Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1887)
- Date
- 1887-05-05
- Page
- Seite 283 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227682--44387-3266663- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
283 werden. Die deutschen Juden halten thatsächlich an der deutschen Sprache mit größerer Zähigkeit fest, als die christlichen Deutschen. Daher kommt es auch, daß im Volke Londons nur selten ein Unterschied gemacht wird zwischen diesen beiden Klaffen ausländischer Wettbewerber. Einige Gegenden und Straßen Ost-Londons sind so besetzt mit deutschjüdischen Händlern und deutschen Handwerkern, daß man sich nach einer deutschen Stadt versetzt glauben könnte. Hielt es doch der jetzt zum Cabinetsminister ernannte Vertreter der lorrsr 1-Iamlcts, Herr Ritchie, für rathsam, eine seiner Wahlreden in deutscher Sprache zu halten, um auf die zahlreich in jenem Bezirk ansässigen deutschsprechenden Arbeiter der Zuckerraffinerien besser einwirken zu können. In gewissen anderen Gewerben sind die deutschen gleichfalls in einen häufig siegreichen Wettbewerb mit den einheimischen Arbeitern getreten, so in der Schneiderei, Bäckerei und Möbeltischlerei. Die polnisch-deutschen Juden treiben meist Kleinhandel, nur als Schneider treten sie mit den englischen Arbeitern in bemerkenswerthem Maße in Wettbewerb. Die Klage der Londoner Arbeiter geht nun dahin, daß die Ausländer durchweg für einen billigeren Preis arbeiten, als sie es können, und sie deshalb aus ihren Stellungen verdrängen. Der nämliche Vorwurf wird auch gegen die zahlreich in der City thätigen deutschen Handlungsgehilfen erhoben, gegen sie aber niit um so größerem Unrechte, weil London als Mittelpunkt des Welthandels einen großen Theil des Handels von Deutschland mit dem Auslande vermittelt und deshalb deutsche Häuser zur Niederlassung oder Errichtung von Zweiggeschäften nöthigt. Diese deutschen Häuser sind schon der Sprache halber genöthigt, ihren geschäftlichen Verkehr mit Deutschland durch deutsche Angestellte besorgen zu lassen. Selbst deutschen Seeleuten wird es verargt, daß sie sich auf englischen Schiffen anheuern lassen. Alle diese Klagen hallten auch wieder in der Versammlung in Mile-end. Als Heilmittel gegen den angeblichen Uebelstand des Wettbewerbs ausländischer Einwanderer schlug der Vorsitzende der Versammlung, Lord Charles Beresford, eine Eingangs-Kopfsteuer von 50 bis 100 Mark auf jeden einwandernden Arbeiter vor. Uebrigens müssen den conservativen Unternehmern der Versammlung gehörig die Ohren geklungen haben, denn bei verschiedenen Anlassen machte sich der Ingrimm der Versammlung gegen das irische Zwangsgesetz Luft und schließlich wurde noch ein Zusatzantrag zu dem fremdenfeindlichen Beschlüsse angenommen, in dem in wenig höflichen Ausdrücken die Ausweisung der „fremden Prinzen", worunter die Schwiegersöhne der Königin zu verstehen sind, gefordert wurde." Berlin, im April (Literarische Notizen.) Die „Historische Commission für Geschichte der Juden in Deutschland" erläßt folgende Bekanntmachung: „Die j Historische Commission für Geschichte der Juden in Deutschland hat es sich zur Aufgabe gestellt, die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte der deutschen Juden — und damit eines Zweiges der allgemein deutschen Geschichte — durch vollständige Sammlung und sorgfältige und tendenzlose Bearbeitung der Quellen dieser Geschichte zu fördern. Es gilt zu diesem Zwecke, einerseits den jüdischen Theologen eine vollständige Uebersicht der an zahllosen Orten verstreuten christlichen Ouellenzeugnisse über jüdische Geschichte und Culturgeschichte zu ermöglichen, andererseits den christlichen Historikern einen Einblick in die ihnen bisher fast ganz unzugänglichen und deshalb vielfach nicht nach Gebühr gewürdigten Quellenschriften in hebräischer Sprache zu ermöglichen. — „Regesten zur Geschichte der Juden in Deutschland" sollen alle in Urkunden, Briefen, Gesetzen, Concilbeschlüssen, Gedichten, historischen, theologischen und sonstigen wissenschaftlichen Schriften, epigraphischen und numismatischen Denkmälern überlieferten Zeugnisse über jüdische Dinge bis zum Jahre 1273 in chronologischer Ordnung übersichtlich zusammenstellen und dadurch die unerläßliche Grundlage für eine wissenschaftlich erschöpfende Darstellung der Geschichte der deutschen Juden schaffen, die bis jetzt noch vermißt wird. Die Bearbeitung dieser Regesten ist unter Leitung des Prof. Dr. H. Breßlau dem vr. I. Aronius zu Berlin übertragen worden. — Einer Sammlung von „Quellen zur Geschichte der Juden in Deutschland" soll bisher unbekannte oder mangelhaft bekannte hebräische Texte durch zuverlässige kritisch-philologische Bearbeitung und durch die Beigabe einer deutschen Uebersetzung sowie eines historischen Commentars zu einem Gemeinbesitz aller deutschen Historiker und aller derjenigen wachen, die sich für jüdische Geschichte interessiren, während sie bisher nur dem kleinen Kreise derjenigen, welche der rabbinischen Sprache des Mittelalters mächtig sind, zugänglich waren. Der erste Band dieser Quellen wird das Judenschreinsbuch des Stadtarchivs zu Köln publiciren, eine in ihrer Art einzige Sammlung von lateinischen und hebräischen Urkunden aus den Jahren 1236—1341, welche, bisher nur zu kleinstem Theile bekannt, über die Grundbesitzverhältnisse, die Gemeindeverfassung, die rechtliche Entwicklung, die Statistik einer der ältesten und im Mittelalter angesehensten jüdischen Gemeinden Deutschlands die werthvollste Aufklärung verbreiten und damit Einblicke in das innere Leben der deutschen Juden ermöglichen werden, die bisher schmerzlich vermißt sind. Die Bearbeitung hat Herr Privatdocent I)r. Höniger in Berlin, durch seine Forschungen auf diesem Gebiete in weiteren Kreisen bereits rühmlichst bekannt, unter Mitwirkung des Herrn M. Stern in Berlin übernommen. Spätere Bände werden die hebräischen Quellenschriften zur Geschichte der Kreuzzüge, die historischen Gedichte der deutschen Juden, die 18*