Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1887)
- Date
- 1887-05-12
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
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LSä in unserem Gedächtnisse die Ehrensäule zu errichten, die ihm gebührt. Betrachten wir ihn zuerst als Menschen*). Keines der talmudischen Lehrer — und dies ist ein Beweis, wie tief Akiba's Andenken im Herzen des Volkes wurzelte — hat sich die Sage in dem Maße bemächtigt, wie Akibas. Sie führt seine Abstammung auf den kanaanitischen Feldherrn Sisera zurück. Als er starb, soll er 120 Jahre gezählt haben — gleich Moses, dem seine Verehrer ihn vielfach an die Seite setzten — demnach wäre er bei dem Falle Jerusalems 55 Jahre alt gewesen. Gewiß ist, daß er in großer Armuth erwuchs, so daß er in ein Dienstverhältniß (als Hirt) zu einem der reichsten Männer Jerusalems (Kalba- Schebua) trat. Er war unwissend und sogar, wie er später selbst gestand, ein Verächter des Gesetzesstudiums. In diesem Verhältniß lernte er die Tochter seines reichen Herrn, Rachel, kennen, und es knüpfte sich zwischen beiden eine innige Herzensverbindung an. Rachel widerstand den Geboten des Vaters, und dieser in seinem Zorne verstieß sie. Die beiden Liebenden ehelichten sich und lebten in großer Dürftigkeit. Rachel aber, wahrscheinlich in der Erkenntniß der großen Geistesgaben ihres Mannes, regte diesen zum Gesetzesstudium an. Sie soll ihre Haarflechten verkauft haben, um ihm den Eintritt in die Schule zu ermöglichen. 40 Jahre war er alt, als er das Studium begann; er hörte Elieser ben Hyrkan, einen strengen Anhänger des Ueberlieferten, zugleich aber Nahum von Gimso, welcher in Akiba das Princip freierer Auslegung durch Berücksichtigung der Ausdrucksweise und aller Nebenzeichen des Textes und seiner Schrift weckte, ein Princip, welches Akiba zu so großer Ausbildung bringen sollte. Herangereift in der Schule Gamliel's, stand er mit diesem, mit Josua und Elieser ben Asarja in Verbindung. Obschon er sich diesen unterordnete, begann er doch selbst zu lehren und zwar zu Bne Berak, von wo er häufig nach Jamnia pilgerte, um an den Verhandlungen des Sanhedrin thätigen Antheil zu nehmen. Bald sammelte sich eine große Schaar Jünger um ihn, welche die Sage zu 12000, ja zu 24000 erhob. Um sich seinem Studium und seiner Lehrthätigkeit frei zu überlassen, soll er sich lange Zeit von seiner Frau getrennt gehalten haben. Als er jedoch ein großes Ansehen und eine bedeutende Schülerzahl erlangt hatte, suchte er sie auf, und selbst sein Schwiegervater versöhnte sich mit ihm, so daß das Paar fortan in großem Reichthum lebte. Akiba erwies seiner treu bewährten Frau die innigste Liebe und Verehrung. Dennoch rief ihn sein Eifer von dannen und auf große Reisen. In ihm verkörperte sich der jüdische Stamm in seiner damaligen Stimmung, in seinen Hoffnungen und Bestrebungen. Akiba, wie wir noch weiter sehen wer- 1) Bgl. die treffliche Darstellung in Jost, Gesch. des Judenthums, Th. II. S. SS ff. den, trug die Gewißheit in sich, daß die Knechtschaft Juda's nicht lange währen, daß sich die göttliche Gerechtigkeit mit schwerem Strafgericht an den Römern bezeugen und die Nation bald wieder hergestellt werde, hierzu müßten aber die Juden selbst Hand an's Werk legen, und zu diesem Zwecke pilgerte er durch die Länder und predigte den Gemeinden. So war er zur Zeit des römisch-parthischen Krieges in Nahardea; von da ging er nach Gazaka in fernem Osten; begab sich zur See nach Zephyrium in Cilicien und Magaza-Cäsarea in Cappadocien, reiste nach Arabien und Afrika, vermuthlich bis nach Aethiopien. Ueberall wandte er die Ueberzeugung seiner Zuhörer auf die Gerechtigkeit Gottes, die zwar unerforschlich sei, aber strenges Recht verhänge. Vorzüglich liebte er, über Hiob, mit welchem er die Leiden und Hoffnungen Israels verglich, zu reden. So wurde der große Kampf vorbereitet, welchen der jüdische Stamm gegen Rom führte, und der einige Zeit lang das römische Reich unter Hadrian schwer erschütterte. Akiba spielte hierbei eine große Rolle, und Tausende seiner Jünger fielen in dem Kampfe. Er war es, welcher dem Bar Kochba durch die Anerkennung desselben als Messias die größte Unterstützung gewährte. Vergessen dürfen wir nicht, daß die Aufregung der Juden und ihre aufständische Bewegung sich nicht bloß auf Palästina beschränkte, sondern auch in anderen Ländern, wie Cypern, Nordafrika und Kleinasien, zum Ausbruch kam. Vergebens. Ein Aufstand nach dem anderen wurde niedergeschlagen, bis nach mehrjährigem Kampfe das letzte Bollwerk, die Festung Bethar, fiel und Bar Kochba verschwand. So erweist sich uns Akiba als Träger dieses nationalen Aufschwunges, welchem allerdings die jüdischen Colonien in Europa jede Unterstützung versagten, in der gerechtfertigten Befürchtung, auch hier von der Wuth des Volkes und der Herrscher gegen sie vernichtet zu werden. Die Folgen waren für die Juden sehr traurig; die strengsten Gesetze gegen sie wurden erlassen und viele ihrer Häupter in gräßlichen Qualen hingerichtet. Unter diesen auch Akiba. — Werfen wir noch einige Blicke auf die letzte Lebenszeit desselben. Wenn man unserm Meister einen Vorwurf daraus machen wollte, daß er so viel zu diesem unglücklichen Kampfe mitgewirkt habe: so wird er eben durch die feste Ueberzeugung von einem glücklichen Ausgang entschuldigt. Hierüber geben seine eigenen Aussprüche das beste Zeugniß. Schon als er mit seinen drei Gefährten Rom besuchte, und diese durch die Pracht und Macht des Kapitols, das ihnen so wehe that, zu Thränen erschüttert wurden, lächelte er. Sie wunderten sich über ihn. Er fragte: Warum weint ihr denn? — Wie sollen wir nicht Schmerz empfinden, wenn wir sehen, daß die Götzendiener in Herrlichkeit und Ruhe leben, und der Fußschemel unseres Gottes ein Raub der Flammen und ein Wohnplatz wilder Thiere geworden? — Gut, sprach er: