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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-05-05 · Heft 18 (5.5.1887) · p. Seite 277

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 18 (5.5.1887)
Date
1887-05-05
Page
Seite 277 (sequence 5)
Language
German
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277 sich ausüben. Zum ersten Male ist es der in der Bildung begriffene Verein, welcher offen und kräftig dem Ansturm des Atheismus entgegentritt, bei der heutigen Tagesstimmung in Frankreich ein Wagniß. Es bietet uns eine Befriedigung, daß die erste Kundgebung des Vereins durch einen ehrwürdigen jüdischen Greis vollführt ward, so daß auch diesmal das Judenthum sein geschichtliches Vorrecht ausübt, an der Spitze der Gottgläubigen zu stehen, dem Gottglauben seine Kräfte zu widmen. Mögen wir recht bald Weiteres vernehmen. i) London, den 20. April 1887. Die Einwanderung in England. Es ist das eigentümliche Geschick der Juden, das durch deren ganze Geschichte reicht, in jeder Krise oder kritischen Lage, in welche die Gesellschaft gerathen, zunächst die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und den Angriff auf sich gerichtet zu sehen. Es kommt hierbei nicht darauf an', in wie weit die Juden thatsächlich an jener Krise betheiligt oder gar verschuldet waren oder sind, man zieht sie als Anstoß erregend in den Kreis der Beachtung und Beurtheilung herein, und glaubt sich im Mittelpunkte der Sache, wenn man Beschuldigungen, seien sie gerechtfertigt oder nicht, gegen sie losgelassen hat. Dies wiederholt sich gegenwärtig auch in England. Die Arbeiterwelt befindet sich auch in diesem Lande in unzulänglichen Zuständen. Eines der Uebel, unter welchen man sie leidend glaubt, ist die starke Einwanderung fremder Arbeiter. Die britischen Arbeiter bedürfen ihren Gewohnheiten und den wirtschaftlichen Verhältnissen gemäß eines hohen Arbeitslohnes. Die fremden Arbeiter, denen es überhaupt darum zu thun ist, Arbeitsgelegenheit zu finden, und die mäßiger gewöhnt sind, fordern einen geringeren Arbeitslohn und werden deshalb stark gesucht. Die englischen Arbeiter werden durch diese Concurrenz geschädigt, und sind deshalb gegen jene erbittert. Es wiederholt sich hier, was auch in Südfrankreich und Süddeutschland, z. B. in München, gegen die italienischen Arbeiter der Fall ist, in Westdeutschland gegen die polnischen, die zur Zeit über die Grenze kommen. Ueberall nun giebt es Männer, welche sich der Volksstimmung bemächtigen, um der Masse Richtung und Ziel zu geben. So auch hier in London, wo der Socialreformer Arnold White, aber auch Conservative, wie Mr. Howard Vincent und Capitän Colomb, diese Frage auf die Tagesordnung und in ein Schlagwort zu bringen suchen. Sie 1) Unangenehm ausgefallen ist es uns, daß auch für Herrn Franck Philosophie und Wissenschaft an den Vogesen abgegrenzt sind. Diese Einseitigkeit hat der Entwickelung des französischen Genius schon Schaden genug gebracht! haben deshalb eine große Volksversammlung im Ostendviertel ausgeschrieben, und als Thema das Verbot der Einwanderung unbemittelter Ausländer aufgestellt. Sie wollen dann die gefaßten Resolutionen vor das Parlament bringen. Sie verlangen, daß nach dem Muster des Californischen Gesetzes gegen die Chinesen oder nach dem Beispiel der Union, welche in den letzten Jahren die Landung völlig mittelloser Einwanderer in New Jork untersagt hat, auch von der britischen Küste alle unbemittelten Ausländer ausgeschlossen werden sollen. Man will also Großbritannien des von ihm bisher so hochgehaltenen Asylrechtes berauben, oder dieses vielleicht nur für die Anarchisten und Nihilisten mit ihren Geheimbünden und Verschwörungen erhalten. Wie geht man nun vor, um der ganzen Angelegenheit einen scheinbaren Grund zu verschaffen, der ihr vielleicht bei manchen Theilen der gesummten Bevölkerung Anklang bewirke? Man holt die Juden herbei; man weist darauf hin, was allerdings richtig ist, daß im letzten Jahrzehent eine starke Einwanderung armer polnischer und russischer Juden stattgefunden, die sich im größten Elend befinden. Indem man nun diese Juden voranschiebt und die Arbeiter Nachfolgen läßt, will man der Feindschaft gegen die fremden Arbeiter einen allgemeinen Charakter verschaffen. Man meine nicht diese und nicht jene Klaffe, sondern alle unbemittelten Fremden als eine unerträgliche Last für England. Hierbei läßt man sich nun eine zweifache Ungerechtigkeit zu Schulden kommen. Zuerst sind es gerade diese jüdischen Einwanderer, welche den britischen Arbeitern die geringste Concurrenz bieten. Alsdann hat kein christlicher Engländer irgend eine Belästigung von diesen Leuten zu erfahren. Sie sind es gewohnt, in ihren Nöthen sich nur an ihre Glaubensgenossen zu wenden, und bei diesen ein warmes Mitgefühl für ihre Leiden zu finden. In der That besteht hier ein israelitisches Wohlthätigkeitscomito, welches alle Mittel aufbietet, um diesen unglücklichen Menschen unter die Arme zu greifen und namentlich einen kleinen Erwerb zu verschaffen. Die Unterftützungsfälle belaufen sich jährlich auf über 20,000. Dies ist ihm nur möglich durch den ausgezeichneten Wohlthätigkeitssinn der englischen Juden, welche große Opfer zu diesem Zwecke bringen. Allerdings übersteigt allmählich der Anwachs dieser armen Einwanderer alle vorhandenen Mittel. Das Comito hat deshalb wiederholt Warnungen nach dem Festlande gelangen lassen, um diese Einwanderungen zurückzuhalten, die schließlich zum Untergang vieler Individuen führen muß. Es hat ferner Tausenden derselben die Mittel gegeben, um nach der verlassenen Heimath zurückzukehren, da sie in England preisgegeben wären. Aber, wie gesagt, nur die jüdischen Kreise sind es, die diese Last zu tragen haben, und der Gesammtbevölkerung bringen diese Unglückseligen keinen erheblichen Schaden. Es ist also nur eine schlau erdachte List, wenn man die eingewanderten armen Juden in

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