Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1887)
- Date
- 1887-04-28
- Page
- Seite 263 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227681--44366-3266641- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
263 Waren wir doch dadurch in den Stand gesetzt, allen berechtigten und rechtzeitig an uns gelangten Gesuchen aus hiesiger Stadt und der Provinz Ostpreußen (3. T. auch aus Westpreußen) zu genügen." In der That kamen im Ganzen Mk. 31123 zusammen. Nachdem der Bericht die einzelnen Gaben aufgezählt hat, fügt er folgendes hinzu: „Diese Summe ist bis auf 147 Mk. 5 Pf. verausgabt. Der genannte Restbestand ist der Central-Armen-Commission der hiesigen Synagogengemeinde, welche vor der Gründung des Comitss schon einzelne Ausgewiesene befördert und dazu ihren vollen Kassenbestand verwendet hatte, überwiesen worden und wird in gleichem Sinne verwendet werden. Die Zahl der Personen, welchen die Unterstützungen zu Gute gekommen sind, beträgt 1640. Dieselben sind zum größeren Theile in ihre Heimath, theilweise ins Ausland befördert worden, ein einziger nach dem außerpreußischen Deutschland. Die Rechnungen des Comitös sind von Herrn Stadtrath Glitzke geprüft und vom Gesammt-Comitö dechargiert. Es erübrigt uns noch, allen hiesigen und auswärtigen Herren, welche ihre Kräfte persönlich dem Hülfswerke gewidmet haben, unseren ergebensten Dank auszusprechen." Fürth, 14. April. (Privatmitth.) Der verstorbene Prediger Salomon in Hamburg äußerte einmal: „Seitdem Joseph in Egypten seiner nothleidenden Familie aufgeholfen und Unterkommen geschafft hat, sucht jede jüdische Familie einen Joseph in ihrer Mitte auf, der all' ihr Leid tragen soll und muß." Dieser Ausspruch läßt sich auch dahin ausdehnen, daß jede jüdische Gemeinde einen Joseph in ihrer Mitte sucht, der alle Noth lindern soll. In dem cultuellen Gemeindeleben ereignet sich so Vieles; da gilt es einem bestehenden Vereine neue Mitglieder zuzuführen, dort ist die Gründung eines neuen Humanitären Vereins nöthig, da handelt es sich darum, einem Nothleidenden unter die Arme zu greifen, um ihn vor Verfall zu schützen oder das traurige Loos lindern zu helfen, dort harrt eine bestehende Organisation der Aenderung und Umgestaltung im Geiste der Zeit, wovon wir demnächst zu berichten haben werden, sobald die bezügliche Agitation beginnen wird. Da sucht man durch Vertrauenspersonen Differenzen zwischen Gemeindegliedern schlichten zu lassen, dort sollen erstere die Dissidien zwischen Familienangehörigen begleiche^ Für einen Joseph in der Gemeinde eröffnet sich ein weites Feld der Wirksamkeit, wo sich im jüdischen Gemeindeleben ein solcher Joseph findet, Männer finden, welche mit Herz und Sinn, mit Aufopferung und Hingabe für die Wohlfahrt der Gemeinde und ihrer Glieder sorgen, da stehen die Gemeinden in voller geistiger Blüthe, gedeihen ihre Anstalten und trägt der Gottesdienst den Stempel der Weihe. In unsrer alten Gemeinde ist kein Mangel an solchen Josephs, neben Herrn Rabbiner vr. Neubürger tragen außer Anderen namentlich die Herren Spiegelglasfabrikant Simon Fränkel und Privatier Leopold Loewenhaar die Bürde der Gemeindesühruug willig auf den Schultern. Dem religiösen Führer stehen die weltlichen gern zur Seite, genannte 3 Herren tragen Sorge für die Bedürfnisse der Gemeinde und ihrer Angehörigen, sie wachen mit umsichtigen Blicken über deren Wohl, sie genießen das Vertrauen der Gemeindeglieder, man bedient sich gern ihrer Vermittlung bei Vorkommnissen jeder Art und hört und befolgt gern ihren Rath. Möge es in keiner Gemeinde an solchen Männern fehlen, sie gereichen dem Judenthum zur Ehre! S. Heumann. Aus Württemberg, 17. April. (Privatmitth.) Die Kammer der Abgeordneten verwilligte in einer ihrer letzten Sitzungen 27 500 Mk. als Beitrag zur württ. israel. Centralkirchenkasie, nämlich Tit. 1. Pauschalsumme zufolge früherer Verabschiedung 18 515 Mk. Tit. 2. Zu Gehaltsaufbesserungen für die Rabbiner, Vorsänger und israel. Confessionsschullehrer 4457 Mk. 3. Zu Pensionen 4528 Mk. (gegen 1886/7 mehr 3000 Mk. mit Rücksicht auf das Defizit der K. Isr. Oberkirchenbehörde). — Der „Staatsanz. f. Württ." veröffentlicht den Stand der Strafanstalten pro 1885/6. Nach der Confession befanden sich in denselben März 1885: 1341 Evang. (— 0,1 °/ß d. Bevölkerung), 773 Kathol. (= 0,12 °/0), 7 Israel. (=0,05%); Zugegangen: 2551 Evang., 1404 Kathol., 10 Israel.; Abgegangcn: 2640 Evang., 1395 Kathol., 14 Israel.; Stand am 31. März 1886: 1294 Evang. (= 0,09 o/o d. Bevölkerung), 785 Kathol. (= 0,13 o/o), 3 Israel. (= 0,023 %); also: Abnahme 87 Evangel. (= 0,06 o/o der Bevölkerung), Zunahme 12 Katholiken (= 0,02 o/0), Abnahme 4 Israel. (= 57 %; gewiß eine sehr günstige Statistik für unsere Confession, von der wir unsere antisemitischen Organe Notiz zu nehmen bitten. Kaffel, 13. April. (Frkf. Z.) Max Liebermann von Sonnenberg, der antisemitische Gesellschaftsletter, hatte wieder einmal bei seinen „Excursionen" unser Kassel auf's Korn genommen, so wenig fruchtbar auch der Boden für seine den bürgerlichen Frieden arg gefährdende Agitation hier ist. Inmitten seiner Getreuen vom hiesigen „Reform-Verein" hielt derselbe im Saale des Krauß'schen Felsenkeller-Etablissements gestern einen öffentlichen Vortrag, dessen Gegenstand „der monarchische Gedanke und der Antisemitismus" bildete. Auf die Ausführungen des Redners näher einzugehen, werden Sie mir wohl erlassen. Von den Vorstellungen im Cirkus heißt es bekanntlich: „Wenn man eine gesehen, hat man sie alle gesehen!" Mit noch weit größerem Rechte darf man aber von der Liebermann'schen Lungengymnastik Aehnliches sagen: „Wer eine Liebermann'sche Judenvertilgungsrede gehört hat, hat sie alle gehört", mag das Thema künftig auch noch so „verlockend" vorher angekündigt werden.