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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-05-12 · Heft 19 (12.5.1887) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 19 (12.5.1887)
Date
1887-05-12
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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294 darum lächle ich: Wenn es seinen Feinden so gut geht, so wartet seiner Kinder ein um so viel besseres Loos. Aehnlich geschah es, da sie einst nachJerusalem gingen,und einSchakal von dem Tempelberge herunterlief, worüber wiedrum sie seufzten und er lächelte. Ist die eine Prophezeihuug in Erfüllung gegangen, sprach er, so wird auch die andere sich erfüllen. In der That predigte er öffentlich über Chaggai 2. 6., indem er eine Welterschütterung in nahe Aussicht stellte. — Zu Ende des Krieges ward er verhaftet. Während dieser Haft -bediente ihn Josua aus Genasa. Diesem ward für den Gefangenen ein Maß Wasser täglich übergeben, theils zum Trinken, theils um vor dem Essen die Hände zu waschen. Einmal fand der Kerkermeister, daß noch Wasser übrig war. Wie kommt das? sprach er. Willst du etwa den Kerker mit Wasser untecminiren? Und sogleich verschüttete er die Hälfte des Wassers, das er brachte. Josua ging mit dem Reste hinein zu Akiba. Dieser sprach: Josua, weißt du nicht, daß ich hochbejahrt bin und daß mein Leben in deiner Hand ist? Josua berichtete ihm, wie es war. Gut, gieb mir das Wasser, die Hände zu waschen. Wie? erwiderte jener. Das Wasser reicht ja nicht hin, den Durst zu löschen! Gleichviel! Das Gesetz übertreten ist Todsünde. Lieber will ich hinsterben, als die Meinung meiner Gefährten hintansetzen. Und so aß er nicht eher, als bis er sich die Hände gewaschen hatte. — Er war sich bewußt, daß die Hinrichtung aller der edlen Häupter Israels doch nicht deren Geist vertilge, die Wahrheit vielmehr aus den Drangsalen und Leiden siegreich hervorgehen müsse. Bemerkenswerth ist die Gemüthsruhe, mit welcher er seinem Schicksale entgegenging. Trotz des Verbots hielt er in Versammlungen Vorträge. Ein Pappus b. Jehuda stellt ihm vor, welcher Gefahr er sich aussetze. Er erwiderte ihm: Ein Fuchs lud einst die geängstigten Fische ein, ans Land zu kommen, um den Netzen zu entgehen. Sie antworteten: Sind wir hier in unserm Lebenselement der Gefahr preisgegeben, wie viel mehr da, wo wir von selbst sterben. Wie sollen wir unser Lebenselement verlassen und uns dem Sünderleben hingeben? Bald darauf ward Akiba verhaftet, aber auch Pappus. Akiba sprach zu ihm: Wie kommst du hierher? Ach, entgegnete derselbe, wie glücklich bist du, daß du um des Gesetzes willen verhaftet worden, während ich nur um nichtiger Dinge willen eingezogen bin. In dem Gefängnisse ward er übrigens von Schülern besucht und über manche gesetzliche Frage zu Rathe gezogen. Unter den Foltern, die der hochbetagte Greis auszustehen hatte, ehe er ihnen erlag, gedachte er des Augenblicks, in welchem das „Schema" ausgesprochen wird. Er sprach es mit Andacht und freudigem Blick. T. Aenius Rufus, welcher von den Römern das traurige Amt hatte, des alten Mannes Leben um einige Stunden zu verkürzen, blickte ihn an und rief: Akiba, du bist entweder ganz stumpf geworden oder forderst durch Störrigkeit noch größere Leiden heraus? Woher sonst dies Lächeln? Er erwiderte: Weder das Eine noch das Andere: Mir ist das schöne Loos zu Theil geworden, den täglich ausgesprochenen Vers: Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit deinem ganzen Vermögen! bisher zum großen Theile zu bewähren, denn ich habe mich ganz der Liebe zu Gott hingegeben, auch mein ganzes Vermögen freudig geopfert; es fehlte mir nur noch, meine Liebe durch Hinopferung meines ganzen Lebens zu bekunden; ich freue mich daß endlich auch diese Prüfung gekommen ist und werde sie bestehen. So vereinigten sich in Akiba Schwärmerei, Strenggläubigkeit, Geistesschärfe und Geistesfreiheit, und in dieser Bereinigung von Geisteskräften, gepaart mit Energie und Charakterfestigkeit, bestand seine Größe, und in dieser Vereinigung beruhete das Charakteristische des Jahrhunderts. Hierdurch war es befähigt, das Jahrhundert des Uebergangs zu werden. In ihm wogten noch einmal die Anschauungen, die Gefühle und Leidenschaften auf, welche die Nation beherrscht, und zum letzten Vcrzweistungskampfe geführt hatten. Hiermit klangen sie aus für immer, und leiteten zu den Wegen über, welche vom jüdischen Stamm und Glauben beschritten werden sollten für die Zukunft. Gerade in der Eröffnung dieser Wege, wenigstens was die Richtung der traditionellen Gelehrsamkeit betraf, lag ein Hauptverdienst Akiba's, und dieses wollen wir jetzt näher in Betracht ziehen. (Schluß folgt.) %cUVi \i c|M lacijti c fyte n. Deutschland. Berlin, 1. Mai. (Aus dem Antisemitenlager.) Der neue antisemitische Abgeordnete Dr. Böckel, der bereits einmal im Reichstage gesprochen, und zwar so, daß der Generalpostmeister v. Stephan ihm erwiderte: er habe noch nie eine Rede gehört, in welcher so jeder Satz unwahr sei, wie die Böckel's — hat auch über die Auflösung des socialdemokratischen Wahlcomitss gesprochen, und sagte u. A., es seien nicht bloß socialdemokratische, sondern auch antisemitische Wählerversammlungen aufgelöst worden, und das sei nicht zu verwundern in einem Reiche, das Bleichröder regiert!

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