Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1887)
- Date
- 1887-05-19
- Page
- Seite 316 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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316 halb durchschallt, so daß die eine Hälfte nur noch an der Haut und den Knorpeln hängen blieb. Endlich gelang es, den Rasenden zu fesseln. Jetzt liefen aber die Juden hinzu und nur mit Mühe konnten dieselben zurückgehalten werden, an dem Mörder Lynchjustiz zu verüben. Trotzdem die Gendarmen die Andringenden zurückhielten, gelang es dennoch einem Juden, dem am Boden gefesselt Liegenden eine Ohrfeige zu versetzen; ein Fußstoß gegen den Magen war die Antwort hierauf, welcher so kräftig war, daß der Jude ohnmächtig zusammenbrach und fortgetragen werden mußte. Die Verwundeten wurden mit dem Zuge nach Odessa gebracht, wo der Bahnarzt Baranowski ihnen die erste Hilfe erheilte und ihre Ueberführung mach dem Spital veranlaßte. (Der Bösewicht war offenbar zuerst vom religiösen Fanatismus ergriffen, und dann in Mordwuth gerathen!) — Die Königin von Italien hat bei ihrem jüngsten Aufenthalte in Venedig 12,000 Lire für die Waisenkinder aus der letzten Epidemie in dieser Stadt bestimmt. Die deßfalsige Commission hat dem dortigen Oberrabbiner angezeigt, daß die zehn Waisenkinder der jüdischen Gemeinde an der Spende der Königin betheiligt werden sollen. — Aus Pest wird uns geschrieben: In Nagy Karoly, dem Hauptorte des Szathmarer Comitats, ist das sogenannte Judenviertel, aus mehreren Hundert Häusern bestehend, Freitag den 6. d. M. total niedergebrannt. Die schöne Synagoge konnte gerettet werden. An demselben Tage wurde Eperies in einen Schutthaufen verwandelt. Neben vielen öffentlichen Gebäuden ist auch die Synagoge verbrannt. — (Schönerer und das Judenthum.) Die in Wien erscheinende „Sonn- und Montagszeitung" veröffentlicht über die Beziehungen der Familie Schönerer's zum Judenthum die folgenden authentischen Daten: Der Urgroßvater der Gattin Schönerer's, Leopold Provander, hieß ursprünglich Schwül Leeb Kohn. Ei war 1762 zu Pohrlitz geboren und ist daselbst 1832 gestorben. Er wurde vor seiner Taufe in der dortigen Synagoge wiederholt unter dem Namen Schmül Leeb Kohn ben Rabbi Josua zum Segensspruch über die Thora aufgerufen. Sein Vater Josua Kohn übte die priesterlichen Functionen der Kohanim. Nach der Taufe erlangte Schmül Leeb einen Tabak-Großverschleiß in Pohrlitz und wurde später Armee-Getreide-Lieferant. Seine Tochter Therese heirathete den Edlen v. Gschmeidler. Dieser Ehe entsproß der Vater der Gattin Schönerer's. dessen Kinder somit mütterlicherseits von Juden abstammen. Pest, 7. Mai. (Literarische Notizen.) Die Gedenkrede, welche vr. Ad. Jellinek auf Hrn. Josef Ritter von Wertheimer am 25. April d. I. im israel. Bethause der innern Stadt Wien gehalten hat, ist im Drucke erschienen (Wien, Waizner, 1887). Der gefeierte Redner schildert mit Zugrundelegung der vier Schlußverse des 92. Psalms den Verewigten nach seinem ganzen inhaltreichen Wirken als Schriftsteller, als Kämpfer für die Emancipation der Juden nach Innen und nach Außen, als Präsidenten der Wiener Cultusgemeinde, deren Frieden und Einigkeit er stets zu erhalten strebte, als Vorsitzender der Cultusangelegenheiten und des Schulwesens, als Gründer von Wohlthätigkeits-Jnstituten und der Wiener israel. Allianz. Der Dahingeschiedene hatte ein Jahr vor seinem Tode mit eigener Hand seine Todesanzeige niedergeschrieben, die Bestimmung der Daten der göttlichen Vorsehung überlassend, mit dem Schluffe: „Kranzspenden werden dankend abgelehnt." Die Rede ist ein Denkmal, würdig des Mannes, dem es gesetzt worden. Kg. §? nt 111 cf o it. Die Hungersnoth in den biblischen Zeilen, n. Einen reicheren Stoff für unseren Gegenstand bieten die prophetischen Schriften. Sie gehen sämmtlich von dem Gesichtspunkte aus, daß die Hungersnoth eines der Strafmittel für die religiöse und sittliche Entartung des Volkes sei. So zeichnet Joel dieselbe im 1. Kapitel als Folge eines jener im Orient nicht seltenen Heuschreckenschwärme, den er in unübertroffener Weise schildert. Dann sagt er: „Die Körner verdumpften unter der Scholle, verödet sind die Vorrathskammern, verfallen die Kornbehälter, denn zu Schanden wird das Getreide. Wie ächzet das Vieh, irren die Rinderherden umher, denn keine Weide ist für sie, selbst der Schafe Herden kommen um. Zu Dir, o Ewiger, rufe ich, denn Feuer verzehret die Anger der Trift, und Flamme versengt die Bäume des Feldes. Auch des Feldes Thier, es lechzt zu Dir empor, denn vertrocknet sind die Wasserquellen und Feuer verzehret die Anger der Trifft." Bei Jesaias finden wir eine drastische Zeichnung jener Beobachtung, daß in Zeiten der Hungersnoth die Menschen noch viel schwerer sich sättigen, selbst wenn sie Nahrung haben. Er sagt (9, 19): „Das Volk schlingt zur Rechten und hungert, es frißt zur Linken und wird nicht satt, ein jeder frißt seines Armes Fleisch." — Ueberall in der h. Schrift wird die Liebe der Eltern zu den Kindern hervorgehoben, also ein Grundzug