Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1887)
- Date
- 1887-05-12
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227683--44404-3266681- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
299 den gesammten Beerdigungsdienst übernommen, wie sie es für den katholischen Cultus gethan, diese Maßregel nicht so unpopulär geworden. Ich will die an die Zeitungen gerichteten Telegramme nicht rectificiren, ich will nur die in einem Telegramm des Matin vom 23. März enthaltene Mittheilung, welche besagt, daß die ganze europäische Bevölkerung die Juden tadelt, als durchaus ungenau bezeichnen. Ich kann Ihnen versichern, daß die Zustimmung eine viel allgemeinere war als der Tadel, und daß die Israeliten Parteigänger selbst unter den Stadträthen gefunden. Bonn, 2. Mai. (Notizen). In Dresden wurde vr. Winter auf 3 Jahre zum Rabbiner gewählt. — Man schreibt aus Buttenhausen (Württemberg): Samstag, den 23. April, fand in der Synagoge eine Abschiedsfeier für den zum Stadtrabbiner nach Buchau beförderten Rabbiner Laupheimer statt. Derselbe hinterläßt durch sein eifriges Bestreben in Gottesdienst und Religionsunterricht ein dankbares Angedenken. An der Feier nahmen der Oberamtmann Fischer, der Cameralverwalter Maier, der Pfarrer und Ortsschulinspector Sanier und andere Honoratioren Theil. Die Gemeinde ließ durch ihren Vorsteher einen silbernen Pokal und eine künstlerisch ausgestattete Adresse überreichen. — Aus Pest wird uns geschrieben: Zum Bau des auf ca. 500000 Gulden veranschlagten neuen israelitischen Spitals übergab ein Gemeindemitglied, das ungenannt zu bleiben wünscht, dem Gemeinde-Präsidium einen Stiftungsbrief über 70000 Gulden, welche zwei Jahre nach dem Tode des Stifters flüssig zu machen sein werden, zur Ermöglichung dessen, daß das gegenwärtige israelitische Spitalsgebäude nach Errichtung des neuen Spitals für eine israel. Mädchenschule adoptirt werde. — Der im März d. I. in Livorno verstorbene David Bondi hinterließ für jüdische Anstalten 56500 L. — In Frankfurt a. M. feierte Herr vr. A. Sulzbach am 1. ds. sein 25jähriges Jubiläum als Lehrer an der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft. Der Director Herr vr. Hirsch in Begleitung mehrerer Schulräthe überreichte dem Jubilar mit einer herzlichen Anrede einen silbernen Pokal Namens der Schulverwaltung, eine Deputation von Schülern, das Lehrercollegium und zahlreiche Freunde überreichten werthvolle Gaben. Außerdem wurde Herr S. mit vielen Glückwünschen, auch von auswärts, erfreut. Bonn, 2. Mai. (Literarische Notizen.) In Philadelphia erschien soeben die erste Nummer einer neuen jüdischen Wochenschrift „The Jewish Exponent“. Aus dem Vorwort können wir nicht ersehen, welcher Richtung das Blatt angehören soll. In der vorliegenden Nummer sind Auszüge aus Peßachpredigten gegeben, und nur die eine Bemerkung fällt uns auf, daß eine Dame sich darüber beklagt, wenn sie in die Synagoge käme, wäre um sie herum ein solches Geschnatter, daß sie unmöglich beten könne, und sie würde zukünftig es vorziehen, ihre Andacht zu Hause zu verrichten. Ob diese Unsitte nur amerikanisch ist? — nt^nih, unter diesem Titel erhalten wir einen neuen Commentar zu den zwölf kleinen Propheten von M. I. Aschkenasi in Triest in hebräischer Sprache (105 S.) In gedrängter, aber lichtvoller Sprache werden die, so viele Schwierigkeiten bietenden Propheten erläutert, manche gute und neue Bemerkung gemacht und der Stoff in gemäßigter Kritik behandelt. In einem Schlußwort (121 pyiD) wird bei jedem der Propheten das zusammengestellt, was sonst in einer „Einleitung" gegeben zu werden pflegt. — Wenn wir vor Kurzem nachzuweisen versuchten, inwiefern Josephus von der talmudischen Tradition abweichende Bemerkungen macht, welche uns aus dem Jahrhundert der Zerstörung Jerusalems ein Bild von der damaligen Entwickelungsstufe der Tradition bieten, so erhalten wir eben eine Schrift, welche Josephus in seinen religiösen Ansichten darstellt: „Ueber die religionsphilosophischen Anschauungen des Flavius Josephus, von vr. Adolf Poznanski. (Breslau, Schatzky, 1887.)" Wir hätten allerdings den Ausdruck „religionsphilosophische" auf dem Titel nicht gewählt, denn bei Josephus kann von einer innigen und festen religiösen Ueberzeugung, nicht aber von Philosophie die Rede sein, weder als System noch als philosophische Behandlung der Gegenstände. Deshalb mußte der Berf. aus dem ganzen Umfange der uns verbliebenen Schriften des Josephus die einzelnen, oft nur beiläufigen Stellen, die ihm zu seinem Zwecke dienen konnten, sammeln, und er hat dies mit großem Fleiße und in der Anordnung mit Umsicht gethan, so daß wir eine klare Darstellung der religiösen Ansichten des Historikers erhalten. Er giebt diese in den Rubriken: „Die Lehre von Gott", „Ueber die Vorsehung", „Das Verhältniß Gottes zu Israel", „Ueber (Vorausbestimmung), „Engel- und Dämonenlehre". „Ueber die Prophetie", „Die Anthropologie", „Ueber die Messiaslehre". „Ueber Allegorie", „Die Sittenlehre". Josephus, der sich selbst zu den Pharisäern, also zu den Anhängern der Tradition zählt, erweist sich überall als Offenbarungsgläubiger, der am Worte der Schrift mit innigster Ueberzeugung hängt. Freilich macht er sich gern als Stoiker geltend, aber wo irgend die Stoa von der Bibellehre abweicht, tritt er für diese gegen jene ein. Wir finden deshalb nur die bekannten dogmatischen Ansichten bei ihm wieder. In dem Problem über die Harmonie der göttlichen Vorausbestimmung und der menschlichen Willensfreiheit stimmt er mit der talmudischen Ansicht überein, die auf rein empirischem Wege Einiges von der Selbstbestimmung des Menschen, anderes von der göttlichen Fügung abhängig sein läßt. Vom Aberglauben seiner Zeit ist Josephus nicht frei; denn obschon er auf biblischem 19*