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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-05-19 · Heft 20 (19.5.1887) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 20 (19.5.1887)
Date
1887-05-19
Page
Seite 309 (sequence 5)
Language
German
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30S „der Einwanderung seine moralische und materielle Unterstützung gewähren, den Einwanderern zur Erlangung der Naturalisation helfen und somit den Genuß der bürgerlichen Rechte sichern werde." Doch sollten vorzugsweise die Nachkommen der aus Spanien vertriebenen Juden berücksichtigt werden. Am 11. Februar 1887 veranlaßte das Comitö eine Interpellation an die Regierung, und diese antwortete in dem Sinne, daß jeder Fremde, welcher Religion er auch angehöre, in Spanien frei leben könne — über die Naturalisation ließ sich der Minister nicht aus, und doch ist dies der Cardinalpunkt der Frage. An fremden Israeliten fehlt es nicht: in der Volkszählung von 1877 wurden in den verschiedenen Provinzen 406 Israeliten gezählt. — Herr Loeb beschäftigt sich alsdann mit der „legalen Frage", und findet, daß die Ausdrücke des Gesetzes über die Naturalisation, die noch dazu vier Stufen hat, sehr unbestimmt sind, so daß die Ertheilung jener von der jeweiligen Regierung abhängt, die wiederum nach ihrer Tendenz liberal oder illiberal ist. Endlich die ökonomische und sociale Seite. Spanien ist verhältnißmäßig kein wohlhabendes Land, weßhalb die Einwanderer ein Vermögen besitzen müssen, oder die Gewißheit, eine gesicherte Existenz zu haben. Allein Industriellen und Geschäftsleuten mit größeren oder geringeren Capitalien kann der Eintritt in Spanien angerathen werden. Kleine Kaufleute, Händler und Spezereikrämer können nicht gedeihen, weil die Concurrenz schon viel zu groß ist. Die Kenntniß und eine gute Aussprache des Spanischen ist unerläßlich. Kein armer Israelit aus Rußland, Rumänien und dem Orient kann nach Spanien wandern» wo ihm jede Hülfe und Unterstützung abgeschnitten ist. Am gefährlichsten wäre es, wenn eine Einwanderung in Maffe stattfände, da man des spanischen Volksgeistes durchaus nicht sicher ist, ob er sich nicht gegen die andersgläubige und fremdartige Erscheinung fanatisiren würde, noch dazu, da die gesammte Geistlichkeit feindselig dieser Einwanderung gegenüber steht. So stimmt Herr Loeb in seiner gründlichen Untersuchung vollständig mit dem überein, was wir seit Monaten in dieser Angelegenheit gepredigt haben. Die Einwanderung bemittelter Industrieller und Geschäftsleute hat kein besonderes allgemeines Interesse für uns. Unserer Meinung nach kann, nachdem die spanischen Gesetze milde geworden, eine Einwanderung irgend einer beträchtlicheren Zahl von Juden in Spanien nur auf demselben Wege geschehen, wie sie in Portugal vor sich gegangen, besonders in Lissabon, wo sie bereits nach mehreren Tausenden zählen, nämlich auf dem Seewege in den Küstenstädten, wo der Handelsverkehr ein größerer ist, und das Volk sich an die Anwesenheit Fremder gewöhnt hat. Der Antisemitismus vor dem Forum -es deutschen Reichstages. In der Sitzung des deutschen Reichstages vom 5. Mai nahm der als entschiedener Antisemit zu Marburg gewählte vr. Böcke! Veranlassung, seiner Galle wieder einmal freien Lauf zu schaffen. Wir erachten es für nützlich, wenn ein Antisemit, falls er einmal in ein Parlament gewählt ist, seine Expektorationen losläßt und dann ein Fiasko erfährt in so ausgiebiger Weise, wie es eben Böcke! widerfahren ist. Der Nutzen besteht dann darin, daß die Gesinnung des Parlaments selbst, den Antisemiten gegenüber, offen zu Tage tritt. Vielleicht hat dies einen heilsamen Einfluß selbst auf die Wähler des betr. Abgeordneten. Bei Böckel kommt hinzu, daß er jedesmal, wenn er spricht, seine völlige Ignoranz in den Dingen, über welche er zu reden wagt, bekundet, so daß die Minister ihm erwidern können, in seiner Rede sei alles „unwahr". So der Generalpostmeister, das erste Mal, als Böckel eine Rede hielt; so auch heute der Kriegsminister. Das erste Mal behauptete Böckel u. A., der Telegraph sei nur für die Börse, nicht für das Volk da, das zweite Mal: «Das deutsche Reich werde von Bleichröder regiert", und heute, in der Debatte über die Armeeverwaltung, diese begünstige vorzugsweise die Juden als Lieferanten für die Armee. Beweise konnte er allerdings nicht ansühren, sein ganzes Wissen beschränkte sich auf den einen Fall, oder Zufall, daß in seinem Wohnorte Marburg eine Lieferung für das dort garnisonirende Jägerbataillon einem Juden übertragen worden sei. Dies war dem antisemitischen Universitätsdocenten unerträglich, und preßte ihm das Herz ab. Ihm erwiderte der Kriegsminister sachlich; der nationalliberale Abg. Struckmann verwies ihm nachdrücklich sein Vorgehen; der Präsident tadelte dasselbe, und als Böckel noch einmal zu reden anfing, machte sich der Unwille des Reichstages so vernehmbar, daß der Antisemit seine Rede abbrechen mußte. Es ist immer gut, wenn sich ein solcher Monomane vor dem Parlamente kennzeichnet, daß man weiß, wohin er lenkt, wenn er den Mund aufthut. Das wird langweilig, und Langeweile verträgt eine Versammlung am wenigsten. Die „Franks. Z." meint, der Reichstag solle den Mann ganz ignoriren und Niemand - ihn einer Erwiderung würdigen. Das mag für die Zukunft angezeigt sein; heute war es besser so, wie es geschehen, und dieser Kundgebung des Reichtages wegen reflektirten wir an dieser Stelle auf den Zwischenfall und geben im Folgenden das Nähere. Abg. vr. Böckel: Ich möchte diesen Etatstitel nicht vorübergehen lassen, ohne einen energischen Protest gegen das jüdische Lieferantenwesen in der Armee auszusprechen. Die deutsche Armee ist nicht dazu da, daß Juden sich an ihr bereichern. Im Officierstande mag man die Juden nicht,

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