Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1887)
- Date
- 1887-05-05
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
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275 worden sein. Es waren Fragen über die wahre Bedeutung der mosaischen Gotteslehre und ihrer Offenbarung aufgeworfen worden, Fragen, ob sie sich den immer wiederholten Anstürmen des Heidenthums und den steten Schwankungen des israelitischen Volkes und seiner Großen gegenüber werde erhalten können, ob sie zum wahren Heile dieses Volkes innerhalb der Wirren, welche der Einbruch der großen Dynasten, der ägyptischen und assyrischen, in deren Hintergrund bereits die babylonischen auftauchten (Mich. 4, 10. Jes. 39, 1), gereichen würde? Gegen alle diese Fragen ist unser Prophetenspruch gerichtet. Er behauptet die Ewigkeit der Gotteslehre, die Erhaltung Israels in derselben, die Ausbreitung über alle Menschenvölker und als Folge den Eintritt des allgemeinen Friedens, der allgemeinen Sicherheit, des allgemeinen Besitzstandes. Gewiß bildet so unsere Weissagung, die sich über die ganze Ausdehnung und Zukunft des Menschengeschlechtes erstreckt, einen merkwürdigen Mittelpunkt für Religion, Sittlichkeit und allgemeinen Frieden. Er stellt sich mitten unter den Stürmen der Geschichte, mitten im tobenden Ocean der Völkerkämpfe wie ein zwar einsamer, aber unerschütterlicher, hoch aufragender Fels, an welchem die Wogen sich brechen und der der erschöpften Menschheit eine Ruhestätte bietet, von welcher aus sie beschwichtigt in die Zukunft ausschauen könne. Der Spruch war eine logische Consequenz für diejenigen, welche eine tiefe Ueberzeugung von der Gotteslehre in ihrem Geiste hegten, daß diese nothwendig nicht für ein Volk und nicht zu bloß theoretischer Wirksamkeit gegeben und verkündet sein könne, und dies wird sie für alle gleichgesinnten Geister für immer bleiben. Nicht minder führt die sittliche Natur des Menschen und seine Entwickelungsbefähigung zu demselben Schluffe, da die Frage nach dem Ziele der zweiten stets mit der letzten und höchsten Befriedigung der ersteren beantwortet werden muß. — Mehr als sechsundzwanzig Jahrhunderte sind verflossen, seitdem der Prophet, losgelöst von der nanonalen Beziehung, aber auf dem religiösen Fundament der Nation beharrend, diesen Ausspruch über die dereinstige Zukunft des Menschengeschlechts gethan. Da giebt es wohl Viele, welche fragen: Was ist wohl von der Weissagung des Propheten in Erfüllung gegangen? Bezeugt die Geschichte, daß die Menschheit auf dem Wege, der zu jenem Ziele führen kann, vorangeschritten? Nicht wenige, in ihrer pessimistischen Stimmung, bezweifeln die Wahrheit und die einstige Verwirklichung dieser prophetischen Verkündigung als eine menschenfreundliche Illusion, die dem Geiste Israels zwar alle Ehre mache, aber der Realität und der menschlichen Leidenschaft widerspreche. Aber, fragen wir, sind denn.sechsundzwanzig Jahrhunderte für den Verlauf der menschheitlichen Entwickelung und für die Gesammtheit von 1500 Millionen Menschen ein so langer Zeitraum? jetzt, wo die neueren Forschungen die Anfänge dieser Entwickelung auf nicht wenige Jahrtausende vor dem Propheten zurückversetzt haben? Und doch, die beiden Töchterreligionen des Judenthums, das Christenthum und der Islam, haben, indem sie einen universellen Charakter annahmen, das Heidenthum, wenigstens das krasse, aus einem großen Theile des Menschengeschlechtes beseitigt; die Reformation hat einer freieren Geistesbewegung den Weg eröffnet; die Aufklärung hat seit dem vorigen Jahrhundert in den Anschauungen mächtig aufgeräumt; die Wissenschaft, wenn sie auch oft negativ wirkt, tritt dem Wahn- und Aberglauben siegreich in den Weg. Wer die religiösen Zustände zur Zeit des Propheten mit den gegenwärtigen vergleicht, muß zugestehen, daß sehr wesentliche Fortschritte gemacht worden sind, welche trotz aller Wucht des Bestehenden eine erleuchtete Zukunft verbürgen. Wenn der Prophet weise den Worten „daß Er uns lehre von seinen Wegen'" folgen läßt: „und daß wir gehen auf seinen Pfaden" —, so haben wir doch zu betonen, daß die von der Gotteslehre verkündeten Grundsätze der Sittlichkeit und der Gesellschaftlichkeit in großen Theilen des Menschengeschlechtes als allein wahr und richtig anerkannt worden sind. Die Lehren, um nur einiges anzuführen, „heilige Dich in Gott", „liebe deinen Nächsten wie dich selbst", „Gerechtigkeit folge nach, damit du lebest" u. s. w. und die Zehn Worte vom Sinai sind als die Grundsäulen der menschlichen Gesellschaft und der Sittlichkeit allgemein begriffen. Was man aber auch sage, daß zwischen Wort und That, zwischen Lehre und Leben noch ein weiter Weg sei, so gehört doch viel dazu, leugnen zu wollen, daß, wenn auch langsam, auch auf diesem Wege die Menschheit voranschreitet, der Kern derselben voran, der große Ueberrest wird folgen. Vermögen wir doch auf großartige Werke, auf vielfache Bestrebungen, auch auf staatlichem und socialem Gebiete hinzuweisen, welche bezeugen, daß unser Geschlecht die mannigfaltigsten Anstrengungen macht, um die ungeheuren Schwierigkeiten nach und nach zu überwinden, welche der Versittlichung der Gesammtheit, wie der Individuen aus den gegebenen Verhältnissen und aus den menschlichen Leidenschaften heraus entgegenstehen. Wir begnügen uns mit diesen Andeutungen. Gewiß ist, daß jener Prophetenspruch wie ein Leuchtthurm dasteht, dessen unverlöschliche Strahlen durch nächtliches Dunkel wie durch das Zwielicht der Dämmerung die Pfade der Menschheit mitten durch Sturm und Brandung hell beleuchten, bis in den fernen Hafen, in welchem sie einst zu Heil und Frieden landen sollen!