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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-05-12 · Heft 19 (12.5.1887) · p. Seite 296

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 19 (12.5.1887)
Date
1887-05-12
Page
Seite 296 (sequence 8)
Language
German
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296 dadurch bewogen, an die Landesregierung die Anfrage zu richten, ob unter das Verbot des Aufblasens von Fleisch auch daS Aufblasen der Lunge von Schlachtthieren falle, welches nach der rituellen Vorschrift der israelitische Schächter vorzunehmen hat, um zu erkennen, ob das Fleisch koscher ist oder nicht. Die großherzogliche Landesregierung hat hierauf durch eine Weisung an den Magistrat der Stadt Strelitz die beruhigende Antwort ertheilt, daß der in Frage stehende israelitische Ritus durch das Verbot des Aufblasens von Fleisch nicht berührt werde, da das Einblasen von Luft in die Lunge der geschlachteten Thiere nicht zur Täuschung der Käufer, sondern aus Gründen der Gesundheitspflege geschehe, auch nach der Beschaffenheit der Lunge eine dauernde Anfüllung derselben mit Luft nicht herbeiführe. Laupheim (Württemberg), 24. April. Gestern verabschiedete sich auf der Kanzel der Synagoge Herr Oberlehrer Alexander Elsäßer von der hiesigen israelitischen Gemeinde i^it einer Ansprache, der er die Textesworte 1. Samuel 20 zu »Grunde legte: „Jonathan sprach zu David: Morgen ist Neumond; da wird man dich vermissen, denn deine Stelle ist leer." Am Nachmittag versammelten sich sämmtliche Lehrer zur weltlichen Abschiedsfeier des nach fünfzigjähriger Dienstzeit pensionirten Oberlehrers. In gehobener Rede feierte der hochw. Herr Schulinspector vr. Sauter von hier die Amtsthätigkeit des verdienten Jubilars, welcher höchlich gerührt dankte und in einem gelungenen Vortrage die jetzigen Schulverhältnisse der hiesigen israelitischen Gemeinde im Vergleich mit der Vergangenheit schilderte. Im Jahre 1817 wurde die erste israelitische Schule hier gegründet, an der Elsäßer seit 1862 thätig war. Oesterreich-Ungarn. Wien, 27. April. (Privatmitth.) In dem Werke: „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild", welches unter der Aegide des Kronprinzen Erzherzog Rudolf erscheint, für welches er selbst literarisch thätig ist, beginnt der 2. Band mit der ethnographischen Einleitung von Ferdinand Baron v. Andrian - Werburg und Paul Hußfalvy. Daselbst heißt es S. 19: „Die jüdische Bevölkerung Galiziens beträgt zehn Procent der Gesammtpopulation. So scharf diese ethnographische Gruppe auch abgegrenzt scheint, muß doch hervorgehoben werden, daß nach den neueren anthropologischen Untersuchungen der polnische Jude in physischer Beziehung absolut verschieden vom spanischen Juden ist und höchst wahrscheinlich gar nicht zur semitischen Volksfamilie gehört." Ich gestehe aufrichtig, für mich war der Schlußpassus ganz neu und glaubte ich die Aufmerksamkeit der Leser auf ihn lenken zu sollen. W. (Es kann die eben erwähnte Ansicht nur als ein Ausfluß jener dürftigen, lediglich materiellen Anthropologie betrachtet werden, welche gegenwärtig jene Wissenschaft beherrscht. Zwei Begriffe liegen ihr fern: erstens daß die Geschichte aus den, einer Wurzel entsprossenen Geschlechtern etwas sehr Verschiedenes macht, daß diese einander sehr unähnlich werden, und zweitens daß überhaupt aus einer Wurzel sehr verschiedenartige Stämme erwachsen können. Solches ersieht man z. B. an den überaus verschiedenen Stämmen der Hellenen in alter Zeit; welche Mannigfaltigkeit der Stämme ist aus der germanischen Wurzel erwachsen! Die moderne Wissenschaft gefällt sich einmal, auf halbfertigem Grunde Alles in Zweifel zu ziehen und Hypothesen aufzubauen, die sich morgen als unhaltbar erweisen. Je pikanter, desto willkommner! Redact.) Wien, 28. April. Bei der heutigen Budgetdebatte im Abgeordnetenhause hielt der Antisemitenhäuptling Schönerer eine lange gegen die Juden gerichtete Rede. Da der Mann auch nicht das geringste Neue vorzubringen verstand, sondern diesmal seine Schlagwörter, die er sonst verworren herausstößt, in einer gewissen Ordnung und Reihenfolge vortrug, dann aber alle möglichen und unmöglichen Beschuldigungen anbrachte, so daß es wohl auf diesem Erdenrund kein Nebel, großes oder kleines, giebt, welches nach diesem Ritter von der traurigen Gestalt nicht die Juden verursachten: so brauchen wir an dieser Stelle nicht näher darauf einzugehen. Einmal unterbrach ihn der Präsident Smolka mit der Bemerkung, im hohen Hause dürfe keine Confession beleidigt werden. Logischer Weise hätte dann Smolka den Redner unzählige Male unterbrechen müssen. Eine Antwort auf Schönerer's Jnvectiven erfolgte von keiner Seite, auch nicht von den jüdischen Abgeordneten, die sich den Antisemiten gegenüber Stillschweigen zum Gesetz gemacht zu haben scheinen. Für das Haus selbst ist dies wohl angemessen. Aber die im Hause gehaltenen Reden dringen in das Volk und scheinen diesem, wenn gar keine Erwiderung erfolgt, unwiderleglich. Das Stillschweigen hat also zwei Seiten, wenn auch dadurch eine Fortsetzung der Antisemitendebatte vermieden wird Wien, 3. Mai. Der Verein zur Beförderung der Handwerke unter Israeliten in Wien hat soeben den vierundvierzigsten Rechenschaftsbericht über seine Thätigkeit im Jahre 1886 versendet. Demselben entnehmen wir, daß der genannte Verein, der es sich zur Aufgabe setzt, arme Knaben nach Vollendung ihrer Schulpflicht bei Handwerkmeistern in Wien unterzubringen und zu tüchtigen erwerbsfähigen Gehilfen heranzubilden, und der dieselben während der Lehrzeit mit Wäsche, Bekleidung, Lehrmitteln für die Gewerbeschulen und mit Geldbeträgen unterstützt, im verfloffenen Jahre 816 Zöglinge unter seiner Obhut hatte. Von diesen sind 116 zu Gehilfen freigesprochen worden und 608 verblieben am 31. December v. I. noch in der Lehre. Die Ausgaben haben im Jahre 1886 den Betrag von 14,069 fl. 30 kr.

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