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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-04-28 · Heft 17 (28.4.1887) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 17 (28.4.1887)
Date
1887-04-28
Page
Seite 267 (sequence 11)
Language
German
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267 nicht zu verkennenden Scharfsinn auf ganz hypothetische Zusammenstellungen zu verwenden. Was man eifrig sucht, das findet man; hat man nun voreingenommen gesucht, so geräth man in Jrrthümer. So erscheinen uns die von dem Vers, gegebenen Beispiele. Es ist natürlich, daß Legenden und Mährchen hier und da einige ähnliche Züge haben; sind sie aber sonst sowohl in den darin ausgedrückten Gedanken als auch im Verlauf und den Details der Erzählung gänzlich verschieden, so darf man nicht daraus den Schluß ziehen, daß sie von einander entlehnt seien. So will der Vers, gleich anfangs die Sage vom Kyffhäuser aus der jüdischen Messiassage entsprungen Leigen; es gelingt ihm dies aber sehr wenig, denn selbst unter den Einzelheiten kann er die Aehnlichkeit nur in sehr erkünstelter Weise darthun. Wählen wir noch ein Beispiel, das Mährchen vom „Milbchen und Grillchen". Es soll aus dem jüdischen Liede „Chad Gadja" entstanden sein. Nun zeigen beide eine gewisse Aehnlichkeit in der Form, sonst aber die größten Differenzen. Das Milbchen verbrennt sich in heißem Bier; als dies das Grillchen hörte, fing es an zu schreien, darauf knarrte die Stubenthüre, kehrte das Besenchen, rannte das Wägelchen fort u. s. w. Man sieht, daß hier die Reihe der Handlungen nur ganz lose zusammenhängt und die Wirkung durchaus eine willkürliche ist. Es ist eben ein harmloses, gedankenleeres Volksgedicht. Ganz anders unser Chad Gadja. Zwar müssen wir die Ansicht des Vers., daß es ein Bild der Leiden Israels geben solle, entschieden zurückweisen, da wir mit letzterem nicht die geringste Aehnlichkeit oder gar nur Andeutung ersehen. Aber es sind ernste und consequent durchgeführte Gedanken, unmittelbar der jüdischen Volksseele entstammt, die in dem Chad Gadja zum Ausdruck kommt. Nämlich, daß jeder Unthat ihre Strafe, und zwar eine gleiche, folgt, daß aber der Strafende sich derselben Unthat schuldig macht, also wieder bestraft werden müsse, bis Gott in seiner Barmherzigkeit dereinst dieser ganzen Reihe von Unthaten durch die Beseitigung des Todesengels ein Ende setzt. Wir brauchen nicht zu bemerken, wie gerade diese Anschauungen aus frühen jüdischen Quellen hervorgegangen sind und sich des Volksbewußtseins bemächtigt hatten. Finden wir doch dieselbe Anschauung schon bei den Propheten, nämlich daß die Despoten und Nationen, welche entartete Völker züchtigen, so viel Gewaltthaten und Frevel verüben, daß sie die Vergeltung auf sich selbst herabbeschwören. Auch daß der Tod von der Erde verschwinden werde, sagt Jesaias 25, 8. Das Volk liebt es, solche Ideen im Detail auszuführen und gefällt sich an Häufung ähnlicher Fälle. Nichts von alledem in dem Mährchen vom Milbchen und Grillchen, das höchstens den Gedanken ausdrückt, daß eine Ursache oft viele, fern von einander liegende Wirkungen habe. — Der Buchhändler Jacobsohn in Breslau hat den Rest der Auslage eines sehr empfehlenswerthen „Deutschen Lesebuches für Israeliten in Schule und Haus", das unter dem Titel „Rimmonin" von Rabbiner Or. I. H. Jacobson (Leipzig, Brandstetter 1859) erschienen ist, als „neue Titelausgabe" wieder in den Buchhandel gebracht, und wir glauben sowohl wegen der Tüchtigkeit des Werkes, als auch wegen des Andenkens des eifrig strebsamen verstorbenen Autors verpflichtet zu sein, diesem Werke einige Zeilen zu widmen. Es ist ein Lesebuch, welches ebenso belehrend wie unterhaltend die israelitische Jugend auch mit dem Gebiete der neueren jüdischen Literatur vertraut macht. Denn die größere Zahl der Stücke dieser Sammlung rührt aus der Feder jüdischer Schriftsteller her. Im ersten Abschnitt lernt man das Leben der Patriarchen kennen, der 2. bringt sehr angemessene Erzählungen, der 3. „Belehrendes" über große Erscheinungen der jüdischen Literatur, der 4. erklärt und verherrlicht Sabbath und Feste, der 5. enthält Sprichwörter aus dem Talmud, sowie der 6. Erzählungen aus Talmud und Midrasch, der 7. Parabeln, Legenden und Sagen, Märchen und Fabeln, der 8. lyrische und epische Gedichte und poetische Erzählungen und endlich der 9. biographische Skizzen. Diese Uebersicht läßt den Reichthum des Inhaltes erkennen und ist die Auswahl stets in zweckmäßigster Weise getroffen worden. Wir können deshalb dieses Lesebuch noch heute eindringlichst empfehlen. — — „Religiöse Zeitsragen von vr. L. Münz, Rabbiner in Kempen. Berlin, Driesner 1887." Es sind eigentlich Kanzelvorträge, die der Verfasser uns hier vorlegt, und behandelt er in ihnen die Themata: I. Die Aufgabe des Seelsorgers in der jetzigen Zeit. 2. Wie ist es in unseren Zeiten möglich, bei der Jugend eine religiöse Gesinnung bleibend zu begründen? 3. Was hat in der neuen Zeit den Niedergang des religiösen Geistes bei den Juden herbeigeführt? 4. Das Zeugniß der Geschichte über die Bedeutung des jüdischen Volkes. 5. Israels Trauer und seine Hoffnung. Man sieht, der Redner hat sich in seinen Vorträgen hohe Ziele gesteckt, und setzt er allerdings eine hochgebildete Zuhörerschaft voraus, die er mit der Veröffentlichung in weiteren Kreisen sucht und nach unseren Wünschen findet. Selbstverständlich giebt er in der Beantwortung seiner Fragen wohl mancherlei Anlaß, sich nicht gerade einverstanden damit zu erklären. Aber die edle Gesinnung, das innige Gefühl und die schöne Sprache werden jeden Leser spannen. Wir wissen deshalb dem Verfasser Dank für seine Veröffentlichung. — „Tie ausgezeichneten (4) Sabbathe. Vier Reden von vr. Ad. Frankl. Grün, Rabbiner in Kremsier. Preßburg, Selbstverlag, 1887." Die vier bekannten Sabbathe (Schekalim, Sachor, Para und Hachodesch) enthalten einen reichen Stoff für die Auslegung in Predigten, und reihen wir die vorliegenden zu den besseren ein, die über diesen Gegenstand schon veröffentlicht worden, — Unter dem Titel „Beiträge zur jüdischen Alter- 17*

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