Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1887)
- Date
- 1887-05-05
- Page
- Seite 281 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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281 rücksichtigung nicht werth erachtete. So wird Stöcker aus seiner Opposition nicht einmal den Bortheil ziehen, wegen derselben in irgend welche Erwägung genommen zu werden. Daß er unter diesen Umständen noch nicht der Vergessenheit anheimfällt, dafür muß er seinen kirchlichen Gegnern danken. Diese ziehen jetzt immer ungescheuter, z. B. in der protestantischen Kirchenzeitung, gegen ihn, seine Stadtmission und sein christlich-sociales Spielwerk, los. und er wird bald so weit gekommen sein, daß er unser Mitleid erregt. Es ist nämlich so der Gang der Dinge: der aufgeblasene Ballon bekommt ein Loch, die Luft fährt hinaus, und das dürre Lederzeug klappt zusammen. Berlin, 26. April. Man erfährt jetzt Näheres aus der Petitionscommission des Reichstages. Diese hat die Eingabe der Thierschutz-Vereine dem Fürsten Reichskanzler „zur Erwägung" überwiesen, aber die gegen das jüdischrituelle Schächten gerichtete Forderung der Thierschutz-Vereine in einstimmigem Beschlüsse ausdrücklich ausgenommen. Dieser Beschluß erfolgte nicht nur in Rücksicht auf religiöse Motive, sondern vornehmlich auf Grund der den nahezu 2500 Gegenpetitionen der jüdischen Gemeinden beigelegten Gutachten der hervorragendsten fachmännischen Autoritäten, welche einmüthig bekunden, daß das jüdisch-rituelle Schlachten, weit entfernt, eine Thierquälerei zu sein, zu den wahrhaft humanen Schlachtmethoden gehöre, ja, nach der Ansicht einiger Capacitäten den Vorzug vor jeder anderen verdiene. Vom Rhein, 28. April. (Privatmitth.) Aus den jüngsten Berichten aus Königsberg i. Pr. kommt uns das schöne Beispiel entgegen, welches die jüdischen Gemeinden Ost- und Westpreußens gegeben, indem sie einen Provinzialverband zu gemeinsamen Zwecken gebildet haben. Vereine, welche ganze Reiche befassen, haben für ganz allgemeine Ziele einen anerkennenswerthen Nutzen. Aber gerade durch die große Ausdehnung ihres Wirkungskreises sind sie nicht geeignet, provinzielle Bedürfnisse zu befriedigen, oder es ist ihnen unmöglich, wegen der Fülle der Ansprüche das übergroße Material zu bewältigen. Liegen doch auch die Verhältnisse in den Provinzen und Landschaften verschieden. Warum wird nun jenes schöne Beispiel nicht nachgeahmt? Warum begegnen wir im ganzen deutschen Vaterlande nicht einem gleichartigen Vereine, der sich doch auch dem deutsch-israelitischen Gemeindebunde eingegliedert hat? In Cultus, Religionsunterricht und wohlthätigen Werken würden die mittleren und kleineren Gemeinden — die großen halten sich doch meistens abgesondert — viel Treffliches durch Vereinigung ihrer Kräfte zum gemeinsamen Werke erreichen, und sich bald ein schöner Eifer entzünden, der jetzt völlig schlummert. Eine Provinz kann z. B. recht Viele zu einer Versammlung zusammenbringen, während eine solche aus ganz Deutschland wegen der großen Kosten nur spärlich besucht sein wird. Solche Versammlungen aber werden zur Berathung obschwebender Fragen und zu gegenseitiger Annäherung einsichtsvoller und eifriger Männer sehr wohlthätig wirken. Auch ist das Arbeitsfeld innerhalb solcher begrenzter Landschaften leicht übersehbar, und die erforderlichen Mittel, um Etwas zu Stande zu bringen, erscheinen von vornherein nicht so übermäßig. Auch kann hier den Individualitäten der einzelnen Gemeinden eher Rechnung getragen werden. Wir halten uns überzeugt, daß der Gedanke, Provinzialverbände zu Zwecken des Cultus, des Religionsunterrichtes und wohlthätiger Werke zu bilden, allgemein einleuchten werde. Es kommt nur darauf an, ob sich in einer solchen Provinz Männer von Einsicht und Energie finden, welche an die Ausführung Hand anzulegen den Entschluß fassen. Sie werden gewiß in vielen Fällen willige Folge finden, da sie bald von gleichgesinnten in den anderen Gemeinden Bereitwilligkeit und Unterstützung erhalten werden. Von der Elbe, im April. (Privatmitth.) Es ist auffallend, daß jetzt das gewohnheitsmäßige Betteln unter der sg. anständigeren Jugend sehr verbreitet ist. Es muß dem entgegen gearbeitet werden.' Stellenlose Commis, „kranke" junge Leute, solche, die „zu ihren Verwandten zurückkehren wollen und denen das Reisegeld ausgegangen,, u. s. w. stellen sich sehr anständig gekleidet und in sehr sicherer Haltung vor. Nach kleinen Gaben fragen sie nicht, und wenn sie deßhalb bei Vielen ablaufen müssen, so entschädigt sie die größere Gabe eines Dupirten. So gewöhnen sie sich an Müssiggang und werden im Betteln heimisch. Warum gehen diese jungen Männer, wenn sie erwerblos sind, nicht in Fabriken zur Arbeit. Arbeit schändet nicht, wohl aber Betteln. Sie mögen sich in Gedanken nach den Vereinigten Staaten versetzen, wo Leute, die in Fülle erzogen werden und aus den sg. besseren Ständen stammen, nicht anstehen, zu den gewöhnlichsten und anstrengendsten Arbeiten zu greifen, um sich zu erhalten, und gerade da oft in die Höhe kommen. An unserm Publikum aber ist es, das Betteln nicht zu einem Faulbett für Müssiggänger zu machen! Frankfurt a. M., 26. April. Die Casse zur Ermöglichung des Schulunterrichtes unbemittelter (israelitischer) Kinder hat für 106 Kinder das Schulgeld bezahlt. An Geschenken erhielt die Kasse 6138 Mk. An Jahresbeiträgen wurden von 114 Mitgliedern 3900 Mk. gezahlt. — In voriger Woche constituirte sich dahier ein „Verein zur Unterstützung kurbedürftiger Israeliten in süddeutschen Bädern." Den Vorstand bilden die Herren Ferdinand Gamburg, M. Mainz jr., Leopold Rapp, vr. Rosenbaum und Daniel Worms. Die Thätigkeit des Vereins wird sich vorerst auf Soden beschränken, woselbst seit zwei Jahren bereits in erfolgreicher Weise in gedachtem Sinne gewirkt worden ist. 18