Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1887)
- Date
- 1887-05-05
- Page
- Seite 279 (sequence 7)
- Language
- German
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279 tigung des Brachjahres gezwungen wurden, gestatte R. Simon, das Feld auch im Schmitta-Jahre zu bebauen; R. Janai setzte fest, daß das Schmittagesetz zu Gunsten des Landesgesetzes alterirt werden dürfe, und dies wurde zur Halacha. (Sanh. 26, 1.) — Noch auf einem anderen Felde begegnen wir vielen Verschiedenheiten in den Angaben zwischen Josephus und der Tradition, nämlich dem des Opfercultus, also des Tempels, der heiligen Gerüthe, der Priesterschaft und der Opfer. Wir betreten diesmal dasselbe aber nicht, weil, während Josephus den Herodianischen Tempel noch selbst gesehen und als Priester darin fungirt hat, die talmudischen Berichte aus zum Theil späterer Zeit ^nach dem Falle Jerusalems herrühren und nur aus der Erinnerung gesammelt sind. Es handelt sich also hier nicht um eine thatsächliche Entwickelung, deren Differenzpunkte uns aus der Vergleichung beider Quellen erkennbar werden. Es wäre also die Betrachtung jener Verschiedenheiten ohne Nutzen für unseren diesmaligen Zweck. Worin dieser bestand, müssen wir noch mit einigen Worten klar legen. Die Fackel der Geschichte beleuchtet alle Erscheinungen der Menschenwelt in ihrem Werden, in ihrer Entwickelung, in ihrem Verfall und Absterben. Sie zeigt uns unwiderleglich, daß in der Menschenwelt wie in der Natur eine stete Bewegung und Veränderung stattfindet, eine bald langsamere, bald schnellere, eine bald weither vorbereitete, bald plötzlich hervortretende. Evolution und Revolution, Reformation und Umsturz wechseln mit einander ab. Diese Erkenntniß ist von großer Bedeutung. Denn unter den Menschen macht sich, oft für lange Perioden, die Ansicht geltend und wird mit großer Hartnäckigkeit vertheidigt, sowohl auf dem Gebiete der Religion als des Rechts, daß die bestehenden Einrichtungen und Satzungen von jeher so und nicht anders gewesen, die allein wahren und richtigen seien und unangetastet, unverändert bleiben müßten. Jahrhunderte lang stehen die Menschen unter der Herrschaft und dem Drucke dieser Stabilitätsanschauung, und es ist natürlich, daß, wenn endlich die innere Bewegung zum Durchbruch kommt, sich lange und schwere Kämpfe daraus entwickeln. Man braucht z. B. nur an die protestantische Reformation zu denken, um das Bild solcher Kämpfe, die ja bis zum heutigen Tage noch dauern, zu erblicken. Wenn von der einen Seite jenes feste Beharren in dem Bestehenden naturgemäß Entgeistigung, Verknöcherung zur Folge hat, so vermag die lang zurückgehaltene Bewegung in einen Sturm der Zerstörung auszuarten, der die menschlichen Fluren auf lange Zeit verwüstet und nur nach eingetretener Erschöpfung dem Schaffungstriebe wieder Raum gewährt. Aehnliche Processe, wenn auch nicht mit so gefährlichen Folgen, sind im Judenthum vor sich gegangen. Aus dem talmudischen Boden entwickelte sich die Anschauung, daß die auf demselben durch Jahrhunderte lange Geistesarbeit aufgerichteten Einrichtungen und Satzungen vom Sinai herrührten, also mit dem Beginne unserer Religion so und nicht anders entstanden, stets so und nicht anders gewesen und deshalb eine unverbrüchliche Verpflichtung enthielten. Selbstverständlich ist es die Sache jeder Gesammtheit und jedes Individuums, sich dafür zu entscheiden, in wie weit das Ueberlieferte festgehalten oder nach den Geistesrichtungen und den Bedürfnissen der Zeit verändert, umgestaltet werden müßte. Aber Sache der Geschichte ist es, über den Verlauf, welchen das Ueberlieferte genomnien, über die Entwicklung desselben Aufklärung zu verschaffen und zu zeigen, zu welcher Zeit es seine Wurzeln geschlagen, seine Keime entfaltet, sein Wachsthum beschlossen habe, unter welchen Einflüssen alles dies geschehen und auf welche Weise und zu welcher Zeit es die feste Gestalt erlangt hat, in der es uns nun seit Jahrhunderten erscheint. Es ist überaus merkwürdig, wie der Sinn vieler Geschlechter nach einander sich für die Geschichte verschließt, selbst da, wo sie ohne kritische Forschung laut sprechen könnte. Wer den Talmud, ohne von jenen Stabilitätsansichten völlig befangen zu sein, einsieht, erfährt aus dessen Berichten selbst, daß das traditionelle Gesetz eine lange Entwickelung durchlaufen hat, daß früher andere Bestimmungen gegolten, daß sich in den Kreisen der Talmudweisen nicht bloß in den aufeinander folgenden Zeiten, sondern auch zu gleicher Zeit sehr verschiedene Meinungen kundgaben, daß in vielen Punkten eine Beschlußnahme ausblieb, so daß sich theils erst später ein bestimmter Brauch herausbildete, theils die Codisicatoren nach eigenen Ansichten verfuhren, wie denn z. B. Maimonides sehr oft Staunen und Zweifel über seine Entscheidungen erweckt. Was also der Talmud selbst hierüber lehrt, blieb unbeachtet, und noch bei den heutigen Stabilen herrscht die Ansicht vor, daß alle Einrichtungen und Satzungen von jeher nicht anders bestanden und deshalb eine völlige Integrität in Anspruch zu nehmen haben. Die neuere Geschichtsforschung auf diesem Gebiete hat das Gegentheil gelehrt. Allerdings ist sie nach dieser Richtung bis jetzt noch sehr unvollständig geblieben. Man hat sich mehr mit den Talmudlehrern beschäftigt, als daß man die Geschichte der einzelnen Institutionen und Satzungen oder doch der Satzungsgebiete verfolgt und klargestellt hätte. Höchstens machen hiervon einige Rechtsobjecte eine Ausnahme. Wir möchten deshalb unseren jüngeren Forschern die Richtung nach dieser Seite hin anempfehlen. Hierzu wollten wir einigen Anstoß durch den Hinweis auf Josephus, d. h. auf die Zeit vor der zweiten Zerstörung Jerusalem's geben. Wir folgen darin der Schrift Duschak's. Aber diese erschöpft ihren Gegenstand noch bei weitem nicht, und eine speciellere Forschung würde noch vieles ans Licht bringen. Auch dürfte dabei Philo nicht ganz außer Acht gelassen werden, da die