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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-05-19 · Heft 20 (19.5.1887) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 20 (19.5.1887)
Date
1887-05-19
Page
Seite 315 (sequence 11)
Language
German
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315 Juden nicht — dabei funktioniren dürfen. Das einzige Hilfsmittel ist die Auswanderung, und diese ist auch in vollem Gange. Die amerikanischen Einwanderungslisten beweisen dies. Im Jahre 1886 allein landeten in New Pork über 2000 rumänische Israeliten. Da nach den jetzt gültigen Vorschriften die Vereinigten Staaten nur Einwanderer zw lassen, welche einige Mittel besitzen, so werden dem rumänischen Lande dadurch viele Menschen- und Geldkräfte entzogen, an welchen Rumänien gewiß keinen Ueberfluß besitzt. Aber was fragen die rumänischen Machthaber nach dem wirklichen Wohl des Volkes? Sie haben sich einmal mit Judenhaß erfüllt und das verblendet sie gegen alle dadurch angerichteten Schäden. Bulgarien. Sofia, 1. Mai. Wie sehr Bulgarien von Parteien unterwühlt ist, von welchen jede die in der Regierung befindlichen Personen durch alle Mittel zu stürzen und die Macht an sich zu reißen sucht, haben die Ereignisse seit 1880 genügend erwiesen. Man lese nur die bekannte Schrift des Predigers Koch über die maßlosen Jntriguen, die unter der Regierung des Fürsten Alexander von Battenberg gespielt haben und die endlich zum Sturze dieses Prinzen führten, kurz nachdem er so glänzende Siege über die in Bulgarien eingefallenen Serben erfochten hatte. Selbstverständlich ist daher auch die gegenwärtige Regentschaft von einer Opposition umgeben, der alle Mittel recht sind, die zur Bekämpfung derselben dienen können. Vor Allem zielt diese Opposition darauf ab, Unruhen anzustiften, um Europa zu überzeugen, daß die Regentschaft nicht im Stande sei, die Ruhe aufrecht zu erhalten. Hieraus wird ein Vorfall erklärlich, der in Sofia in den letzten Tagen des März viel Aufsehen erregte und über welchen das Aprilbulletin der Alliance isr. univ. ausführlich berichtet. In der Dunkelheit der Nacht drang in den Hof der mazedonischen Synagoge ein Mann mit einem sorgfältig zusammengerollten Packele ein, grub ein Loch, in welches er das Packet steckte und Erde darüber breitete. Glücklicher Weise überraschte ein Gensdarm den Thäter, öffnete mit seinem Säbel das frisch zugedeckte Loch und fand in dem Packete die Leiche eines Kindes. Der Verbrecher ist im Gefängniß und sieht seinem Urtheil entgegen. Was man geplant hatte, ist einsichtlich. Man wollte einen Volksaufstand gegen die Juden provoziren und diesen benutzen, um Empörung und Aufruhr zu bewerkstelligen. Glücklicher Weise ist dieser scheußliche Plan vereitelt worden, denn wenn er geglückt wäre, würden die Folgen unübersehbar geworden sein. Tunesien. Tunis, im Mai. Bei der jüngst vorgenommenen Reise französischer Minister durch Algerien und Tunesien war im Gefolge derselben auch Herr Eugen Pereira, Präsident der Compagnie Generale Transatlantique. Dieser nahm die Gelegenheit wahr, die Notablen der jüdischen Gemeinde von Tunis zu versammeln und eine Ansprache an sie zu halten, in welcher er ihnen die weisesten und patriotischesten Rathschläge ertheilte. Sie wurden mit allgemeinem Beifall ausgenommen und deren Befolgung versprochen, so weit dies bei dem Culturzustande der großen Masse (über 30,000 Juden in der Stadt Tunis allein) möglich sein werde. Herr Pereira hinterließ auch eine ansehnliche Summe für die Armen der Gemeinde. — Bemerkenswerth ist, daß, wie mehrfache Vorkommnisse erwiesen, die tunesischen Juden als Abkömmlinge der spanisch-portugiesischen Flüchtlinge noch das Vorurtheil hegen, sich mit europäischen Juden nicht zu verheirathen. Es ist dies nicht zu verwundern, da in Europa selbst erst seit wenigen Jahrzehnten Ehen zwischen diesen sogenannten portugiesischen und deutschen oder polnischen Juden vorgekommen sind. Betonen müssen wir dabei, daß dieses Vorurtheil nur von den ersteren gehegt worden. Bonn, 12. Mai. (Notizen). Man schreibt aus Odessa vom 30. April: Ein furchtbares Drama spielte sich, der „Od. Ztg." zufolge, am 26. April im Marktflecken Kryshopol, Station der Südwestbahnen, ab. Ein beurlaubter Arbeiter der Südwestbahn, welcher mit einem Freibillet nach Kiew und zurück versehen» sich in Kryshopol aufhielt, begegnete Abends, als er nach dem Bahnhofe ging, einem Juden, den er mit den Worten: „Christoss woskress!“ („Christ ist erstanden" — der bekannte russische Ostergruß) anhielt und ihm gleichzeitig mit einem langen Messer den Bauch aufschlitzte und ihm noch außerdem 8 gefährliche Stichwunden beibrachte. In der Meinung, daß der Jude todt sei, ging er weiter und begegnete noch 6 Juden, welchen er allen ebenfalls furchtbare Stichwunden mit den Worten „Christos« woskress“ beibrachte. In der Nähe der Station Kryshopol bemerkte er einem Bauer, harmlos neben seinem Wagen hergehend. Auch diesem brachte er eine 7 Zoll lange Wunde in der Seite bei. Derselbe sank sofort um und wurde von dem Bahnwächter, welcher den Vorfall bemerkt hatte, nach der Wächterbude gebracht, wo er bald darnach seinen Geist aufgab. Hierauf begab sich der Unmensch nach der Station, wo gerade ein Zug angelangt war, der nach Odessa ging, trat in die Bahnhofsresiauration 1. Klasse und verlangte ein Glas Thee. Als zum ersten Male geschellt wurde, rief er den Kellner, um zu zahlen. Als dieser kam, zog er jedoch wieder sein Messer hervor und führte einen Stich nach dessen Bauch. Der Kellner parirte den Stich jedoch mit seiner Hand und rief laut nach dem Gendarmen. Als dieser hinzukam, zog der Mörder mit einem kräftigen Ruck sein Messer ans der Hand des Kellners, wobei er demselben die Hand 20*

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