Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1887)
- Date
- 1887-05-12
- Page
- Seite 301 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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301 persönlicher Art, noch auch objective Religion überhaupt zu sehen. Als Gesänge David's hatte man schon aufgehört, sie zu betrachten') und so weit reichte meine Orthodoxie nicht, daß ich auf die alte, durch einleuchtende Gründe widerlegte Ansicht zurückgekommen wäre; aber in der That: meistentheils ist es doch ein König, welcher redet; man sieht ihn kämpfen mit widerstrebenden Elementen, er fühlt sich fast dem Verderben nahe; ihn rettet nur, daß er sein Auge auf den ewigen Polarstern gerichtet hat, der ihm seinen Weg zeigt. Aber indem der König redet in seiner eigenen Person, seiner besonderen Lage, die sich durchfühlt,, wenn man aufmerksam ist, spricht er sich doch zugleich aus, wie ein gewöhnlicher Mann; er ist faßlich und ergreifbar für Alle; er repräsentirt den Menschen, wie er auch in untergeordneten Stellungen ist. Mich zog nun die Beschäftigung mit diesen herrlichen Denkmalen des grauen, gottinnigen und gottgläubigen Mterthums von den theologischen Fragen, die das Katheder beschäftigten, ab." — Eine euriose Persönlichkeit aus dem vorigen Jahrhundert. In einem jetzt verschollenen Buche: „Chronik des Oeil de Boeuf, der inneren Gemächer des Schlosses und der Gesellschafts-Säle von Paris (1737—1740). Herausgegeben von B... Uebersetzt von L. von Alventleben (Leipzig 1832)" findet sich folgende Mittheilung über eine damals bedeutende, sonderbare jüdische Persönlichkeit: Der Jude Samuel Bernard, dessen Geldkisten so oft zur Hülfe Frankreichs kommen mußten, starb im Monat Januar dieses Jahres (1738), 88 Jahre alt. Er hinterläßt ein Vermögen, welches auf 33 Millionen geschätzt wird. Dieser berühmte Bankier, Sohn eines armen Malers, begann seine Laufbahn mit einem kleinen Kram. Er verdankte einen großen Theil seiner Reichthümer einer seltenen Gewandtheit, ohne aber zu jenen feinen Betrügereien zu greifen, durch welche die Mehrzahl der Juden verachtet ist. Aber die Unbeholfenheit des Ministers Chamillard, welche den Finanzmännern seiner Zeit so günftig war, diente vollends dazu, ihm das große Vermögen zu erwerben. Samuel Vernarb war, wie meine Tante weiter oben gesagt hat, mehr ehrgeizig, als habgierig. Seit der kleinen Comödie, welche zu Marly mit ihm gespielt wurde, um eine Anleihe mit ihm abzuschließen, bewilligte er nur auf das unmittelbare Ge- 1) Ranke meint hier wohl die ältere Ansicht, daß alle Psalmen, außer denen, welche in der Überschrift einen anderen Verfasser namhaft machen, von David verfaßt seien. such Ludwigs XIV., des Regenten, oder Ludwigs XV. Geldvorschüsse. Samuel wurde geadelt, und wahrlich, er verdiente dies auch, wenn edle Gesinnungen Beachtung verdienen. Ein Verzeichniß der Papiere Bernards bewieß, daß er, nur vom Sinne der Wohlthätigkeit geleitet, die ungeheure Summe von zehn Millionen verborgt hatte, um deren Wiederbezahlung er sich nicht kümmerte, und welche seinen Erben wahrscheinlich verloren sein wird. Bernard gab am Hofe ein Beispiel, welches keine Nachahmung fand: Er blieb Freund der Minister, nachdem sie in Ungnade gefallen waren, besonders des Siegelbewahrers Chauvelin. Er liebte den Luxus, und zeigte ihn gern bei gewissen Gelegenheiten; in seinen häuslichen Gebräuchen aber war er bescheiden. Sein Haus, in der Rue place de Victoires gelegen, trägt keineswegs das Gepräge des Reichthumes; es hat nicht einmal einen Hof. Samuel Bernard hatte, wie fast alle reichen Menschen, sonderbare Eigenheiten; ich will einige derselben anführen. Von Sonnenaufgang bis um Mitternacht mußte einer seiner Kutscher einen Wagen angespannt halten, und, auf dem Bock sitzend, die Peitsche in der Hand, darauf warten, ob es seinem Herrn gefällig sei, auszufahren; war er aus, so mußte sein Portier, auf die Gefahr hin, seinen Dienst zu verlieren, seiner mit jedem Augenblicke warten, um die Thüren zu öffnen, noch ehe er aus dem Wagen stieg, und so, daß er während der Nacht nicht nöthig hatte, erst zu klopfen. Zur Essenszeit mußte die Suppe mit der Minute auf den Tisch gesetzt werden, und erschien sie nicht den Augenblick, so ging er aus, aß anderwärts, und die eingeladenen Gäste konnten dann sehen, wie sie fertig wurden. Er liebte das hohe Spiel; im Spielhause sagte er sehr häufig: va tout; er fand ein Vergnügen daran, andere Spieler, die weniger reich waren als er, zurückzuschrecken. Einst gewann ein Holländer 50 000 Thaler auf ein Kartenblatt ihm ab, und er war darüber im höchsten Grade aufgebracht, nicht, um so eine Summe verloren zu haben, sondern daß sein Gegner gewagt, sie auf einmal zu halten. Sein Unwille ging so weit, daß er den Gewinner zum Hause hinauswerfen ließ, und ihm nach eine Menge Geldsäcke, die verlorene Summe enthaltend; so ließ er ihn allein, mitten auf der Straße, in der Nacht, den Angriffen des ersten besten Räubers ausgesetzt, der ihn ermorden konnte, um sich seines Geldes zu bemächtigen. Der Holländer war ebenso phlegmatisch, als der Jude sich colerisch gezeigt hatte, und wahrscheinlich selbst reich; er entfernte sich kalt, ohne sich um den Schatz zu bekümmern, den man zu seinen Füßen gelegt hatte. Der Zufall wollte, daß während des Restes der Nacht Niemand dieses Weges kam, und so fanden die Diener des Hauses, als sie die Thüre desselben mit anbrechendem Morgen öffneten, die Geldsäcke noch unangerührt auf der Straße. Samuel fand die Originalität des Holländers