Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1887)
- Date
- 1887-04-21
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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253 _ Scheidebriefes, v), giebt außerdem treffende Bemerkungen über! setzung des Gebetbuches ta-tr rrten, welche Hr». Heinrich das richtige Schreiben hebräischer Personennamen und ver-! Deutsch, Director der k. isral. Lehrer-Präparandie zum breitet Licht über mehrere Dialecte und mißverstandene Stellen! Verfasser hat, ist wieder eine neue und verbesserte Auflage, im Targum Onkelos, Midrasch Tanchuma u. a. m.! bereits die fünfte, (Budapest, Löwy, 1887) jüngst erschienen. Von der als vorzüglich anerkannten ungarischen lieber-! Dr. Kayserling. Iseuilleton. .. . ,, ... | neue Hypothese aufgefangen, jedes neue Schlagwort wieder- Dlktal nnß Reuerungs^uchs. holt, jeder neue Tagesheld als die größte Berühmtheit ge- Vor einigen Tagen traf ich eine Gesellschaft von Man- . feiert! Ihr braucht nicht zu sorgen, wie Ihr davon wieder »er» an, welche lebhaft mit einander disputirten. Besonders! loskommet, wenn etwas Neues an das Licht des Tages tritt, fiel mir ein Mann in mittleren Jahren von untersetzter Gei Denn nur kurze Zeit, und die Hypothese ist beseitigt, das statt, mit rundem Gesicht und etwas stechenden Augen auf,! Schlagwort abgenutzt, die neue Berühmtheit vergessen. Da der am heftigsten sprach und alle seine, just nicht immer Erscheint ein epochemachendes Werk, es giebt Aufschluß über sprachrichtigen Worte mit ausdrucksvollen Geberden begleitete,! viele Fragen, löst viele Probleme und alle Welt erkennt es insonders mit einer Bewegung der Faust, aus welcher der! als einen Fortschritt in der Wissenschaft an. Wartet eine Daumen hervorstarrte, von unten nach oben. Dabei hatte! kurze Frist von etwa zwei oder drei Jahren, und eine neue er, von seiner Rede ergriffen, den Hut in den Nacken geschoben. Ich glaubte, einen Talmudjünger von der Warthe oder Weichsel zu sehen. Um so mehr war seine Erscheinung mit dem Inhalt seiner Rede in Widerspruch. Denn er gerade gab sich als einen unbedingten Anhänger alles Neueren zu erkennen. „Ach", rief er aus, „was wollt Ihr stets mit Eurem Alten, mit dem Verlebten und Verrotteten, dem Ihr Euch unterwerft, weil es aus alter Zeit stamme, weil es Eure Väter und Großväter so und nicht anders geglaubt und getrieben! Da stockt das Blut in den Adern und der Geist treibt sich stets in demselben Keise herum, und käuet wieder, was schon so unzählige Male zur geistigen Nahrung vorgesetzt worden. Dabei verknöchert und versteinert man. Ich lobe mir das Neue, ja das Neueste, jeden Tag eine neue Erscheinung, ein neuer Gedanke, der an und aufregt, der uns eine neue Aussicht eröffnet in die weite Welt, und uns einen immer wechselnden Genuß verschafft. Wir sind nicht bestimmt, immer auf demselben Fleck zu verweilen, sondern die Segel zu spannen und mit frischem Winde vorwärts zu fahren. Wer das nicht thut, wer nicht willig die Erzeugnisse unserer Zeit erfaßt und in sich aufnimmt, bleibt zurück und darf sich nicht über das Dunkel beklagen, das ihn bald umgeben wird. Wer die Augen schließt vor der Sonne, die am Himmel steht, wird irre gehen und den Weg verlieren ..." So weit war er gekommen und schien sich immer mehr in Eifer zu sprechen, als ihn die Rede von einem Anderen abgeschnitten wurde. „Du hast recht", rief dieser aus. Nur immer modern, und nach dem Modernen das Modernste. Die Vergangenheit verachtet und alles abgewiesen, was seinen Ursprung einige Zeit zurückdatirt; jede Schrift erscheint, welche die eben noch gepriesene als völlig unrichtig in Beobachtung und Schlußfolgerung nachweist und einer ganz entgegengesetzten Ansicht zum Siege verhelfen will. Es versteht sich, daß Ihr Neuerungssüchtige dem neuen Werke zufallet und ihm Eure Anerkennung und Huldigung darbringt, von dem früheren will niemand mehr etwas wissen, es ist überholt, überwunden, beseitigt. Und doch kann kein Vernünftiger leugnen, daß jede Epoche der Menschheit ihre bedeutende Eigenthümlichkeit hat, neben mancherlei Jrrthümern einen wichtigen Theil Wahrheit hervorbringt, und geniale Männer erzeugt, die Unvergängliches schaffen, das niemals hintenangesetzt werden darf, ohne daß man in Cnltur und Geistesbildung zurückgeht. Das sind die großen Genien des Menschengeschlechts, die auf einem unverwüstlichen Piedestal stehen und allen Wechsel der Zeiten überdauern, von der Sonne des Geistes bestrahlt — während Ihr Neuerungssüchtige mit Euren Patronen nur den Wolken gleichet, die der nächste frische Luftzug vom Horizonte verjagt. Ihr werfet uns vor, daß wir immer nur nach de» Quellen zurückgehen und da stehen bleiben bei dem winzigen Gewässer, das aus dem Dunkel der Erde hervorbricht. Ihr aber verschmähet den großen Strom, der aus jenen Quellen entsprungen, weithin befruchtend durch die Fluren sich ergoß, und stehet nun, wo derselbe sich in viele Arme getheilt hat und nach und nach in den Sand sich verliert. Es ist eine alte Wahrheit, daß jeder auf den Schultern seines Vorgängers stehet; wenn er aber diesen mit den Füßen von sich stößt, so wird er selbst auf den Boden fallen. Ja, diese Neuerungssucht, dieses Haschen nach immer Anderem hat sich weit verbreitet und selbst in der Wissenschaft eingenistet. Wie