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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-05-26 · Heft 21 (26.5.1887) · p. Seite 328

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 21 (26.5.1887)
Date
1887-05-26
Page
Seite 328 (sequence 8)
Language
German
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328 Schächten hinterher, nachdem der Schnitt geschehen ist, eine Betäubung der Thiere zu bewirken, vermag ich nicht zu beurtheilen. In dieser Beziehung scheinen mir die Ansichten in den betheiligten Kreisen selbst verschieden zu sein. Sofern es möglich ist, würde ich nicht anstehen, dieses selbst vorzuschreiben; sofern aber dadurch in das religiöse Gefühl der Juden eingegriffen würde, müßte es unterbleiben. Ich würde es daher mit Freuden begrüßen, wenn nach dem Anträge der Commission die Petitionen der Reichsregierung zur thunlichsten Berücksichtigung überwiesen würden mit Ausnahme derjenigen, die sich auf das Schächten beziehen, eventuell stimme ich für den Antrag Windthorst unter Weglassung des Wortes „thunlichst". Ich würde sonst selbst einen dahin zielenden Antrag stellen. Abg. Kulemann ist der Meinung, daß der Antrag auf Uebcrgang zur Tagesordnung angesichts der in den Petitionen der Thierschutzvereine vorgebrachten Thatsachen zu weit gehe und empfiehlt den Kommissionsantrag. Abg. Boeckel: Zunächst muß ich gegen den Standpunkt der Mehrzahl der Vorredner protestiren. Für mich sind die Juden in erster Linie nicht eine Confession, sondern eine Rasse (Unruhe). Das Schächten ist für mich eine alte Gewohnheit dieser orientalischen Rasse, und ich denke, wenn sich uns die Juden immer als Deutsche aufspielen, deutsche Mitbürger sein wollen, dann müßten sie sich den Anschauungen, die unter uns Deutschen gang und gäbe sind, d. h. den Anschauungen, wie sie die Petitionen der Thierschutzvereine wiedergeben, auch fügen. Es ist höchste Zeit, daß in dieser streitigen Frage einmal seitens der Regierung Untersuchungen angestellt werden, die uns Klarheit darüber geben, ob das Schächten der Humanität entspricht oder nicht. Das, was die Israeliten über diese Frage zusammengestellt haben, muß ich als parteiisch anzweifeln. Eine unparteiische, objektive Prüfung zu fordern, halte ich für meine Pflicht in diesem hohen Reichstag. Abg. Windthorst: Ich bin ein großer Freund der Thierschutzvereine; aber das kann mich nicht hindern, wenn sie das Maaß überschreiten — und das haben sie hier gethan — ihnen entgegenzutreten. Wenn es sich um religiöse Anschauungen handelt, die durch Jahrhunderte überkommen sind und von unseren Mitbürgern heilig gehalten werden, so gebe ich der Regierung nicht das Recht, einzugreifen. Ich bin nicht der Meinung, daß die religiösen Anschauungen zu modeln seien nach angeblich modernen Ideen. Der Abg. Boeckel möge das ganze Material, das uns vorliegt, prüfen; dasselbe giebt klar und bestimmt die Entscheidung an die Hand. Mein Prinzipalantrag entspricht durchaus der Sachlage; sollte er nicht angenommen werden, so bin ich bereit, in dem Eventualantrag das Wort „thunlichst" zu streichen. Abg. Brömel: Auch ich bin durchaus ein Freund der Bestrebungen, denen die Thierschutzvereine huldigen, und bin bereit, ihnen in der Gesetzgebung zum Ausdruck zu verhelfen. Das kann mich aber nicht hindern, in einzelnen Punkten, in welchen von anderer Seite ausgiebiges Material beigebracht ist, ihnen entgegenzutreten. Die uns beschäftigende Petition ist in den Punkten, in welchen sie genauer Prüfung unterzogen werden konnte, als völlig unbegründet erkannt und bedarf näherer Prüfung nur noch in Punkten, in welchen sie Mangels ausreichenden Materials in der Commission nicht eingehend geprüft werden konnte. Das ist der Stand- Punkt, welchen Abg. Windthorst in seinem Prinzipalantrag zum Ausdruck gebracht hat und den ich deshalb zur Annahme empfehle. Gegenüber dem Abg. Böckel möchte ich auf die Auszüge aus den wissenschaftlichen Gutachten und speciell auf diejenigen Worte Hinweisen, mit welchen Professor Virchow sich über die Frage äußert: Wenn alle Bestimmungen des Rituals vollständig erfüllt werden, was bei der Natur der Handlung sicher zu erwarten ist, so wird der Zweck des Schächtens in ungleich sicherer Weise erreicht, als durch irgend eine andere Art der Tödtung. Meiner Meinung nach kann daher mit irgend einem Scheine von Recht nicht behauptet werden, daß das Schächten im Gegensätze zu anderen Arten des Schlachtens eine Thierquälerei darstellt; es liegt kein Gutachten irgend einer Autorität auf diesem Gebiet vor, welches diesem Ausspruch entgegenstände. Es kann deshalb auch nicht anerkannt werden, daß diese Frage eine streitige ist. Sie ist nur streitig für Denjenigen, der auf die angestellten Untersuchungen überhaupt kein Gewicht legen will und sich mit den allgemeinen unbewiesenen Behauptungen der Thierschutzvereine zufrieden giebt. Der Abg. Böckel hat von unseren jüdischen Mitbürgern als einer fremden Rasse gesprochen; wir können in Bezug auf diese Frage getrost die Zukunft abwarten. Die Juden, die ganz andere Stürme überstanden haben, werden vor den Angriffen des Abg. Böckel sich nicht fürchten. In jenen Kreisen, in welchen der Abg. Böckel durch seine Agitationen seine Wahl durchgesetzt hat, haben sich allerdings Verhältnisse herausgebildet, welche auf das Tiefste beklagenswerth sind. Es ist in diesen Theilen Hessens eine Verhetzung der Bevölkerungsclassen eingetreten. Präsident: Ich bitte den Herrn Redner nicht zu weit von dem Gegenstand der Tagesordnung abzuweichen. Abg. Brömel (fortfahrend): Wenn hier von dem Abg. Böckel in so schroffer Weise Angriffe auf viele Tausende deutscher Mitbürger ausgesprochen worden sind, welche eine angemessene Zurückweisung verdienen, so glaube ich, daß hier in diesem Saale der Raum sein muß, um doch mit wenigen Worten eine solche Zurückweisung erfolgen zu lasten. Präsident: Soweit es sich um die Zurückweisung von Aeußerungen des Abg. Böckel handelt, werde ich den Redner in seiner Redefreiheit nicht beschränken; ich bitte ihn aber,

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