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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-04-28 · Heft 17 (28.4.1887) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 17 (28.4.1887)
Date
1887-04-28
Page
Seite 258 (sequence 2)
Language
German
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858 gung kann zweifaches bezeichnen: eine Unifikation und eine Union. Was die erstere betrifft, so halten wir sie nicht bloß für die Gegenwart, sondern auch für eine noch lange Zukunft für unmöglich. Ist doch nicht einmal die kirchliche Vereinbarung zwischen den Lutheranern und Reformirten in Preußen trotz des damaligen Druckes des Absolutismus völlig gelungen. Daß Protestanten und Römisch-Katholische sich unificiren sollten, ist nicht denkbar, da jedenfalls die letzteren fordern würden und müßten, daß jene sich zu ihnen bekennen sollten. Zwischen dem Christenthum und Judenthum stehen als eine bislang unübersteigliche Scheidewand die specifisch christlichen Glaubenssätze, zu welchen sich kein Jude, dem es um die religiöse Ueberzeugung ernst ist, zu bekennen vermag, abgesehen davon, daß die historische Gestalt beider Religionen eine trennende Gewalt ausübt, welche aller nivellirenden Gewalt der Jetztzeit trotzt. Ter Islam bleibt wohl bei jenen Absichten der jungen französischen Cleriker außer Rechnung. Denn seit 7 Jahrhunderten hat jede der Philosophie sich nähernde Behandlung des Islam bei den Sunniten wie bei den Schiiten aufgehört, nachdem die islamitische Orthodoxie jede wissenschaftliche Regung mit Gewalt unterdrückt hat. Gewiß haben die Propheten Israels die einstige Vereinigung aller Völker zur Erkenntniß und Anbetung des einzigen Gottes verkündigt, und das Judenthum, das moderne wie das alte, halten an dieser Verkündigung fest. Da aber die Erfüllung derselben seit mehr als 25 Jahrhunderten, zwar etwas näher gerückt, aber doch noch weit von ihrem Ziele geblieben ist, so stört es uns nicht, wenn auch jetzt noch die Aussichten für sie weit entfernt erscheinen. Es bleibt also die Union, oder wie es dort heißt: „die Vereinigung der verschiedenen Religionen auf dem Boden der Grundwahrheiten gegen den Skepticismus." „Auf dem Boden der Grundwahrheiten" würde diese Verbindung nur ein sehr schmales Terrain finden. Es wäre allein die Lehre von Gott als Schöpfer der Welt und aller Wesen, auf welcher sie hier gemeinsam ständen; denn jeder weitere Schritt im Gottesbegriffe würde zu entschiedenen Differenzen führen, sowohl in der Einzigkeit und Körperlichkeit Gottes, als auch hinsichtlich des Wesens des Menschen und des Verhältnisses Gottes zum Menschen, besonders was die Versöhnung der nienschlichen Schuldhaftigkeit betrifft. In allen diesen religiösen Momenten, sowie in den Consequenzen, die daraus für die Sittlichkeit und deren heiligenden Werth fließen, kann das Judenthum auch nicht das geringste nachgeben. Können wir doch auch behaupten, daß der Skepticismus gerade zunächst aus dem strengen Festhalten der kirchlichen Dogmen und deren Formulirung hervorgeht. Hieraus folgt, daß jene „Vereinigung" nur eine ganz äußerliche sein könnte. Aeußerliche Mittel können aber der Verbreitung des Skepticismus keinen Widerstand entgegenhalten. Selbst der römischen Kirche fehlt für ihre Zuchtmittel die weltliche Macht, und das Judenthum hat jeden weltliche» Zwang für das religiöse Leben stets zurückgewiesen; eine hierarchische Macht hat es niemals anerkannt, und wann sich eine solche geltend machen wollte, dagegen nach seinen Kräften reagirt. Das Ergebniß ist also, daß den Religionen gegen den Skepticismus nichts anderes als geistige Mittel und Wege zustehen, und diese wird jede für ihren Bestand kämpfende Religion aus sich selbst heraus zu finden und zu verwenden wissen, und sich von selbst gedrungen fühlen, ihre religiösen Lehren zu befestigen und gegen die Angriffe des Unglaubens zu vertheidigen. Es liegt dies in der Natur jedes Bekenntnisses selbst, und es bedarf dazu keiner Vereinigung. Diese geistigen Mittel bestehen im religiösen Unterricht der Jugend, in deren häuslicher Erziehung, in der unermüdlichen Belehrung der Erwachsenen, in der Presse und Literatur. Auf diesen Wegen wirksam zu sein, ist jede Religion verpflichtet. Muß sie sich hierin doch nach ihrem eigenen Geiste richten, und die geistigen Verhältnisse ihrer Bekenner nach ihrer verschiedenen Bildung und ihren Bedürfnissen stets berücksichtigen. Das ist aber sicher: an alle Diejenigen, welche für die religiöse Ueberzeugung ihrer Mitbrüder und hiermit für den Bestand und die Wirksamkeit ihrer Religion ein Herz haben, tritt die Forderung heran, mit erneutem Eifer gegen die Verbreitung des Skepticismus mit aller Kraft auf den angegebenen Wegen einzutreten und alle dahin gerichteten Bestrebungen zu unterstützen — ohne jedoch dabei in irgendwelchen Zelotismus zu verfallen, der stets das Gegentheil herbeiführt von dem, was er will und erstrebt. Paris, 12. April. Gegen den Antisemitismus in Frankreich. Frsmont gegen Drumont. Daß der Antisemitismus in Frankreich nur kurzlebig sein werde, haben wir stets vorausgesetzt. Wie wir bereits berichteten, hat jüngst ein katholischer Geistlicher in Paris von der Kanzel sein Verdammungsurtheil über den Antisemitismus und namentlich über Drumont's „La France juive* vor einer großen Zuhörerschaft in nachdrücklichster Weise ausgesprochen. Wer die Organisation der katholischen Kirche kennt, weiß, daß ein zur Predigt während der Fastenzeit autorisirter Geistlicher seine Ansichten nicht ohne die Zustimmung seiner Vorgesetzten, noch dazu in so eclatanter Weise, äußern darf. Die Predigt ist jetzt auch im Druck erschienen und die größeren Pariser Journale geben ihren Beifall derselben zu erkennen. So liegt uns die „Republique framjaise“, bekanntlich das Organ der Gambettisten, also des fortgeschrittenen Republikanismus, vom 11. April vor, welches einen langen Artikel „Fremont

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