Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1887)
- Date
- 1887-05-05
- Page
- Seite 282 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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282 Frankreich. Paris, 25. April. (Privatmitth.) Es klingt wie eine Ironie des Schicksals, wenn wir jetzt, gegenüber den antisemitischen Rufen nach Austreibung der Juden, Aufforderungen von vielen Seiten an sie ergehen sehen, bald nach diesem, bald nach jenem Lande zu kommen und sich daselbst niederzulassen. Wir haben solche bereits aus Jamaika, Mexiko und Südamerika, jüngst auch aus Spanien mit größeren oder geringeren Versprechungen erhalten. Diesen schloß sich neuerdings eine Einladung noch Madagaskar an, welche ein Herr Marield in einer Schrift „la Fraise ä Madagascar“ mit sehr beredten Worten erlasse» hat. Schade nur, daß dieser Herr, welcher Madagaskar als ein wahres Paradies schildert, dem an Fruchtbarkeit und gesundem Klima kein anderer Theil der Erde gleiche, von den Juden gar keine Kenntniß besitzt. Verlangt man in Spanien nur nach einigen reichen Juden, und bedankt sich für den Rest: so glaubt Marield, daß alle Juden reich sind und ladet sie deßhalb ohne allen Unterschied ein. Noch mehr, er ist der Meinung, daß die Juden sich nur da niederlassen wollen, wo sie ein neues Königreich Israel gründen könnten, und verspricht ihnen deßhalb, daß sie in Madagaskar ein solches ausbauen könnten, selbstverständlich unter der Oberhoheit Frankreichs. Ob er hierfür schon die Einwilligung der französischen Regierung in der Tasche hat, wissen wir nicht; jedenfalls schweigt er von der Zustimmung der heimischen Bevölkerung, die doch dabei ein recht gewichtiges Wort mitzusprechen hätte. Herr Isidore Loeb, der über diesen Gegenstand in den Arch. isr. das Wort ergriffen hat, nimmt Gelegenheit, vor der Sucht, arme Juden zur Einwanderung in ferne Länder zu verleiten, nachdrücklich zu warnen. Solche unbemittelte Familien können nur mit großen Geldopfern nach solchen Ländern gebracht werden und durch bedeutende und dauernde Unterstützung zu einem irgend gedeihlichen Zustand gelangen. Wo sollen diese Millionen Herkommen: und entsprächen diese Summen, die schon für etwa 50 Familien erforderlich wären, dem Zwecke, einer so kleinen Zahl unter den unzähligen jüdischen Hülfsbedürftigen eine fragliche Existenz zu bereiten? Diese Erwägungen sind gewiß allen denen auf's eifrigste zu empfehlen, welche die Auswanderung armer Juden aus ihren Heimathländern noch immer als ein wahres Rettungsmittel ansehen. Rußland. Dorpat, im April. Der in Charkow erscheinende „Jushny Krai" hatte eine Dorpater Correspondenz gebracht, in welcher den jüdischen Studenten darüber Vorwürfe gemacht wurden, daß sie es vorziehen, auf der deutschen Hochschule zu Dorpat, anstatt auf den russischen Universitäten zu studiren. Hierauf ist im „Woschod" eine Erwiderung erschienen, in welcher es u. A. heißt: „Die Thatsache ist wahr, aber kann man diese uns Juden zum Vorwurf machen? Unsere Universität hält die Fahne der reinen Wissenschaft hoch und öffnet ihre Pforten Jedem, der nach Wissen und Bildung lechzt. Mit Freuden constatiren wir dieses Factum, daß, während überall die Atmosphäre mit Milliarden judophober Bakterien gefüllt ist, unsere Luft rein geblieben ist. Die Universitäts-Obrigkeit sowie die Professoren gehen mit den jüdischen Studenten im höchsten Grade human und ohne welche Voreingenommenheit um. Was Wunder also, wenn die jüdischen Jünger unter solchen Umständen es vorziehen, an den Ufern des Embach ihren Studien obzuliegen? (Wem machen es die Juden wohl recht? Auf den russischen Universitäten klagt man über ihre Menge, und gehen sie nach Dorpat, schuldigt man sie an, für Rußland keine Sympathieen zu haben!) Großbritannien. London, 25. April. Es ist von Wichtigkeit, die eigentliche Tendenz jener Bewegung festzustellen, welche jüngst in London zu einer Kundgebung geführt hat, und die wir in dem Artikel „Die Einwanderung in England" besprochen haben. Hierzu dient folgende Correspondenz der „Voss. Ztg." „Nationale Unduldsamkeit, diese neueste Fiebererscheinung der Kulturstaaten, hat ihren ansteckenden Einfluß auch auf England auszuüben begonnen, das länger als andere europäische Länder davon freigeblieben war. Nachdem eine Zeit lang die hauptstädtische Presse Klagen von Privatpersonen über das Ueberhandnehmen ausländischer Arbeitskräfte gebracht hatte, ist es einigen conservativen Agitatoren gelungen, sich dieser ihren Parteianschauungen günstigen Strömung zu bemächtigen und eine Versammlung zum Einspruch gegen die ausländische Einwanderung nach Mile-end im Osten Londons einzuberufen. Merkwürdiger Weise befanden sich unter den Veranstaltern und Rednern der Versammlung auch einige jüdische Herren (Samuel Montag», Mocatta und Cohen). Das ist merkwürdig deßhalb, weil die Versammlung ihren ganzen Zorn gegen die einwandernden Deutschen und Juden kehlte und weil die sogenannten „englischen" Juden günstigsten Falls die Ansässigkeit ihrer Familien in England bis ans Ende des 17. Jahrhunderts zurückleiten können, da erst Cromwell die Einwanderung der Juden gestattete. Die in England heimischen jüdischen Familien stammen daher entweder von den sogenannten spanischen Juden ab, zu denen auch die vielen Familien mit italienischen Namen zu rechnen sind, oder von deutschen und polnischen Einwanderern. Letztere haben es neuerdings vielfach vorgezogen, ihre Namen englisch zuzustutzen, in den jüdischen Familien Londons pflegt aber mehrere Generationen hindurch deutsch gesprochen zu