Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1887)
- Date
- 1887-05-05
- Page
- Seite 274 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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274 einiger kleinen Verschiedenheiten der Spruch bei Michah noch einen Zusatz hat. Citiren wir den Ausspruch nach Michah: „Und sein wird's in der Folge der Zeiten: gegründet wird stehen der Berg des Hauses des Ewigen an der Spitze der Berge, und über die Hügel erhaben, und zu ihm strömen (alle sJes.j) Völker. Und es gehen viele Nationen und sprechen: Auf! hinan laßt uns ziehen zum Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jakob's, daß er uns lehre von seinen Wegen, und wir wandeln in seinen Pfaden: denn von Zion gehet die Lehre aus, und des Ewigen Wort von Jerusalem. Dann wird er richten zwischen vielen Völkern, schiedsrichten mächtigen Nationen bis in die Ferne, daß sie Schmieden ihre Schwerter zu Sensen und ihre Speere zu Winzermessern: nicht hebt Volk gegen Volk das Schwert, und nicht lernen sie fürder den Krieg. Dann wohnt ein Jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum, und Niemand schreckt: denn der Mund des Ewigen der Heerschaaren hat's geredet."J) Fragen wir nach dem etwaigen Alter dieses Prophetenspruches, so haben wir als Maßstab nur den Bestand des Salomonischen Tempels und zwar in seiner vollen Glorie. Wir haben ihn demnach zwischen dem Aufbau des Tempels und der Zeit des Achas und des Hiskia zu setzen. Spätestens gehört er also dem achten Jahrhundert vor der gew. Ztr. an. Das ganze Prophetenstück zeichnet sich durch Einfachheit und Klarheit der Sprache aus. Bei allem Nachdruck ist der Sinn bis ins Einzelnste unzweideutig, und es fehlen die Gleichnisse, welche die Sprache der Propheten bisweilen eher dunkler machen, als den Gedanken ins Klare stellen. Der Inhalt unseres Prophetenspruches befaßt zwei Momente, ein ideelles und ein reelles. Das erstere (V. 1 und 2) besteht in der Verkündigung, daß „in der Folge der Zeiten" alle Völker sich der Erkenntniß und Anbetung des einzigen Gottes zuwenden werden, und zwar, nach dem richtigen Verständniß der mosaischen Lehre nicht etwa bloß dogmatisch, sondern indem sie das ganze Leben nach den Consequenzen jener Lehre, nach den sittlichen und socialen Gesetzen einrichten, „die Wege Gottes erlernen und seine Pfade 1) Die Verschiedenheiten zwischen beiden Texten sind folgende: Die Stellung von ~vp und TDJ ist nicht dieselbe; ni~ hinter nkm fehlt bei Jes.; i'^J? bei Jes. die Abwechslung im Gebrauche von D'Dy und O'U ist bei beiden nicht dieselbe; bei Jes. steht sehr bezeichnend Q’UI „alle Völker", während bei Michah $3 fehlt; bei Jes. fehlt l in ebenso bezeichnend ist, daß Jes. sagt: PSm D’U- 1*2, während es bei Michah heißt: crm ü'üy P2, und während es bei Jes. weiter heißt: ü’Dy^ noni, lesen wir bei Michah: pinn B. 4 sehlt bei Jesaias; daß er aber zum citirten Prophetenspruch gehörte, bewert der leier liche Schluß: „kenn der Mund des Ewigen der Heerschaaren hat es geredet." Jesaias hat ihn übergangen, wahrscheinlich weil jener auf das Individuelle eingeht, das dem Jesaias bei dieser Rede fern lag. wandeln." „Der Berg des Hauses des Ewigen" wird an der Spitze aller Berge stehen, emporragend über alle Höhen. Daß dies nur figürlich zu fassen, bemerkt schon Raschi. Es ist darunter die Gotteslehre, wie sie ihre Hauptstätte im Tempel auf Morijah gefunden, verstanden, vor welcher also alle übrigen Religionen, damals natürlich die heidnischen, aus den Geistern der Völker verschwunden sein werden. Der Berg Gottes wird auch bei den Psalmisten der Sitz der Erkenntniß und der Sittlichkeit genannt (15, 1. 24, 3). Wollte man eine mythologische Beziehung suchen, so wurden bekanntlich von alten Völkern gewisse Berge als Göttersitze angesehen, die also vor dem Berge Zion als wahrer Gottesstätte aufgegeben würden. Zu betonen ist, daß zwar durch die Apposition „das Haus des Gottes Jakobs" und durch den Satz: „denn von Zion geht die Lehre aus, und das Wort Gottes von Jerusalem" ausgedrückt wird, in der Vereinigung der Völker zur Anbetung des einzigen Gottes werde, die Gotteslehre als Religion Israels anerkannt werden, dennoch aber irgend eine nationale Beziehung, irgend eine Andeutung auf eine Herrschaft des israelitischen Volkes, wie dies in der Vorstellung eines persönlichen Messias geschehen ist, hier gänzlich fehlt. Die Weissagung geht also vom höchsten Gesichtspunkte aus. Alle Völker der Erde begegnen sich in der Anbetung des einzigen Gottes und in der Befolgung seines Sitten- und Gesellschaftsgesetzes. Hieraus folgt das zweite Moment, daß nämlich thatsächlich der Streit zwischen den Nationen aufhört, kein Volk über das andere die Herrschaft zu erlangen sucht, und die allfallsigen Streitigkeiten durch Schiedsgericht entschieden werden. Dieses Schiedsgericht wird nach göttlichem Rechte beschließen, was der Prophet dadurch ausdrückt, daß Gott selbst zwischen den Völkern richten und schiedsrichten werde, und die Völker werden sich mit der Entscheidung befriedigt halten. Das zweite Moment ist demnach eine Folge des ersten: Der Krieg verschwindet von der Erde, es werden keine Waffen mehr geschmiedet und das Kriegsühren nicht erlernt. Hiermit endet jede Gewaltthat, jedes Unrecht unter den Menschen; die Güter vertheilen sich in einer gleichmäßigen Weise, so daß, wie es figürlich ausgedrückt wird, ein jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum in voller Sicherheit wohnt. Also auch die, durch den ungleichen Besitz hervorgerufene Eifersucht, Unzufriedenheit, Habgier, der ganze Besitzstreit unter den Menschen würden ausgeglichen und der Frieden allgemein und ständig unter Völkern und Individuen sein. Diese prophetische Weissagung muß einen tiefen Eindruck gemacht haben, da die beiden großen Propheten sich veranlaßt und von ihr begeistert fühlten, um sie an der Spitze ihrer Reden zu wiederholen, gewissermaßen als Ausgangs¬ und als Zielpunkt für ihre eigenen Verkündigungen. Jene muß aber auch in einer geistig sehr bewegten Zeit gesprochen