Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1887)
- Date
- 1887-05-19
- Page
- Seite 307 (sequence 3)
- Language
- German
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307 Von allen euren Sünden vor Gott sollt ihr gereinigt werden, d. h. nur Sünden vor Gott. Akiba setzt hinzu (den letzten Theil des Verses betonend): Heil euch, Israel, vor wem sollt ihr gereinigt werden? Wer ist es, der euch reinigt? Euer Vater im Himmel! wie es heißt: Ich werde reines Wasser über euch sprengen (Ezech. 36, 25), daß ihr rein werdet, oder das Quellwasser Israels (Jer. 14, 8), nämlich wie das Quellwasser die Unreinen reinigt, so reinigt Gott selbst Israel. — Geben wir hier noch einige Aussprüche Akiba's: „Scherz und Leichtsinn", sagt er, „führen zu Unzucht; strenge Beachtung der Wortformen in der Schrift sind ein Zaun um (d. h. bewahren) das Gesetz, Verzehntung um den Wohlstand, Entsagungsgelübde um Enthaltsamkeit, Schweigen um die Weisheit." „Der Mensch hat einen großen Vorzug, daß er im Ebenbilde Goites geschaffen, und wichtiger ist dieser dadurch, daß ihm solches kund gethan worden. Israel hat den Vorzug, Gottes Kinder zu heißen, und noch wichtiger ist er dadurch, daß ihnen dieses kundgethan worden. Israel hat den Vorzug, ein herrliches Gut zu besitzen, und noch wichtiger ist er dadurch, daß ihnen der Besitz dieses Gutes, um deswillen die Welt erschaffen ist, wie es heißt: denn eine herrliche Lehre habe ich euch gegeben, mein Gesetz verlasset nicht (Spr. 4, 2), kund gethan worden." lieber das Verhältniß des Menschen zu Gott drückt er sich so ans: „Alles wird (von Gott) erschaut, der freie Wille ist dem Menschen gegeben, mit Güte wird die Welt gerichtet, alles kommt auf die Wahrheit des Thuns an." „Alles liegt in Verwahrung, ein Gehege ist gezogen um alles Lebende; der Laden ist offen, der Inhaber leiht Jedem, das Buch liegt aufgeschlagen, die Hand schreibt ein, wer borgen will, mag borgen: die Einnehmer gehen täglich herum und fordern Zahlung, ob mit oder ohne Zustimmung, denn sie haben ihre Beweise in Händen; das Recht geschieht nach voller Gerechtigkeit, und alle Menschen sind zur Tafel geladen." — Schließlich citircn wir noch die Regeln, die Akiba seinem Sohne Josua gab, in welchen wohl auch ein figürlicher Sinn enthalten ist, die aber jedenfalls bezeugen, daß er auch mit den gewöhnlichen Lebensverhältnissen vertraut war. „Des Morgens genieße etwas frühzeitig, im Sommer ist es heilsam, gegen die Hitze und im Winter gegen die Külte. Niemals gehe ohne Schuhe an den Füßen. Ins eigene Haus tritt niemals ungemeldet ein, noch viel weniger in ein fremdes. An einem hohen Platz der Stadt halte nicht dein Lehrhaus (wahrscheinlich um nicht Aussehen zu erregen), wohne nicht in einer Stadt, deren Vorsteher Gelehrte sind (und das Gemeinwesen vernachlässigen). Mache deinen Sabbath zum Werktag, um nur nicht fremden Beistandes zu bedürfen. Verbinde dich nur mit Leuten, die in günstigen Umständen leben." — So hatte Akiba unermüdlich sein ganzes Leben der heiligen Sache der Religion und seines Volkes gewidmet, alle seine Kräfte für diese aufgewendet, hatte seine Nation in dem ihr nothwendigen letzten Kampfe geleitet und begleitet, der Gesetzesbearbeitung neue, unentbehrliche Bahnen eröffnet und endlich diese seine Lebensarbeit mit dem Märtyrertode besiegelt. Wer seine, oben nach den dürftigen Nachrichten skizzirten letzten Lebenstage beachtet, und wie Akiba sich in denselben benahm, wird erkennen, daß er sich durch die schwere Niederlage, die er erlebt, und durch die schwere Prüfung, welche die harten Gesetze Hadrian's über die Juden brachten, durchaus nicht entmuthigen und zur Verzagtheit verleiten ließ. So fest er vorher auf die Befreiung und Wiederherstellung Israels gehofft, so hatte die darauf gefolgte Enttäuschung seine Ueberzengung nicht im Geringsten erschüttert. Er wußte, daß der jüdische Stamm doch nicht untergehen werde — in diesem Glauben hatten ihn sicherlich seine Reisen durch Asien, Afrika und Europa bestärkt — er wußte, daß der Geist, der in diesem Stamme lebte, und den er neu gestützt'hatte, nicht schwinden, sondern vielmehr jetzt mit neuer Kraft erwachen werde. Konnte doch der grausame Sieger die altersschwachen Häupter der Schulen zu Tode treffen — die zahlreichen Jünger mußten, wenn sie augenblicklich auseinandergingen, Lehre und Studium bis nach den fernsten Gemeinden tragen und sie Wurzel fassen lassen in Gegenden, wo sie bisher nicht hatten gedeihen können. Nach dem Falle Jerusalems hatte sich das Lehrhaus alsbald wieder in Jamnia erhoben, warum sollte sich dies nach dem Falle Bethars nicht wiederholen? Wenn Hadrian über Jerusalem den Pflug führen ließ, zur Andeutung, daß dieser Platz niemals wieder bewohnt werden sollte, auf dem Tempelberge einen Jupitertempel erbauen, das ganze Land mit heidnischen Altären übersäcn, eine neue Stadt nahe an Jerusalem bauen und sie nach seinem Namen Aelia benennen ließ — die Juden hatten längst ihre Synagogen in allen Theilen der Erde errichtet, und konnten das Schicksal der heiligen Stadt und des Landes ihrer Väter in Zukunft ruhig der Vorsehung überlassen. Wenn der Kaiser Todesstrafe auf das Gesetzesstudium, auf die Beobachtung des Sabbaths, der Beschneidung und anderer den Juden geheiligten Gesetze legte, so vermochten diese Edicte doch die Juden nicht, ihre Satzungen aufzugeben, war doch Hadrian nur Mensch, ein Sterblicher, mit dessen Tode auch die Verfolgung enden werde. Dies geschah denn auch, und bald erfreuten sich die Juden im römischen Reiche wieder und nun erst recht der völligen bürgerlichen Freiheit bis in die Mitte des 4. Jahrhunderts, als mit Constantin die christlichen Cäsaren die Reihe ihrer Ausnahmegesetze gegen die Juden begannen. Das Jahrhundert des Ueberganges, wie es uns aus dem Leben und Wirken Akiba's verständlich wurde, war vorüber. Doch der Träger desselben, der ringende, kämpfende und in geistiger Beziehung doch siegreiche Akiba muß in seiner Größe und in seiner 20*