Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1887)
- Date
- 1887-05-19
- Page
- Seite 310 (sequence 6)
- Language
- German
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310 aber als Lieferanten heißt man sie willkommen. Das ist doch ein schreiender Widerspruch. In Kassel wohnt ein Jude, Ascher, (Aschroth?) der an Armee-Lieferungen im Jahre 1870 ein Vermögen erworben hat. In Marburg ist ein Jude, Simon, Lieferant des dortigen Jägerbataillons. Für die Leiden der Landwirthschaft behauptet man stets ein warmes Herz zu haben; warum wendet man die Millionen dieses Kapitels nicht unserem nothleidenden Bauernstand zu? Der stellt die Truppen, schlägt die Schlachten, zahlt die Steuern; wenden Sie diesem die Lieferungen zu, 'die Sie dem Juden geben, so haben Sie ein gut Stück socialer Frage gelöst. Kriegsminister Bronsart v. Schellendorff: Ich muß den Vorwurf, als ob in der Armee das jüdische Lieferantenwesen bevorzugt würde, als ganz unzutreffend zurückweisen. (Beifall.) Es ist das Bestreben der Armeeverwaltung überhaupt, soviel als möglich, sofern dadurch nicht Nachtheile erwachsen, direct vom Producenten zu kaufen. Der Abg. Böckel scheint die Verhältnisse wirklich sehr wenig zu kennen, sonst müßte er doch auch erfahren haben, daß gerade in der neuesten Zeit durch ganz hervorragende Maßregeln dem Grundsatz, auf den er hinauszukommen scheint, bereits Folge gegeben wird. Ich spreche natürlich nicht vom jüdischen Lieferantenwesen, sondern vom Lieferantenwesen überhaupt. Daß vielleicht früher einmal ein Lieferant, selbst wenn es ein jüdischer ist, durch große Lieferungen, etwa im Jahre 1870, reich geworden, ist ja möglich. Es kam damals vor allen Dingen darauf an, die Armee unter schwierigen Verhältnissen überhaupt zu verpflegen, und wenn wir da die Lieferungen rechtzeitig dahin bekamen, wo wir sie brauchten, dann haben wir eigentlich auch keine Veranlassung gehabt, in dem Augenblick zu fragen, wer sie uns bringt, sondern der Soldat soll gesättigt werden, damit er für seine Aufgaben brauchbar bleibt. In solchen Fällen muß man übrigens immer ziemlich theuer bezahlen. Abg. Struckmann: Ich glaube, es ist das erste Mal, daß in so nackter Weise bei dieser Gelegenheit hier coiifcssionelle Gegensätze in die Debatte gezogen werden. Der geringe Beifall, den der Abg. Böckel gefunden, läßt es uns nicht nöthig erscheinen, ausführlich auf seine Bemerkungen einzugehen. Ich habe nur den dringenden Wunsch, daß es uns erspart bleiben möge, ferner confessionelle Gegensätze in dieser Art hier in die Verhandlungen gezogen zu sehen. (Lebhafter Beifall.) Abg. vr. Böckel: Ich muß mich sehr darüber wundern, daß Herr Struckmann die Judenfrage noch als eine confessionelle ansieht. Die Judenfrage ist eine Rassenfrage. Nicht wegen confessioneller Rücksichten, sondern als Rasse werden die Juden von uns bekämpft. Abg. Struckmann: Dann erwidere ich dem Abg. Böckel, daß die Juden ganz dieselben staatsbürgerlichen Rechte haben, wie wir Deutschen; sie sind gerade so Reichsangehörige wie wir, und es ist Niemand berechtigt, ihnen direct oder indirekt diese Rechte zu bestreiten. Ich hoffe, daß auch dieser Gesichtspunkt Vertretung auf anderen Seiten nicht finden wird. Präsident v. Wedelt: Von einer allgemeinen Debatte über jüdische Angelegenheiten möchte ich doch abzusehen bitten. (Große Heiterkeit.) Ich würde eine solche nicht dulden können. Abg. Dr. Böckel: Die Thatsache ist doch nicht zu leugnen, daß für das Jägerbataillon in Marburg der Jude die Lieferungen wieder bekommen hat, und ich denke, wo die Katze ist, da sind auch mehr dergleichen. Ein Vorwurf soll es auch nicht sein, sondern nur eine Bitte, künftig so etwas nicht mehr geschehen zu lassen. Herrn Struckmann entgegne ich, daß, wenn die Juden auch momentan noch deutsche Staatsbürger find, wir mit allen Kräften dahin wirken werden, (Stürmische Unterbrechung, große andauernde Unruhe, Glocke des Präsidenten; die letzten Worte der Rede gehen in diesem Lärm verloren). Hiermit ist die Figur, die Dr. Böckel im Reichstage spielt, genugsam gekennzeichnet. Für seine Person wird er wohl daraus keine Lehre ziehen. Vielleicht thun es seine Gesinnungsgenossen. Wohltätige Werke. XI. Wir haben in dieser Zeitung schon oft über die Wohlthätigkcitsverciiie und Anstalten, wie sie in den Vereinigten Staaten von unseren Glaubensbrüdern in reichstem Maße begründet und erhalten werden, berichtet. Es ist dies die glänzendste Seite an dem nordamerikanischen Judenthume und gereicht unseren dortigen Glaubensgenossen zu hoher Ehre. Heute haben wir an dieser Stelle folgenden Bericht aus New-Nork vom 25. April zu geben. Die „Hebrew Benevolent and Orphan Asylum Society“ hielt gestern in der neuen Waisenanstalt an der 10 Avenue, zwischen der 136. und 138. Straße ihre 164. Jahresversammlung ab. Präsident Jesse Seligman, sowie die verschiedenen übrigen Beamten und ständigen Comites legten ihre Jahresberichte vor, welche ersehen lassen, daß die Anstalt unter vorzüglicher Leitung steht, die sanitären Zustände nichts zu wünschen übrig lassen und auch, was bei derartigen Anstalten gewöhnlich nicht der Fall, in pecuniärer Hinsicht gut situirt ist. Die Einnahmen der Gesellschaft betrugen der „N.-I. Staatsztg." zufolge Doll. 125,875.86, die Ausgaben Doll. 81,522.91, verbleibt somit ein Ueberschuß von Doll. 41,352.95. Während des am 1. April abgelaufenen Rechnungsjahres befanden