Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1887)
- Date
- 1887-04-28
- Page
- Seite 262 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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262 gegen die agitatorische Thätigkeit der Geistlichen gewendet und die Welfenpastöre und Hetzcapläne hart mitgenommen hat, kommt sie zu dem königlichen Hofprediger Adolf Stöcker und sagt hier: „Vor wenigen Tagen beschäftigten wir uns mit Absichten, welche auf „Absplitterung" von der großen conservativen Partei nach rechts hinzielten und welche ja wesentlich von Solchen getragen werden, die sich gleichzeitig zu Wortführern der Berliner Bewegung und ihrer Ausläufer auf dem Lande machen, d. h. derjenigen Bewegung, wie sie unter dem Vorantritt der Christlich-Socialen von Jenen gemeint wird. Das in den Bestrebungen der christlich-socialen Partei Berechtigte haben wir stets wohlwollend anerkannt. Wenn aber die „Allgemeine conservative Monatsschrift" vor Kurzem als den „Grundzug" der Berliner Bewegung den Antisemitismus hinstellte, so sind gerade die antisemitischen Strömungen bisher in einer Turbulenz bethätigt worden, daß man meinen sollte, nicht nur eine Antheilnahme, sondern mehr noch eine Führung derartiger Strömungen müßte Geistlichen schon durch die Rücksicht auf ihr Amt verboten sein, ohne daß es dazu einer Verfügung von zuständiger Stelle bedürfte." Hiermit kann der „zweite Luther" schon zufrieden sein! Es hat sich genügend herausgestellt, daß aus dem Antisemitismus kein politisches Kapital geschlagen werden kann und deßhalb wird er jetzt von so vielen Seiten verleugnet. Berlin, 22. April. (Privatmitth.) Bei Gelegenheit der Generalversammlung der „Gesellschaft der Freunde" am 23. März kam auch ein Umstand vor, dessen ich nicht weiter erwähnen wollte, der aber jetzt in den hiesigen politischen Tagesblättern besprochen worden, und der immerhin für die hiesigen Verhältnisse innerhalb der jüdischen Kreise bezeichnend ist. Der Vorsteher der Gesellschaft, der seit 25 Jahren dieses Ehrenamt bekleidete, Herr B. Liebermann, wurde einstimmig wiedergewählt, dagegen Prof. vr. Lazarus, der seit 8 Jahren Stellvertreter des Vorstehers gewesen, wurde nicht wieder, überhaupt in den «engern Ausschuß" nicht wieder gewählt. — Die Petitions-Commission des Reichstags beschäftigte sich gestern mit der Petition des Verbandes der deutschen Thierschutz-Vereine zu Köln a. Rh. uni Erlaß reichsgesetzlicher Vorschriften, durch welche angeordnet wird, daß Schlachtthiere nur nach vorangegangener Betäubung durch Blutentziehung getödtet und daß Schlachtungen überhaupt nur durch geprüfte lizensirte Personen und in allgemeinen Schlachthäusern und durch angestellte Schlächter ausgeführt werden. Jni Gegensatz zu dieser Petition waren zahlreiche Petitionen der Vorstände der israelitischen Gemeinden zu Magdeburg, Lachen, Görlitz u. s. w. cingelaufen, welche sich darauf berufen, daß das Schächten nach den rituellen Vorschriften in keiner Weise als Thierquälerei anzusehen sei. Die Commission einigte sich schließlich dahin, die sämmtlichen Petitionen dem Reichskanzler als Material zur Erwägung zu überweisen, ob und auf welche Weise, insbesondere durch Abänderung des Reichs-Strafgesetzbuches, den geltend gemachten Mißständen entgegenzutreten ist. (Hiermit wird die Sache abgethan sein.) Essen, 18. April. (E. Z.) In den Ruhestand getreten ist mit Ablauf des verflossenen Monats der älteste Lehrer hiesiger Stadt, Herr Blumenfeld. Derselbe war vom 1. September 1838 bis dahin 1841 an der israelitischen Schule in Viersen und von da ab an der hiesigen israelitischen Schule als Lehrer und auch als Cultusbeamter thätig, hat somit im Ganzen fast 49 Jahre und darunter fast 46 Jahre hier gewirkt. Zu Ehren desselben fand am Donnerstag eine kurze, aber ergreifende Abschiedsseier in Gegenwart des Schulvorstandes, der Gemeindevertretung und der Schüler statt. Herr Localschulinspector Gymnasial-Oberlehrer Seek sprach demselben in warmen, zu Herzen gehenden Worten den Dank für seine umfangreiche Thätigkeit auf dem Gebiete der Schule aus. Namens der Lehrer dankte Herr Lehrer Graf für das collegialische Einvernehmen, welches er stets zu erhalten verstanden habe. Herr I. S. Hirschland gab namens des Synagogen-Vorstandes seiner Freude Ausdruck, daß der aus dem Schulverbande Scheidende wenigstens der Gemeinde noch als Cultusbeamter erhalten bleibe und gab der Hoffnung Raum, daß er in diesem Verhältniß noch recht lange wirken möge. Herr Lehrer Blumenfeld, welcher ob dieser Beweise von Liebe und Anhänglichkeit tief bewegt war, dankte hierfür in herzlichen Worten und ermahnte schließlich die Kinder stets der Lehren, die er ihnen gegeben, und besonders eingedenk zu sein des Bibelverses, welcher sich auf dem der Schule zum Andenken hinterlassenen Bilderschmucke befindet: „Du sollst lieben den Ewigen, Deinen Gott, mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele und mit Deinem ganzen Vermögen." Se. Majestät der Kaiser verlieh Herrn Blumenfeld den Adler der Inhaber des Königlichen Hausordens von Hohenzollern und überreichte ihm Herr Oberbürgermeister Zweigert den Orden am Sonntag in feierlicher Weise. Allgemein ist man erfreut über die dem Hochverdienten gewordene Allerhöchste Anerkennung. Königsberg i. Pr., 14. April. (Privatmitth.) Das „Comitö zur Unterstützung der Ausgewiesenen" aus Preußen hat jetzt seinen Rechenschaftsbericht veröffentlicht. Derselbe sagt einleitend: „Nachdem das hiesige Comits zur Unterstützung der Ansgewiesene» seine im September 1885 begonnene Thätigkeit im Januar d. I. abgeschlossen, drängt es uns, allen Corporationen und Privaten, welche uns die Mittel zu diesem Hülfswerke in so bedeutsamem Maaße zur Verfügung gestellt, hiermit unseren besten Dank abzustatten.