Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-05-05 · Heft 18 (5.5.1887) · p. Seite 280

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 18 (5.5.1887)
Date
1887-05-05
Page
Seite 280 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227682--44384-3266660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

280 Alexandrinischen Juden doch den Standpunkt des damaligen Jadenthums innehielten. Aber schon aus unserer flüchtigen Zeichnung geht hervor, daß zu Josephus Zeit die traditionelle Entwickelung erst begonnen hatte, daß nicht wenige biblische Vorschriften damals mit äußerster Strenge beobachtet wurden, während sie die spätere Entfaltung der Tradition bedeutend milderte und auf eine vernunftgemäßere Stufe brachte. Umgekehrt wurden durch das traditionelle Gesetz Einrichtungen getroffen und Satzungen geschaffen, welche eine oft sehr drückende Observanz erforderten. Es zeigt sich auch, daß vom traditionellen Gesetz ganze Systeme geschaffen wurde», von denen in der Zeit vor dem Falle des Tempels nur geringe Spuren vorhanden sind. Für die Geschichte der Tradition ist demnach diese Betrachtung von Wichtigkeit, und in dieser Absicht übergeben wir sie weiterer Bearbeitung. Deutschland. Berlin, 24. April. (Privatmitth.) Das Curatorium der „Lehranstalt (Hochschule) für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin" hat einen 5. Bericht ausgegeben, welchem eine wissenschaftliche Abhandlung von Rabbiner Dr. P. F. Frankl „Beiträge zur Literaturgeschichte der Karäer" vorangestellt ist. Nach diesem Berichte betrug die Zahl der Hörer im Sommersemester 1886 2b, im Wintersemester 1886 — 87 23. Im letzten Jahre bestanden 2 Hörer das Rabbinerexamen: Dr. Abraham Eckstein und Dr. Aron Gordon. Der erstere ist in Leipzig als Prediger und Religionslehrer angestellt worden, wie denn von den Schülern der Anstalt schon viele in das Rabbiner- oder Schulamt eingetreten sind. Die Fonds der Anstalt und der Stipendienfonds haben sich durch Legate und Geschenke vermehrt. Die zu Gunsten des Stipendienfonds gehaltenen Montagsvorlesungcn haben im Jahre 1886 Mk. t 323 ergeben. Die Einnahmen beliefen sich für das Jahr 1886 auf Mk. 25 798, eben so hoch die Ausgaben, wovon jedoch in beiden Posten Mk. 10186 für convertirte Effecten abgezogen werden müssen. Der Cassenbestand betrug (gegen Mk. 4390 des Vorjahres) Mk. 1648. Das Vermögen beläuft sich gegenwärtig auf Mk. 122 886. Die Stipendienkasse berechnet sich auf Mk. 4812 und blieben in Cassa Mk. 972. Wer diese Zahlen übersieht, muß sich überzeugen, daß diese dem Fortschritt der Wissenschaft des Judenthums und der höheren Ausbildung von Rabbinern und Lehrern gewidmete Anstalt in ihrem Bestände gesichert ist, aber noch vieler Mittel bedarf, um die vorgesteckte Höhe, namentlich durch weitere Anstellungen bedeutender Lehrer, zu erreichen. Möge sich daher die Aufmerksamkeit des begüterten Publikums, soweit es einen regen Sinn für den Fortbestand und die Fortentwicklung des Judenthums besitzt, dieser Lehranstalt zuwenden, um sie in immer reicherem Maße auszustatten! Berlin, 25. April. (Privatmitth.) Von der ganzen Schaar der Antisemiten und ihrer Pamphletisten sind gegenwärtig nur noch drei obenauf: Jstoczy, von Schönerer und Stöcker. In Deutschland hat man dem Antisemitismus den unbeschränktesten Spielraum gewährt, und siehe da, hier hat er sich zuerst im Sande verlaufen. In Oesterreich hat man hier und da antisemitische Flugblätter beschlagnahmt und einige derartige Versammlungen aufgelöst; nach und nach ist die antisemitische Partei von allen besseren Theilen der Gesellschaft ausgeschlossen worden, erhält sich jedoch noch immer in seinen Resten. In Ungarn jedoch denkt die Regierung daran, durch positive gesetzliche Maßregeln den Wühlereien der Antisemiten, namentlich bei Gelegenheit von Wahlen, einen Halt zu gebieten. Während also die Antisemiten sich als völlig unfähig zu einem gesetzgeberischen Mittel für ihre Zwecke erwiesen, soll jetzt im Gegentheil die Gesetzgebung gegen sie gerichtet werden. Es gilt Tisza gegen Jstoczy, und es ist nicht fraglich, wer von beiden siegen werde. Doch sehen wir uns ein wenig nach Stöcker um. Daß er in der parlamentarischen Arena keine Rolle spielt, ist längst von denen erkannt, welche ihn anfangs auf das Schild gehoben. Er hat nur abermals bewiesen, daß es einen großen Unterschied zwischen dem Volksagitator in den Bierlocalen und dem Redner auf der parlamentarischen Tribüne giebt. Da er nun auf diesem Felde auch nicht die kleinsten Lorbeeren pflückte und überhaupt als ein unbrauchbares Werkzeug erkannt worden — ist er in die Opposition gegangen. Obschon der Reichskanzler aus der Annahme der vorliegenden kirchenpolitischen Novelle eine Kabinetsfrage gemacht hat, erklärte Stöcker in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 23. d., daß er gegen diese Vorlage stimmen werde. Muth ist eine schöne Sache, wenn ihn ein David besitzt. Die Schleuder jedoch, welche Stöcker handhabte, war sehr ohnmächtig. Hier hatte der „zweite Luther" Gelegenheit, die ihm einwohnende Lulherkrast zu zeigen: es schlug aber fehl, sie, besonders gegen die Zulassung der Orden gerichtet, weil diese als Propaganda gegen den Protestantismus zu fürchten seien, war so schwach, daß der Reichskanzler, der in dieser Sitzung auf jede gegnerische Rede antwortete, die Auslassungen Stöckers der Be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.