Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1887)
- Date
- 1887-05-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudmthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. X Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. 4 Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. G»peöiLion: Leipzig, Woßpkcth 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 12. Mai 1887. Nr. 19. JabaU. Leitende Artikel: Die Quellen der Religion. — Rabbi Akiba ben Joseph. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Magdeburg, Frankfurt a. M., Leipzig, Königsberg, Aus Mecklenburg, Laupheim. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Prag, Lemberg. — Rußland: Petersburg. — Italien: Rom. — Amerika: New Jork. — Tunesien: Paris. — Bonn: Notizen. — Bonn, Wien: Literarische Notizen. — Feuilleton: Leopold von Ranke über die Bibel. — Eine curiose Persönlichkeit aus dem vorigen Jahrhundert. — Die Hungersnoth in den biblischen Zeiten. Bonn, 8. Mai. Die Grellen der Religion. Wir haben wiederholt über die Quellen und Anfänge der Religion Untersuchungen angestellt. Wir thun dies aus gutem Grunde. Denn dadurch, daß wir die Quellen der Religion in den Tiefen des Menschengeistes Nachweisen, untrennbar von diesem selbst, mit seinen eigensten Kräften verwachsen, bringen wir die Ueberzeugung hervor, daß die Religion ein integrirendes Element der Menschenseele ist, so daß alle Versuche des Skepticismus und des Unglaubens, sie aus dem Menschengeiste zu entwurzeln, scheitern müssen, die Religion vielmehr immer wieder siegreich und leuchtend aus dem Dunstkreise hervorbricht, mit welchem man sie verhüllen will. Wir haben in Nr. 48. 1886 gezeigt, daß die Anfänge der Religion geschichtlich nicht nachzuweisen sind, weil eben die Völker bereits mit ihrer Religion in die Geschichte eintreten. Wir können, führten wir dort aus, die Anfänge der Religion und ihre erste Entwickelung nur psychologisch erklären, und zwar aus der Eigenart des Menschengeistes, jede Erscheinung als die Wirkung einer Ursache anzusehen, nach dieser zu fragen und zu forschen, und da, wo ihm diese Ursache nicht sichtbar oder erkennbar ist, eine höhere Macht, die hinter der Erscheinung steht, sie hervorruft und beherrscht, als Ursache anzunehmen. Daraus ersteht die weitere Entfaltung von Fetischismus, Polytheismus und Monotheismus, je nachdem der Mensch die Erscheinungen als einzelne Wesen ~ oder alle in ihrer Gesammtheit ausfaßt. Dahingegen ist jetzt (seit Feüerbach) die Meinung weitverbreitet, die Religion sei allein aus dem Abhängigkeitsgefühl des Menschen entstanden, als er sich in der Natur Mächten unterworfen sah, denen er nicht zu wiederstehen vermöge, und die über Gunst oder Ungunst, die sein Geschick traf, nach ihrem Willen verfügten. Man ging weiter, und bezeichnete geradezu die B edürftigkeit, die Noth als die alleinige Quelle der Religion. In einem sonst trefflichen Buche: „Physikalische Geographie von Griechenland" von C. Neumann und I. Partsch (Breslau, Köbener 1885) wollen die Verff., und zwar mit Recht, die Grundlage der Entwickelung eines Volkes Und eine __ Hauptbedingung seiner Geschichte in der physikalis^en Beschaffenheit des Bodens, den es bewohnte, in dessen Gestaltung, im Klima u. s. w. finden, aber nicht bloß seines materiellen Lebens, sondern auch seiner. rRigiösen Anschauungen. Sie sagen da (S. 6): „Wer im Stande ist, sich jene Primitiven Zustände zu vergegenwärtigen, in denen der Mensch sich ganz auf die Scholle angewiesen sah, auf der er lebte, ohne von auswärts Hülfe erwarten zu können, erkennt leicht, daß seine totale Abhängigkeit von den Naturkräften, die Wind und Wetter, Sommer und Winter, Gedeihen und Mißwachs der Saaten, Leben und Tod über ihn verhängten, ihm mit doppelter' Wucht fühlbar werden mußte. Diesen räthselhaften und unausweichlich waltenden Kräften stand er im Gefühl seiner Ohnmacht, seiner BedtzMAit gegenüber, er sah sich völlig auf ihre Barmherzigkeit verwiesen. In diesem Gefühl der Abhängigkeit von höheren Mächten, welche is