Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1887)
- Date
- 1887-05-12
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
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290 das Dasein des Menschen bestimmen, liegen die Wurzeln jeder Religion. Die Religion, die wahre Religion, ist kein Luxusartikel, nicht ein Product der Laune und Willkür oder der Speculation, die aus freiem Antriebe in das übernatürliche Gebiet hinüberschweift; sondern sie ist aus der Bedürftigkeit der Menschennatur geboren, sie ist ein Kind der Noth des armen Erdenwurmes, muß nothwendig die Züge ihres Erzeugers tragen, sie muß bekunden, in welchem Punkte die Menschen, bei denen sie entstand, ihre Abhängigkeit von einer höheren Macht am schärfsten und einschneidendsten fühlten. Dahin richtete sich zuerst ihre bange Scheu, dann der schüchterne Versuch, die räthselhaft waltende Macht gnädig zu stimmen." — Diesem leitenden Gedanken gemäß weisen die Verff. nach, daß besonders locale Culte aus den agrarischen Bedürfnissen hervorgegangen und sich nach diesen gestaltet haben, z. B. der Athene in Athen, der Demeter in Eleusis, des Zeus als Regengottes u. s. w. Abgesehen davon, daß viele andere mythologische Bildungen allgemeineren Inhalts sind, scheinen uns die Verff. den Jrrthum zu begehen, daß sie die Bedürftigkeit oder das Abhängigkeitsgefühl als erste und als alleinige Quelle der Religion auffassen. Einerseits setzen sie doch eine geordnete Bodencultur voraus, die gewiß nicht den primitiven Zustand des Menschen bezeichnet. Viehzucht und Jagd gingen sicherlich dem regelmäßig betriebenen Ackerbau voraus. Andererseits setzt die Bedürftigkeit, wenn sie an die Gottheit recurrirt, den Gottesbegriff schon voraus. Die Naturerscheinüngen, welche der Mensch entweder als sich günstig oder ungünstig ansieht, müssen schon von diesem als Wirkungen einer höheren Macht erkannt sein, wenn er sich an diese um Hülfe oder Abhülfe wenden soll. Dem Drange des Bedürfnisses kann daher der Mensch nach dieser Richtung hin nur folgen, wenn er schon weiß oder glaubt, daß hinter der Erscheinung eine höhere Macht steht, die dieselbe hervorbringt und beherrscht. Dieses Wissen oder Glauben ist eben aus der Urquelle des Gottesglaubens entsprungen, aus der dem Menschengeiste eigenthümlichen Verbindung von Wirkung und Ursache, wie wir oben angegeben. Indem wir daher zugestehen, daß das Abhängigkeitsgefühl ein sehr fruchtbarer Boden für die religiöse Entwicklung gewesen und geblieben ist, wie wir dies auch in unserer ausführlichen „Israelitischen Religionslehre" Bd. I, S. 1 dargestellt haben, so müssen wir doch dabei beharren, daß diesem Bewußtsein der Abhängigkeit von einer höheren Macht die Anerkennung dieser vorangehen mußte, um sich zu einer Anbetung dieser höheren Macht zu gestalten, in welcher und durch welche der Mensch dieselbe zu seinen Gunsten zu stimmen sucht. Hiermit stimmt auch die h. Schrift insofern überein, als sie den Glauben an das Dasein Gottes von vornherein als dem Menschen einwohnend aufstellt, dann aber die Anbetung desselben in Gestalt von Opfern aus Dankbarkeit für die empfangenen Wohlthaten entspringen läßt. Gott schafft die Welt, den Menschen als Menschenpaar, setzt dieses in das Paradies, spricht mit ihm, verweist es aus Eden und übergiebt ihm die Erde als Arbeitsfeld; da brachte „nach Verlauf von Jahren" Kain von der Frucht des Bodens ein Opfer dem Ewigen dar und Abel von den Erstlingen seiner Heerde und von ihrem Fette." (1. Mos. 4, 3.) Kain erfreute sich also einer guten Ernte und Abel des Gedeihens seiner Heerde, und da sie wußte», daß alle diese Wohlthaten ihnen von einer höheren Macht beschieden seien, brachten sie von dem Besten, was sie hatte», ein Opfer dar. Es war damit allerdings das Abhängigkeitsgefühl bethätigt, aber nur auf dem Boden des Bewußtseins von Gott, das ihnen vorher geworden. Wir wollen hierbei noch eine Bemerkung hinzufügen. Auch in der Schrift wird der dem Menschen gewordene Segen an Naturerzeugnissen als ein Lohn, Dürre und Mißwachs als eine Strafe von Gott angesehen. Aber es sind nicht Gebete und Opfer, die als Grund dieser Gunst oder Ungunst angegeben werden. Vielmehr ist es die Liebe zu Gott und der aufrichtige Wandel nach den sittlichen Gesetzen Gottes „mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele", welche diesen Segen bewirken, sowie Abfall von Gott und Götzendienst Mißwachs mit allen seinen traurigen Folgen nach sich zieht. Eine classische Stelle hierüber ist 5. Mos. 11,13 ff. Hoffnung und Furcht des Menschen werden also hier zur Förderung der Sittlichkeit und religiöser Innigkeit verwendet; von Opfern, Gebeten, Fasten, Bittgängen und dergl. ist nicht die Rede. Noch anders gestaltet sich die Beantwortung unserer Frage nach den Quellen der Religion auf einer anderen Seite. Gegner der letzteren wenden nicht selten wider sie ein: sie sei zu ideal, sie stelle dem Menschen Ziele, die er nicht zu erreichen vermöge. Sie gehe über das Maß der menschlichen Kräfte hinaus. Allerdings ist das Ideale ei» bedeutendes Element der Religion. Ihr ist Gott das Ideal, das Ideal aller Ideale, der Allheilige, der Vollkommene in allen seinen Eigenschaften; diese bilden eine Einheit, und wir stellen sie uns nur einzeln vor, wie wir ein gewaltiges Gebäude von seinen verschiedenen Seiten betrachten, weil wir es mit einem Male zu übersehen nicht vermögen. Dann setzt sie dem Menschen als Ideal das Streben nach der göttlichen Vollkommenheit in jeder dieser Eigenschaften; sie sagt ihm: „Heilige Dich, dieweil Gott heilig ist"; „Liebe Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen"; „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, Du sollst nicht Haffen, den Zorn nicht nachtragen und Dich nicht rächen"; „Du sollst dem Hülfsbedürftigen, sei er Freund oder Feind, geben, was erbedarf und Du hast"; „Folge der Gerechtigkeit mit Eifer, damit Du lebest"; „Sei wahrhaftig in allem Sprechen und Thun, ein ehrfurchtsvoller Sohn, ein liebevoller Vater, ein treuer Gatte, ein opferwilliger