Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1887)
- Date
- 1887-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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\ emeine / Iudmlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch denBuchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. GZepeöiLion: Leipzig, Woßplcrh 17. In redaetionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 5. Mai 1887. Nr. 18. Ivdrtl. Leitende Artikel: Die große Verkündigung. — Die Vereinigung gegen den Skepticismus. — Die Einwanderung in England. — Josephns und die Tradition. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Vom Rhein, Von der Elbe, Frankfurt a. M. Frankreich: Paris. — Rußland: Dorpat. — Großbritanien: London. — Berlin, Bonn: Literarische Notizen. — Fenilleton: Die Vögel Palästina's. — Eine Synagoge in Palmyra. £citc'i'iie €Xitißaf. Bonn, 28. April. Die große Verkündigung. Wenn wir vom Sinai aus den Strom der Geschichte Israels abwärts fahren, stoßen wir auf eine zweite große Verkündigung, die, wenn auch in unscheinbarer Gestalt, von höchstem sittlichen Werthe, von allgemeinster menschheitlicher Bedeutung und von eminentem Fernblick ist. Sie ist enthalten in dem alten Prophetenspruch, welchen Jesaias (2, 2) und Michah (4, 1), diese beiden zeitgenössischen Propheten, an die Spitze, jener seiner zweiten, dieser des mittleren Absatzes seiner zweiten Rede stellten. Wenn die Verkündigung auf Sinai dem Volke Israel die Grundlagen seiner Gesellschaft für die Zukunft offenbarte, so ist es dieser Prophetenspruch, welcher die Zukunft des ganzen Menschengeschlechtes mit Hellem Lichte bestrahlte und die Ziele aufstellte, welchen die Menschheit in langer und langsamer Entwicklung zuzustreben habe. Unser Spruch hat deshalb zu aller Zeit, besonders aber in unserer — denn durch lange Epochen war er doch hinter die Idee eines persönlichen Messias zurückgetreten — die volle Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dennoch meinen wir, daß dieser Prophetenspruch etwas zu oberflächlich behandelt und in seiner epochemachenden Bedeutung nicht tief genug aufgefaßt worden, und unsere Leser werden es daher gerechtfertigt finden, wenn wir uns mit demselben etwas näher befassen. Die Idee, die er zum ersten Male zum Ausdruck brachte, ist für das Judenthum der Neuzeit zu einem grundlegenden Axiom geworden, und wir halten dieselbe fest, so langsam auch die Fortschritte sind, welche das Menschengeschlecht auf dem vorgezeichneten Pfade vollbringt, so leicht auch die Zweifel an ihrer Richtigkeit uud Verwirklichung aus den thatsächlichen Zuständen gezogen werden können. Hierüber später ausführlicher. Das der Spruch bei beiden Propheten ein Citat ist, geht besonders daraus hervor, daß zwar zwischen dem Citat und der betreffenden Rede des Propheten ein ideeller Zusammenhang besteht, der auch in den anknüpfenden Worten beider Propheten sich bemerklich macht, dennoch der Inhalt der Reden von dem des Citates ganz verschieden ist. Jesaias wie Michah, jener in härterer, dieser in milderer Sprache, eifern gegen die religiöse Entartung Israels, verkünden das Nahen des Strafgerichtes, schildern dessen zerstörende, jedoch läuternde Wirkung, so daß eine Wiederherstellung stattfinden werde. Hierbei empfanden sie das Bedürfniß einer Erklärung, daß die Religion des einzigen Gottes durchaus nicht von Israel allein und dessen Geschicken abhängig sei, sondern vielmehr in der Folge der Zeiten sich über alle Völker ausbreiten werde. Es war dies eine Voraussetzung, nach welcher sie sich ungehindert über das Verderbniß Israels und das dieses treffende Strafgericht auslassen konnten. Je auffälliger nun eine solche Lehre in Verbindung mit den darauf folgenden Strafreden erscheinen konnte, desto mehr benutzten beide Propheten die Autorität des älteren schon bekannten Prophetenspruches zu ihrem Zwecke. Daß hierbei ein Prophet von dem anderen nicht entlehnte, ersieht man daraus, daß außer 18