Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1887)
- Date
- 1887-05-26
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
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323 schildert ist. Wie tief und andauernd ist der Schmerz Jacobs über den Verlust Josephs: „Jacob zerriß seine Gewänder und legte Sack um seine Lenden und trauerte um seinen Sohn lange Zeit." Als Joseph seinen Bruder Benjamin erblickt, muß er sich entfernen, um seinen Thränen freien Lauf zu lassen, und als ihm Juda geschildert, wie, wenn er Benjamin nicht zurückbrächte, der Greis sterben und „das graue Haupt des Vaters in Kummer in die Gruft gesenkt würde." — „Da konnte sich Joseph nicht überwinden und er erhob seine Stimme mit Weinen und rief seinen Brüdern zu: „Ich bin Joseph! lebt also mein Vater noch?" Als nun Jacob und Joseph zusammentrafen, da fiel Joseph seinem Vater an den Hals und weinte an seinem Halse lange und Jacob rief: „Sterben mag ich nunmehr, nachdem ich Dein Antlitz geschaut, daß Du noch lebest!" Wie ergreifend, so wenige Worte auch gebraucht werden, wird der Schmerz Josephs bei dem Tode seines Vaters geschildert (1. Mos. 50, 1); wie hochherzig tröstet er seine Brüder, da sie fürchten. daß er nach des Vaters Tode sie für ihr Vergehen an ihm züchtigen werde! Als der höchste Segen, der Joseph geworden, wird der Umstand betont, daß ihm „Enkel und Urenkel seiner beiden Söhne auf seinen Knieen geboren wurden." Als Moses nach Aegypten ging, um sein Volk vom Joche der Knechtschaft zu befreien, ging er erst nach Midjan zurück, seine Frau und seine beiden Söhne zu holen, daß sie bei ihm seien, war er doch gewiß, daß mit der Hülfe des allmächtigen Gottes sein großes Werk gelingen werde (2. Mos. 4, 20). Welches Triumphlied stimmte Hanna an, als sie endlich einen Sohn geboren und ihn dem Dienste des Herrn weihen konnte (1. Sam. 2, 1). Als der Knabe, den Bathseba dem Könige David geboren, zum Sterben erkrankt war, da „suchte er Gott um den Knaben und fastete und ging hinein und lag Nachts auf der Erde, und es machten sich auf um ihn die Aeltesten seines Hauses, ihn aufzurichten von der Erde, aber er wollte nicht, und genoß keine Speise mit ihnen bis zum siebenten Tage, da starb das Kind. (2. Sam. 12, 16.) Aber noch lebhafter erwies sich die Vaterliebe Davids, als Absalon, der freche Empörer gegen seinen Vater, der ihm die Krone geraubt, und seine Ehre geschändet hatte, nach verlorener Schlacht getödtet worden. Als er diese Nachricht erhalten, da erbebte der König und ging hinauf auf das Obergemach des Thores und weinte, und also sprach er im Gehen: „Mein Sohn Absalon! mein Sohn! mein Sohn Absalon! Wäre ich gestorben statt Deiner, Absalon, mein Sohn, mein Sohn!" — Es versteht sich, daß auch in den Propheten und Hagiographen oft genug Gleichnisse aus dem Familienleben und den Gefühlen, die es beherrschen, gezogen werden. Wir wollen nur noch ein Beispiel anführen aus Jesaias 66, 12. Da der Prophet den zurückkehrenden Juden die glückliche Zukunft, die ihrer warte, schildern will, sagte er: „Auf dem Arme sollt ihr getragen, auf den Knieen geliebkoset werden, Wie einen Mann, deß Mutter ihn tröstet, also werd' ich euch trösten, und in Jeruschalajim werdet ihr getröstet." Doch nicht minder bringen uns Talmud und Midrasch viele Züge aus dem Familienleben zum innigsten Gefühle. Der neuere Fleiß, zu sammeln und zu übersetzen, hat auch das größere Publikum damit bekannt gemacht. Wir erinnern nur an die hochherzige Frau des R. Akiba, die Armuth und Entbehrungen ertrug, um dem geliebten Manne treu zu bleiben, und ihre Haarflechten verkaufte, um ihm den Eintritt in die Schule zu ermöglichen; an die heldenmüthige Frau des R. Mett, als ihre beiden Söhne gestorben, während ihr Mann im Lehrhause weilte, und nur bedacht war, demselben die Nachricht ihres und seines Verlustes in schonendster Weise beizubringen und ihn sofort aufzurichten; an jenen Juwelenhändler, der den Verkauf eines seltenen Edelsteins verweigerte, weil er den schlummernden Vater nicht wecken wollte, dessen Fuß auf dem Diamantenkasten ruhete, der aber auch den Gewinn zurückwies, welcher ihm aus der Verzögerung des Verkaufes erwachsen sollte, und an viele andere anziehende Erzählungen. — Was ist da zu verwundern, daß, als die Zeiten der Verfolgung über die weithin zerstreuten Juden gekommen, diese für alle Ausschließungen, Verhöhnungen und Mißhandlungen, ihren Trost und ihre Entschädigung in ihrem Familienleben suchten und fanden. Was ihnen auch draußen begegnete, und es war meist bitterster Art, kehrten sie in den Schooß ihrer Familie zurück, so waren sie geliebt und geachtet, behütet und verehrt. Dies war der Felsen, auf welchem ihr Bestand und ihr Glück gesichert war, der Schild, von welchem jeder Pfeil abprallte, sobald er sie nicht zum Tode traf! Ist es noch so? . . . Wenn die Zeugnisse von Gegnern ein besonderes Gewicht verdienen, so ist das Familienleben der Juden noch heute ein musterhaftes, nachahmenswerthes. So viele Anschuldigungen sie gegen die Juden häufen, dies gestehen sie ihnen immer zu. Die Selbstkritik möchte doch etwas anders lauten. Der Jude ist auf eine ganz andere Bühne, auf einen'ganz anderen Kampfplatz getreten, sein Blick hat sich bis über die ganze Menschenwelt erweitert, seine Anschauungsweise geändert. Mit der Cultur, Bildung, Theilnahme an dem allgemeinen Leben, mit der Amalgamirnng hat sich die Sitte gelockert. Die Wohnungen sind lichter, luftiger, reinlicher geworden; aber in den Häusern der Reichen hat sich der Luxus in übermäßiger Weise heimisch gemacht, in denen der Unbemittelten das Verlangen darnach. Prunksucht, Genußsucht und Ehrgeiz haben sich allzu sehr der Gemüther bemächtigt. Namentlich in die Reihen der Jugend ist nicht bloß die religiöse Gleichgültigkeit, sondern auch die Irreligiosität eingedrungen und macht ihre verheerende Wirkung in sittlicher Beziehung bemerkbar. Unter allep diesen Neigungen leidet 21*