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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-05-12 · Heft 19 (12.5.1887) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 19 (12.5.1887)
Date
1887-05-12
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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293 Rabbi Äkiba den Joseph. i. Wenn wir vor einem mächtigen Gebirgsstock, etwa vor einem Abschnitt der Alpen, stehen, so erblicken wir eine hohe Bergmauer, aus der die riesigen Gipfel mit ihren Spitzen und Hörnern, mit ihren silberschimmernden Firnen hervorragen, welche die Strahlen der untergehenden Sonne mit einem rosigen Lichte übergießen. Gerade diese hoch in den Hinlmel aufsteigenden Gipfel mit ihren mannichfaltigen Formen verleihen dem Gebirge seinen besonderen Charakter. Und gleich einem solchen Höhenzuge zieht sich die Geschichte des jüdischen Stammes durch die weite Ebene vieler Völker, die niemals oder nur für kurze Zeit die Höhe weltgeschichtlicher Bedeutung erreichten. Und aus dieser Geschichte, jenen Gipfeln gleich, erhebt sich eine lange Reihe von Männern, die, wenn nicht immer durch Genialität, doch durch die Energie ihres Charakters, ihre Hingebung an ein höheres Ideal, ihre Consequenz sich auszeichnen. Die Namen und Thaten dieser Männer aus den biblischen Zeiten sind allbekannt; nicht minder aus der Zeit des zweiten Bestandes der Nation als solcher, die Makkabäer, der gewaltige Herodes, obschon von idumäischer Abstammung, die Helden des Freiheitskrieges. Aber auch von da ab erstehen in jedem Jahrhundert jüdische Männer voll Geist und Kraft. Sie sind keine Helden des Schlachtfeldes, keine Staatsmänner und Diplomaten; sie sind Männer des Studiums, Märtyrer des Glaubens, einseitig, aber hoch emporragend durch ihren Scharfsinn, die Festigkeit ihrer Ueberzeugung, die Opferwilligkeit für ihren Glauben. Auf sie, welche dem größeren Publicum nur hie und da dem Namen nach bekannt sind, die vor dem Glanze der biblischen Helden mit mehr oder weniger Vergessenheit der Masse selbst ihrer Glaubensgenossen unbekannt bleiben, die Aufmerksamkeit des jüngeren Geschlechtes zu leiten, halten wir für unsere Pflicht. Eine ruhmwürdige Vergangenheit dem Geiste der Nachkommen zum Bewußtsein zu bringen, ihnen zu zeigen, daß in ihrem Geschlechte die Geistesarbeit und Entwicklung nur selten und in kürzeren Zeiträumen stille gestanden, daß vielmehr stets die Nachfolger die Thätigkeit der Vorgänger wieder ausgenommen, und so die ganze drittehalb Jahrtausende bespannende Geschichte als ein übersichtliches Bild vorzuführen, ist für Gegenwart und Zukunft von unberechenbarer Wichtigkeit. So wollen wir unsere Leser heute vor eine Erscheinung treten lassen, merkwürdigster Art. Rabbi Akiba ben Joseph, nicht bloß als Gelehrter, sondern auch als Mensch mit hohen Eigenschaften begabt, beherrschte das erste Jahrhundert nach dem zweiten Falle Jerusalems. Und dieses Jahrhundert ist ein sehr merkwürdiges, das bis jetzt unserer Meinung nach in seinem Wesen und Charakter noch nicht genug erkannt und gewürdigt worden. Wir sehen am Anfang desselben eine, allerdings durch Parteiwuth zerrissene Nation in heldenmüthigster Weise den Kampf für Glauben und Freiheit gegen eine Weltmacht aufnehmen und in gewaltigem Ringen unter den Trümmern ihres Staates und ihres Tempels sich begraben. Viele Hunderttausende fallen im Kampfe und unter den Folgen desselben, Tausende werden als Sklaven verkauft. Kaum ein Jahrhundert später sind die Reste derselben Nation, abgesehen von den mittelasiatischen Ländern, durch das ganze römische Reich in zahllosen Gruppen vertheilt, als friedliche Bürger ansässig, Gemeinden mit ihren Veranstaltungen schaffend, in Handel, Gewerbe und alle öffentlichen Aemter, sowohl Civilals Militär-, eintretend. Wie ist das geworden? Auf welche Weise hat sich dies entwickelt? Die Antwort auf diese Frage wird uns durch die Ereignisse dieses Jahrhunderts gegeben. Es war ein Jahrhundert des Uebergangs, und als der Träger desselben erscheint Rabbi Akiba. Wenn wir seine Eigenschaften, seine Bestrebungen, sein Thun, sein ganzes Leben recht verstehen lernen, haben wir auch die Eigenthümlichkeiten dieses Ueberganges erkannt. Geboren vor dem letzten Kampfe und dem Falle Jerusalems, Zeuge all' der Frevel, die an seiner Nation verübt worden, giebt er die Hoffnung auf eine baldige Erlösung und unter unmittelbarer göttlicher Einwirkung nicht auf. Auf weiten Reisen regt er seine zerstreuten Stammesgenossen zu einem neuen Kampfe an, hilft denselben vorbereiten, stellt ihm seine zahlreichen Jünger zu Gebote, erkennt den plötzlich erstandenen Führer des Aufstandes als Messias an, und stirbt nach dem unglücklichen Ende dieses letzten Freiheitskampfes unter den Foltern und Martern des Siegers. Nach ihm kein nochmaliger Versuch, die Freiheit und Selbständigkeit wieder zu erlangen, sondern die stille Ergebung in die bestehenden Verhältnisse, leise Hoffnungen im Herzen, die sich jedoch nicht wieder in Thaten umsetzen und unerschütterliches Vertrauen auf die göttliche Leitung der Völkergeschicke. Aber ebenso bildet R. Akiba auch auf dem Gebiete der jüdischen Gelehrsamkeit und Gesetzesentwickelung den Uebergang von der starren Tradition, von dem Buchstaben des Ueberlieferten zu einer freien, schöpferischen Behandlung des Gesetzes, und von einer chaotisch-verworrenen Ueberlieferung zu einer systematischen Anordnung, an welche sich die weitere Bearbeitung des Gesetzesstoffes klar anzulegen vermag. So ragt R. Akiba aus einer vergangenen, abgeschlossenen Zeit in eine zukünftige hinein, deren Wirkung sich durch viele Jahrhunderte bemerkbar macht, und ihm ist es wahrscheinlich vorzugsweise zu verdanken, daß das geistige Leben im jüdischen Stamme damals nicht in völligen Stillstand gerieth. Einem solchen Geiste und Charakter ist auch

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