Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1887)
- Date
- 1887-06-02
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
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339 So sei es denn hier den frommen Heißspornen wiederholt gesagt, daß die Verachtung, an welcher unser Stamm noch heute genugsam leidet, zum großen Theile ihren Grund hat und Ausdruck, findet in dem Vorwurfe, daß wir arbeitsscheu find. Sehen wir uns diesen Vorwurf näher an, so können wir uns nicht verhehlen, daß derselbe seine Ursache sucht und findet in dem allzu großen Ceremonienschatz lediglich, welcher durch Jahrtausende langes Anwachsen uns völlig überschwemmt hat, und daß in Folge dessen nicht nur Zeit und Umstände es selten zuließen, daß der jüdische Stamm sich der Arbeit hingebe, daß das Ceremonial-Unwesen vielmehr, angesichts der unzähligen Heilsmittel, die den Juden mit Gott verbinden, sogar die Ansicht bilden und reifen konnte, daß die Arbeit der Frommen überflüssig, da sie durch Ceremonie und Gebet mehr als ausgewogen sei. (Jeremias 7, 4. Kiduschim 82, 1. R. Nehorai.) Und so haben wir denn auch die ebenso traurige als niederdrückende Erscheinung erfahren und erlebt, daß gerade die frommen und gelehrten Juden, die angeblichen Lieblinge Gottes in der Regel die Aermsten und Unglücklichsten der Bevölkerung waren. Anstatt nun der natürlichen Ursache nachgehend zu der Erkenntniß zu gelangen, daß die todte Unfruchtbarkeit ihres Geschäftes die alleinige Schuld ihrer Armuth sei, und das Uebel an seiner Wurzel zu fassen und zu heilen, mühten und quälten die edelsten Denker sich mit der leidigen Frage ab, warum es Gott so und nicht anders gefalle und beteten auf Wunder und Zeichen trotz ihrer Kenntniß der Bibel, wo bald zu deren Anfang (1. B. Mos. 3, 19.) es heißt: „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Brod essen.. denn Erde bist Du", darum halte Dich an die Erde. Ferner heißt es (Spr. 19, 3.): „Die Narrheit des Menschen verschlenkert ihm den Weg, und dann zürnt auf Gott sein Herz". Es ist gar nicht zu bestreiten, daß mit jeder Vermehrung der Zahl der Ceremonien der Natur und der Arbeit ein Stück Boden entrissen und dem Aberglauben und dem Müßiggänge zugeführt wird. Der geistig Schwache, der es erfährt, daß in der E. J.-Erde etwas Heilsames steckt und sie erwirbt, wird sicherlich seinen weltlichen Pflichten bisweilen schwächer nachgehen in Folge des Bewußtseins, in diesem bischen Erde einen Talisman zu b> sitzen, der wunderthätig, nicht nur so manche Arbeit, sondern selbst echt verdienstliches Thun entbehrlich macht. — Julius Hamburger. Philo «ndie Halacha. Die Geschichtsforschung hat die Aufgabe, das Bild der Entwickelung in allen menschlichen Dingen aufzurollen, und jeden Zug desselben in richtiger Zeichnung und mit den angemessenen Farben darzustellcn, In der Natur des Menschen liegt es aber, auch wenn dem Geschichtsforscher persönliche Motive fern sind, daß er, für eine Zeit, eine Erscheinung, ein Ereigniß, eine Situation, eine Persönlichkeit, in deren historische Behandlung er sich versenkt hat, theils von Ansichten, welche die Zeit oder die Partei beherrschen, theils von einer gewissen Eingenommenheit sich leiten läßt, und deßhalb seine Darstellung eine gewisse tendenziöse Richtung erhält. Es ist dann das Werk späterer Kritik, die objektive Wahrheit möglichst zu ermitteln und den wirklichen Verlauf und Charakter der Dinge ans Licht zu bringen. Deßhalb halten wir es für eine besondere Aufgabe der neueren jüdischen Gelehrten, die Entwickelungsgeschichte der Tradition, namentlich der traditionellen Gesetzesbearbeitung zu erforschen und vorurtheilslos festzustellen. Sollte dabei auch die letztere an Autorität etwas verlieren, so würde sie sicherlich um so mehr durch die bewunderungswürdige Conscqueuz, den Scharfsinn und die Einsicht, die sich hier verewigt haben, durch die Hingebung und die unermüdliche Thätigkeit einer langen Reihe geistig hochbegabter Männer gewinnen, und die Erkenntniß, wie sie die vorhandenen Verhältnisse und das Bedürfniß der Zeit zu berücksichtigte, dennoch aber dem Gesetze Treue bewahrte, an Ansehen und Einfluß von Neuem einen hohen Grad erreichen lassen. Aus diesem Grunde glaubten wir wiederum die Aufmerksamkeit auf Josephus und dessen Verhältniß zur Tradition lenken zu müssen. Anknüpfend an unsre Abhandlung in Nr. 16—18 machte uns Herr Oberrabbiner vr. Ritter in Rotterdam aufmerksam, daß er 1879 eine Schrift „Philo und die Halacha" (Hinrichs, Leipzig) herausgegeben und in derselben bei jedem betreffenden Abschnitt auch auf Josephus Rücksicht genommen. Diese Schrift war uns zur Zeit nicht zugekommen, und doch ist sie durch ihre Gründlichkeit höchst beachtenswerth. Hinsichtlich des Josephus bringt sie mancherlei Ergänzungen zu der von uns angeführten Schrift Duschak's. Wir nehmen daher Veranlassung, auf Ritter's Schrift näher einzugehen und so das Verhältniß Philo's zur Halacha neben das des Josephus zu stellen. Bekanntlich ist vom Leben Philo's nur wenig auf uns gekommen. Wir kennen weder sein Geburtsnoch sein Todesjahr; seine Hauptthätigkeit ist jedenfalls in die erste Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts zu versetzen. Josephus berichtet uns, daß er der Bruder des Alabarchen (ersten Vorstehers der großen jüdischen Gemeinde zu Alexandrien) Alexander gewesen. Jndeß handelt es sich bei Josephus und Philo um ganz verschiedene Fragen. Bei Josephus, der in Jerusalem lebte und sich selbst als Pharisäer bekennt, handelt es sich, aus seinen Bemerkungen und Mittheilungen den Stand der halachischen Entwickelung zu seiner Zeit zu erforschen, indem man bei ihm die Uebereinstimmung mit oder die Verschiedenheit von der später völlig feststehenden Halacha erforscht. Nicht so hei Philo, bei welchem wir vielmehr die 22*