Sammlung bereits 25,000 Gulden beträgt. Der Gedanke, daß es hier gelte, eine erste Synagoge in einem ganzen, den Juden früher so feindlich gesinnten Lande zu errichten, hat hierbei gewiß nachhaltig mitgewirkt. Einen weiteren Erfolg versprechen sich die Herren durch eine Lotterie, das Loos zu einem Gulden. Die Erlaubniß zu einer solchen Lotterie wird in Oesterreich fast niemals gegeben und hängt von dem persönlichen Willen des Kaisers ab. Nach einer Audienz bei dem Kaiser, die vr. Mühsam zu erlangen das Glück hatte, ertheilte der Kaiser nicht bloß die Genehmigung, sondern bestimmte auch, daß die Lotterie tax- und steuerfrei bleibe, wodurch der Gemeinde eine Ausgabe von 3000 Gulden erspart wird. Wir machen unsre Leser ganz besonders auf diese Lotterie aufmerksam, die doch nur zur Ausführung eines höchst gemeinnützigen und dem Judenthume zur Ehre gereichenden Werkes dienen wird. Mögen deßhalb die Loose derselben eine allgemeine Abnahme finden. Belgien. Brüssel, 19. Mai. (Privatmitth.) Die Anzahl jüdischer Bewohner nimmt in Belgien sehr langsam zu: am schnellsten in der immer glänzender und reicher sich entwickelnden Hafen- und Handelsstadt Antwerpen, wo sie in ca. 280 Familien etwa 1500 Seelen umfaßt. Diese beträchtliche Gemeinde hat sich bisher mit einer ganz unzureichenden und schlecht gelegenen Synagoge behelfen müssen. Jetzt steht, Dank den eifrigen und unausgesetzten Bemühungen des Hrn. Bankdirector Horn, der Bau eines neuen, würdigen Gotteshauses nebst Schule in dem eleganten Südviertel Antwerpens bevor. Die Kosten werden mit Bauplatz und innerer Einrichtung etwa 300,000 Frcs. betragen, und ist rühmend hervorzuheben, daß Stadtgemeinde, Provinz und Staat davon 22

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