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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-05-26 · Heft 21 (26.5.1887) · p. Seite 324

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 21 (26.5.1887)
Date
1887-05-26
Page
Seite 324 (sequence 4)
Language
German
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324 folgerichtig auch das Familienleben. Es sind jetzt etwa drei bis vier Jahrzehende her, als man uns berichtete, daß ein großer Theil der Juden in der Provinz Posen, aus welcher zahlreiche junge Männer nach Amerika ausgewandert waren, von dem lebe, was diese ihren Eltern und Verwandten von dort aus schicken. Es ergriff uns dies sehr tief, denn wir lebten immer der Ueberzeugung, daß, so lange ein Mensch die Ehrfurcht vor den Eltern, die Liebe zu diesen, zu den Geschwistern und Verwandten bewahre, er sittlich nicht versinken, nicht untergeheu könne. Dahin, und daß in den jüdischen Familien die alte Sittenstrenge, die Keuschheit und Innigkeit in allen Familienverhältnissen behütet und gepflegt werde, dahin müssen wir mit allen Kräften streben. Im Unterrichte der Jugend muß immer wieder dahin gewirkt werden, daß die rechten Gefühle in den kindlichen Herzen lebendig werden und bleiben. Die jüdischen Kanzelredner müssen immer wiederholt auf den Pflichtenkreis der Familie eingehen, weckend, mahnend und warnend. Nicht bloß sentimental, sondern auch zum Verstände, müssen sie reden, daß die Hörer begreifen, wie ihre unmittelbaren Interessen, auch ihre materiellen, mit den Familienbanden Zusammenhängen, daß das wahre Glück des Menschen doch nur innerhalb der Familie genossen wird, daß die wahre Geistes- und Herzensentwickelung nur auf dem Boden der Familie gedeiht. Die Hauptsache aber bildet auch hier die Erziehung, besonders die religiöse. In den gegenwärtigen Geschlechtern sind die Eltern zu ihren Kindern viel zu weich und zu zärtlich. Wir sind von abstoßender Strenge kein Freund; aber der Respect, eine gewisse Entfernung muß beobachtet werden; die Liebe allein darf sich nicht allzu sehr verrathen; eine gewisse Zurückhaltung muß obwalten. Sagt doch auch der weise Spruchredner: „Wer sein Kind liebt, züchtigt es." Andererseits ist es gar zu häufig, daß der Vater mit der Erziehung seiner Kinder sich viel zu wenig beschäftigt, sein Auge nicht darüber wachen läßt. Des Tages über von seinem Geschäfte eingenommen, des Abends müde oder eine Zerstreuung aufsuchend, läßt er es an der väterlichen Obhut und Zucht allzusehr fehlen. Welch' ein Contrast mit jenem Gebote der Schrift: „ Diese Worte, die ich dir heute gebiete, seien in deinem Herzen, und schärfe sie ein deinen Kindern und rede davon, so du sitzest in deinem Hause und so du gehest auf dem Wege, so du dich niederlegest und so du aufstehest." Aber der religiöse Geist, dieser eigentliche Quell des Familienlebens, ist in zahlreichen jüdischen Häusern allzusehr abgeschwächt oder ganz und gar daraus gewichen. Dies ist der Hebel, mit welchem angesetzt werden muß. Wir meinen nicht die Rückkehr zu dem streng orthodoxen Formalismus. Denn die Erfahrung hat gelehrt, daß gerade aus diesem sehr häufig irreligiöse Jünglinge und Jungfrauen hervorgehen, auch aus hochorthodoxen Schulen. Aber die Liebe zur väterlichen Religion, die Hochachtung und Uebung der wesentlichen Grundsatzungen, die warme Auffassung und das innige Verständniß derselben müssen genährt und gepflegt werden im Hause. Dies pflanzt sich den jugendlichen Gemüthern tief ein und die Erinnerungen daran beleben sich, wenn der junge Mensch selbst Haus und Familie gründet. Wir begnügen uns mit dieser Skizze, aus welcher nachhaltig hervorleuchtet, — zumal wenn wir das neue Testament und den Koran vergleichen — daß das Familienleben ein wesentliches Element des Judenthums, nicht bloß in einzelnen formulirten Lehrsätzen ausgedrückt, sondern als ein ganz realer Bestandtheil sich geltend macht und eine stete Pflege und Verwirklichung fordert. Autonom und Heleronom. Wenn wir dem Skepticismus und dem Unglauben wirklich zu Leibe wollen, so dürfen wir uns nicht mit schönklingenden, aber oberflächlichen Worten beguügen, wie dies so oft geschieht. Der Einfluß und die Herrschaft der Phrase sind so ziemlich vorüber, da sie zu viel angewendet und gemißbraucht worden. Wir müssen ihnen selbst vielmehr die Einseitigkeit und Ungründlichkeit Nachweisen, die sie ihren Gegnern so oft vorwerfen. Die jüngsten modernen Philosophen, z. B. E. v. Hartmann, legen ein großes Gewicht auf ihre Unterscheidung von autonom und heteronom auf dem Gebiete der Sittlichkeit. Autonom ist ihnen jeder Ent schluß, jede Vorschrift, die im Menschen aus sich selbst hervorgeht, heteronom jedes Gesetz, jede Vorschrift, jedes Motiv, das von Anderen, von Außen herrührt. Mache ich es mir z> B. zum Gesetz, jeden Tag eine Stunde spazieren zu gehen meiner Gesundheit wegen, so ist dies autonom; schreibt es mir aber der Arzt vor, so ist es heteronom. Nach jenen Philosophen liegt nun der wahre volle sittliche Werth im Autonomen, im autonomen Entschluß, in der autonomen Handlung, und knüpft sich hieran die Verantwortlichkeit. Sie fordern deshalb vom Menschen, daß er sich von allem Heteronomen, also von den Vorschriften der Religion und der religiösen Sittlichkeit, frei mache, und alle Beweggründe seines Thuns aus sich selbst schöpfe. So wie hinsichtlich des Glaubens — wie wir erst in Nr. 19 gesehen — von dem Abhängigkeitsgefühle von einer höheren Macht man sich freimachen solle und uns deshalb die irrige Meinung, als ob die Religion nur in diesem Abhängigkeitsgefühle ihren Grund habe, beigebracht werden soll: so bestehe die Freiheit des Geistes darin, daß man jedes heteronome Sittengesetz zurückweise und die Motive seines Handelns nur aus sich selbst schöpfe. Es versteht sich, daß man sich auf diese Freiheit und Selbständigkeit des Menschengeistes viel zugute thut und darin die höchste Höhe des Menschenthums und der Philosophie findet. Und doch

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