Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1887)
- Date
- 1887-06-02
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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338 gegen die jüdischen Mitbürger nnd wacht mit Strenge über der Würde des Reichstages. Früher war es anders; der Antisemitismus wäre nie das geworden, was er geworden ist, wenn er nicht in den Verhandlungen der parlamentarischen Körperschaften eine wohlwollende Stätte der Propaganda gefunden hätte. Jetzt — ist das nicht mehr nöthig. Herr Böckel muß zu seinem Leidwesen erfahren, daß er einige Jahre zu spät gekommen ist. Bei einem so prächtigen Thema wie das rituelle Schächten, über das der Herr Hofprediger so viele schöne Scherze gemacht hat, und das noch vor wenigen Jahren zur schönsten Antisemitenrede willkommenen Stoff geboten hätte, stand Herr Böckel gestern allein und verlassen. Kein Hofprediger kam ihm zu Hilfe. Es war gar nicht schlimm, was der reine Antisemit sagte: „Fremde Rasse, die sich als Deutsche aufspielen, Virchow ein Judenfreund, der keinen Glauben verdient", wir haben früher weit Stärkeres gehört. Aber der Präsident ist entschlossen, keine' antisemitischen Reden mehr aufkommen zu lassen und er schritt gegen Herrn Böckel, der übrigens mehr schreit als spricht, mit einer Energie ein, die genügt haben würde, ein ganzes Regiment zum Schweigen zu bringen. Das „Schweigen Sie, wenn ich die Glocke rühre," das er dem trotz allen Läutens weiterredenden Herrn Böckel entgegendonnerte, mag diesen lebhaft an seine Schulzeit erinnert haben, und die liegt weniger lange hinter ihm, als es sonst bei Volksvertretern der Fall zu sein pflegt. Ehrlich gestanden, es ist Herrn Böckel Unrecht geschehen, er hätte das Recht gehabt, Herrn Brömel weiter zu antworten. Was aber der Präsident unter offenbarer Zustimmung des ganzen Hauses thut, wird dadurch Recht, und Herr Böckel wird sich darein finden müssen, daß durch die gestrige Sitzung der Antisemitismus für nicht mehr parlamentsfähig erklärt worden ist." Lissa (Posen), 22. Mai. Cre; IiKroeil-Crde. Im „Israelit" Nr. 37. Extra-Beilage Seite 668 d. M. ist in sehr großen Lettern folgendes, die ganze Seite allein einnehmendes Inserat zu lesen: „Mittheilungen. 1. Im Interesse unserer sämmtlichen bedürftigen Glaubensgenossen in den Vier heiligen Städten befassen wir uns nach wie vor mit dem Verkaufe von Erez Jisroeil-Erde. 2. Für N"jm djh byz tno '21 bestimmte Spenden finden durch unsere Vermittelung in Wirklichkeit diejenige Verwendung, welche von p« ’jiw 8"jm Tiu dafür angeordnet ist." Dasselbe hat auf mich einen solch seltsamen, empfindlich mich berührenden Eindruck geMächt, daß ich nicht umhin kann, es hier zu besprechen. Anfangs vermißte ich hier noch ein Drittes und zwar den Handel mit myop (Amuletten- Geklecksel), da diese der lebendigen, leidenden Menschheit zugute kämen, während die Erez Jisroeil-Erde nur den Tobten nützlich werden soll. Dieselben Herren, welche die E. J.-Erde liefern, und außer ihnen noch viele Andere, würden auch diese eingekapselten Schriftstücke „gegen Geld uud gute Worte", wie mir jüngst ein galizischer, in Deutschland angestellter junger Rabbiner bezüglich seines Religionsunterrichts sagte, bereitwilligst abgeben. Nach einiger Ueberlegung erkannte ich indeß, daß, da nur „im Trüben gut fischen ist", bei Licht besehen es hier heißt, „ja, Bauer, das ist freilich etwas ganz anderes", da dem Handel mit myop nicht nur in der Regel die Treulosigkeit nachgewiesen werden würde, ja, er könnte sogar das Eingreifen der Staatsanwaltschaft wegen Betruges zur Folge haben. — Trotz der Einschränkung des Handels dieser Herren auf E. J.-Erde allein, muß ich dennoch, so oft dieser Handel mir einfällt, mich fragen: „Leben wir wirklich im neunzehnten Jahrhundert, im Herzen Deutschlands und in Stellungen, die nicht gar zu viel zu wünschen übrig lassen? —" Die weitere Frage: „Bei der zärtlichen Vorliebe dieser Herren für E. J.-Erde, welche in den abzugebenden Mengen doch nur etwa dem fetten und süßen „Streusel" auf dem Kuchen gleichkommt, warum machen dieselben Herren sich nicht an denjenigen Kuchen, der ans lauter Streusel, Milch und Honig besteht, indem sie nach dem gelobten Lande auswanderten"? weiß ich allerdings nur mit dem Umstande zu beantworten, weil es dort keine hohen Gehälter, keine, fetten Pfründen, keine reichen Heirathen, keine Sicherheit des Besitzes, weil dort Klima, Regierung, Bevölkerung, und Alles, was damit zusammenhängt, den Aufenthalt in diesem Schlaraffenlande verleiden. Die Herren ziehen es daher vor, dem Psalmisteu zu folgen, welcher (37, 3.) singt: Bleib' im Lande und pflege dich weidlich, (ruiD.x als Adverbium.) — Wer mich kennt, weiß, daß ich ein Freund des Glaubens überhaupt und ein Förderer der jüdischen Religion insbesondere bin, weil ich mich überzeugt habe, daß die Menschen allesammt, wenn auch unterschiedlich keine Ruhe finden, so sie nicht an etwas glauben und somit auf etwas hoffen. — In Folge dessen kann ich daher recht lebhaft mir die Kette denken, welche, von dem schauerlich Höchsten und Heiligsten ausgehend, Glied an Glied gereiht, ihren Auslauf nimmt in dem Wahne, daß die E. J.-Erde etwas Heilvolles in sich birgt. — Aber auch gerade deswegen kann ich mein großes Bedenken nicht todtschweigen, sondern muß öffentlichen Tadel aussprechen und warnen vor dem hier geschehenen Zuviel, weil mir vor der Reaction bangt, welche naturgemäß diesen Uebertreibungen folgen muß.