Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1887)
- Date
- 1887-05-05
- Page
- Seite 276 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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276 Paris, 26. April. Die Vereinigung gegen den Lkepticismus. Wenn Sie in Nummer 17 auf Grund von Auslassungen in Pariser Tagesblättern von dem Gedanken sprechen, der in dem jüngeren katholischen Clerus vorwalten soll, die verschiedenen Religionen zum Kampfe gegen den Skepticismus zu vereinigen, so hat diese Idee doch noch eine ganz andere Grundlage. Es hat sich hier eine Liga gebildet, welche nicht den Clerus ins Auge gefaßt hat, sondern auch alle rationalistischen und philosophischen Richtungen, welche der deistischen und theistischen Anschauung huldigen, Alle, welche den Gottglauben als unerschütterliche Grundlage ihrer Ueberzeugung festhalten, als Gegner des Atheismus mit einander verbinden soll, um dem letzteren entgegenzuwirken. Es ist dies eine ganz natürliche Erscheinung, nachdem in Frankreich der Radikalismus so außerordentliche Herrschaft gewonnen und die Gesetzgebung immer mehr in seine Gewalt zu bekommen strebt. Ist doch z. B. der hiesige Stadt¬ oder Gemeinderath in seiner großen Mehrheit nicht bloß atheistisch gesinnt, sondern faßt alle Augenblicke Beschlüsse, die aller positiven Religion Hohn sprechen, nur daß sie an der Beschränktheit seiner Gewalt und seiner Befugnisse scheitern. Jene Liga sucht sich zunächst bei dem größeren Publikum durch öffentliche Vorlesungen einzuführen, und die erste derselben hielt in diesen Tagen unter dem Vorsitz von Jules Simon der greise Prof. A. Franck. Ueber diese Vorlesung giebt Herr A. Prague folgenden skizzirten Bericht: „Der beredte Verfasser der „Religion naturelle“ eröffnete die Sitzung mit einer anziehenden Improvisation, in der die Schärfe der Form und die Erhabenheit des Gedankens sich vereinigten, um das böswillige Werk der Atheisten zu vernichten. Ist der Atheismus eine moderne Erfindung? frug sich zuerst Herr Franck. Und er antwortet, indem er uns die Spur dieses Sophismus im brahmanischen Indien zeigt und das Wort des Psalmisten citirt: „Ter Thor spricht in seinem Herzen, es giebt keinen Gott." Aber der Atheismus, der allen Zeiten und allen Ländern angehört, wurde bis auf unsere Tage nur von einigen Individuen bekannt. Er war nur die Lehre einer Philosophenschule. Heute will man ihn zum Princip der menschlichen Gesellschaft erheben und mit ihm die Seele der Masse nähren. Unter diesen Bedingungen wird der Atheismus eine wahre Gefahr, ein sociales Uebel. Und wie er uns den Atheismus so alt wie die Welt erweist, zeigt uns Herr Franck die Gottesidee in Uebereinstimmung mit der Vernunft, anbefohlen, bezeugt durch dieses Licht des menschlichen Bewußtseins. Zu dieser Beweisführung leistet das Judenthum seinen Beitrag durch das berühmte Kap. 8 der Sprüche Salomonis, eines der ältesten Denkmäler der jüdischen Philosophie, dem Herr Franck seine berechtigte Bewunderung nicht vorenthält. Der gelehrte Akademiker hatte nicht minder keine Mühe zu beweisen, daß alle behaupteten Neuheiten der verneinenden Wissenschaft yeue Auflagen alter Theorien sind. Herbert Spencer hat zum Vorgänger Hobbes. Was die Moral betrifft, die aus dem Atheismus resultirt, so ist es der schrankenlose Triumph der menschlichen Leidenschaften, denen man die nöthigen und wohlthätigen Zügel nimmt, die sich nennen: Pflicht, Tugend, gegenseitige Achtung. Die Barmherzigkeit und die Liebe sehen sich ersetzt durch das Mitleid, und die Menschen werden erniedrigt auf das Niveau der Wesen, die tiefer stehen als das Menschengeschlecht. Der Meinung der Atheisten, die behaupten, daß die Wissenschaft ihre Lehren unterstütze, setzt Herr Franck die Namen berühmter Gelehrter entgegen, wie Descartes, Newton, Pascal, Cuvier, Cauchy, Brogniart, I. B. Dumas, Pasteur, welche zugelassen, anerkannt und bewundert haben eine unbegrenzte Macht, Leiterin des Universums. Der Ruf, den Herr Franck zum Schluffe an alle Religionen, um vereinigt die Fortschritte des Atheismus zu bekämpfen, richtet, verdient gehört zu werden. Es giebt einen gemeinsamen Boden, auf dem alle Confessionen, Katholicismus, Protestantismus, und Judenthum sich begegnen, ihre Anstrengungen vereinigen und ihre Kräfte verbinden können. Das ist derjenige des Glaubens an Gott. Diese Idee, Mutter aller dieses Namens würdigen Philosophieen, ist unentbehrlich für das Wohlverhalten der menschlichen Gesellschaft. In der Arbeit, sie auf dem hohen Rang zu erhalten, welche sie in den Herzen einnimmt, vollführen die Religionen ein Werk des öffentlichen Wohles. Das Judenthum, welches als erstes der Menschheit den reinen Monotheismus geschenkt hat, wird sich sicher an diesem heiligen Unternehmen betheiligen." — Wir hegen den lebhaften Wunsch, daß es diesem Vereine gelinge, recht viele bedeutende Kräfte für seine Arbeiten zu gewinnen und an Ausdehnung und Verbreitung immer fort zu wachsen. Denn selbstverständlich kann es nicht genügen, dann und wann einen Vortrag in einem engeren, gewissermaßen vornehmen Kreise zu halten: es muß vielmehr auf die großen mittleren und niederen Schichten des Volkes gewirkt werden, wo es vielleicht noch leichter gelingt, die Flamme der religiösen Ueberzeugung und der Liebe zur Gottesverehrung wieder anzufachen, als in den kühlen Gemüthern der sogenannten gebildeten Welt. Es ist dies wahrlich ein Bedürfniß namentlich in Frankreich, in dem Vaterlande der Encyclopädisten, jenes Terrorismus, der jede religiöse Kundgebung mit dem Tode bestrafte, und der modernen Freidenker (libres penseurs), welche alle Institutionen des Staates mit dem Atheismus durchtränken wollen, und zwar unter dem Vorwände der GewissensHeiheit, die sie jedoch nur gegen