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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-05-12 · Heft 19 (12.5.1887) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 19 (12.5.1887)
Date
1887-05-12
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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291 Bruder, ein hingebungsvoller Bürger". Alle diese Tugenden und Pflichterfüllungen in ihren höchsten Maßen stellt sie als das zu erstrebende Ideal für den Menschen auf. Diese Ideale bestehen freilich nicht in Herrschaft, Ehre, Reichthum, Lust und Schönheit. Diese weist sie als menschliche Irrungen weit von sich. Aber sie weiß recht wohl, daß es dem Menschen nicht gegeben und möglich ist, diese Ideale in ihren höchsten Maßen und ebensowenig sie alle zugleich zu erreichen. Da der Mensch zum Streben und mühevollem und doch mangelhaftem Erreichen bestimmt ist, so zeigt sie ihm das Ziel und den Weg, der dahin führt. Sie kann ihm hier nicht sagen: wenn Du so und so weit gekommen bist, hast Du genug gethan; sie muß ihn vielmehr belehren, was das Höchste ist und daß er niemals genug thun könne in dem Streben nach diesem. Sie weiß es ja hinreichend, und spricht es aus: „Kein Mensch lebet und sündiget nicht"; Mängel und Fehler weist sie ihm gerade dadurch nach, daß sie ihm zeigt, wie weit er sich von jenem Höchsten entfernt habe. Dann aber streckt sie ihm die Hand entgegen, um den Gefallenen wieder aufzurichten, den Verirrten zurecht zu führen, den Sünder zur Umkehr und Besserung zu bringen. Auch darin ist die Religion Ideal, daß sie die Barmherzigkeit Gottes als unbegrenzt verkündet, und daß jedem Sünder, wie weit er sich auch verirrt habe, die Pforte der göttlichen Gnade offen steht, wenn er seine Vergehen sühnt, seine bösen Handlungen wieder gut macht, sich läutert und auf die Verzeihung Gottes vertraut. So ist die Religion die immer fließende Quelle des Idealen, die stets erfrischende und verjüngende Kraft des Menschenthums. Skepticismus, Materialismus, cynischer Realismus sind die Centnerlasten, die freilich das Ideale aus dem Menschengeiste auspressen, ihn aber auch immer tiefer und tiefer drücken, bis er am Boden und im Staube liegt. Hier stehen die Gegensätze widereinander: das Ideale der Religion und die Erniedrigung durch den Unglauben. Jenes wird durch den Menschen selbst schon genugsam gemäßigt, wenn nicht abgeschwächt; der Unglaube aber weiß dem Menschen nur statt der süßen Frucht des Idealen Erzeugnisse von Principien zu reichen, in welchen nur das gemeine Leben pulsirt, durch welche kein Hauch der Erhebung, kein Odem der wahren und reinen Sittlichkeit weht. — Wie dem aber auch sei, die Gegner selbst geben durch ihren Einwand zu, daß das Ideale ein gewaltiges Element der Religion ist, und weil ss dies ist, muß es auch als eine der wichtigsten Quellen der Religion erkannt werden. Die Natur des Menschen ist darauf angelegt, auf der Stufe, auf welcher er sich befindet, nicht stehen zu bleiben; bewußt oder unbewußt ist sein Geist nach oben gerichtet, um auf der Stufenleiter der Entwicklung immer höher zu steigen. Die heil. Schrift drückt dies auf ihren ersten Seiten aus. Die ersten Menschen hatten in Eden die mühelose Befriedigung aller ihrer Bedürfnisse. Dennoch richteten sie ihre Blicke auf die Frucht „die Erkenntniß des Guten und Bösen", streckten ihre Hand danach aus, und eigneten sie sich an. Also nicht das äußere Bedürfniß, sondern das innere Verlangen trieb sie über das, was sie waren, hinaus. Würde dies nicht im Menschen gelegen haben und das Natürliche in ihm gewesen sein, so würde er, wie das Thier, stehen geblieben und niemals zu der Höhe gekommen sein, zu welcher er durch unermüdliche Geistesarbeit gelangt ist, und von wo aus er rastlos immer höher strebt. Mit der ersten Bewegung und Thätigkeit des Geistes regt sich in ihm das Verlangen nach Weiterem und Höherem; nach seiner jeweiligen Befähigung gestaltet er sich ein Ideal, welches Inhalts dies auch sei. So bleibt er auch niemals bei dem bloßen natürlichen Bedürfniß stehen, sondern fühlt sich gedrungen, auch auf dem materiellen Gebiete, mehr, Besseres, Wünschenswertheres zu erlangen. Gewiß ist es kein Vorzug unserer Gegenwart, wenn sonst denkende und forschende Männer sich darauf versetzen, der Religion nur die eine Quelle des Abhängigkeitsgefühls zuzuschreiben. Man sieht bald, wo dies hinausläuft. Man will dem modernen Menschen zurufen: mache Dich von diesem Abhängigkeitsgefühle los, erwirb Dir die Freiheit der Selbstbestimmung, und wolle dich nicht selbst beugen vor den Elementen, die doch nur mechanisch oder chemisch einem Gesetze folgen. Als ob der Mensch, und sei es mit Hülfe aller Wissenschaft, jemals unabhängig werden könnte, sei es von den Kräften der Natur, sei es im Leben von der Fügung und dem Zusammentreffen der Umstände! Als ob der Mensch für eine völlige Freiheit geschaffen wäre und eine solche zu gebrauchen verstände! Als ob wir uns beugen vor dem rohen Element und dem es einwohnenden Gesetze und nicht vor dem Weltgeiste, der all' dies geschaffen und den Weg der Entwicklung leitet, vor seiner unendlichen Weisheit und Liebe! Als ob uns alle Selbstüberhebung und Selbstvergötterung nur einen Labetrunk der seelischen Befriedigung, einen Aufschwung in der Erhebung zu Gott, unserem Ideale, gewähren könnte! In dem menschlichen Geiste arbeitet nicht ein Factor, bethätigt sich nicht bloß eine Fähigkeit und eine Kraft nach einseitiger Richtung hin, sondern was in ihm wird und wächst, ist das Erzeugniß mehrerer Factoren, mehrerer Kräfte, mehrerer Triebfedern. Und so erkennen wir als die drei Quellen der Religion: die logische Forderung von Ursache und Wirkung, das Abhängigkeitsgefühl und den Trieb nach Höherem, das Aufstreben zum Ideal. 19*

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