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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-04-21 · Heft 16 (21.4.1887) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 16 (21.4.1887)
Date
1887-04-21
Page
Seite 254 (sequence 14)
Language
German
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254 viele hochmüthige Jünger derselben zucken die Achsel, wenn man ihnen von der Geschichte ihrer eigenen Wissenschaft spricht, z. B. der Medicin. Sie wissen kaum etwas von den Systemen und Ansichten, die im vorigen Jahrhundert oder selbst im Anfang des gegenwärtigen herrschend waren, und die Meister der Heilkunst leiteten. Was soll man auch mit den Beobachtungen und Erfahrungen der Vergangenheit; nur die neue Ansicht ist die wahre und steht hoch über der ganzen Ideenwelt der Vergangenheit! ..." Der frühere Sprecher hatte nur mit großer Ungeduld der Rede seines Gegners zugehört, auch wohl Versuche gemacht, ihn zu unterbrechen, was jedoch der letztere nicht gestattete. Jetzt aber trat ein dritter ein, ein ruhiger, besonnener Mann, der bei den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft ein gewisses Ansehen zu besitzen schien, so daß sofort seinen Worten Aufmerksamkeit zugewandt wurde. „Ihr scheint mir beide, liebe Freunde", hob er an, „zu fest auf einem einseitigen Standtpunkt zu beharren, und deshalb von Vorurtheilen befangen zu werden. Meiner Ansicht nach besteht das Gesetz der Entwickelung für das ganze Menschengeschlecht, und nach diesem Gesetze haben wir ebenso wohl die Bestrebungen und Errungenschaften der Neuzeit wie der Vergangenheit zu betrachten und zu würdigen. Die Gegenwart ist nicht verständlich ohne die Vergangenheit und die Zukunft nicht, ohne die Gegenwart in's Auge zu fassen. Hieraus ergiebt sich als die allein richtige Regel: prüfet das Alte und was von ihm der Vernunft und dem Herzen entspricht, die Erkenntniß und die Sittlichkeit fördert, als wahr und lebensfähig erscheint, das haltet fest nnd macht es zum Fundament Eures Lebens und Strebens; und dann prüfet das Neue, und was im gleichen Maße für Erkenntniß und Sittlichkeit, für Verstand und Herz wirksam erscheint, fortentwickelnd nnd lebenskräftig, das fasset mit Liebe auf, denn cs ist Keim und Saat für die Zukunft und führt das große Werk des Menschengeschlechtes weiter. Was am Alten abgestorben und verlebt ist, das lasset willig fallen, wie die todten Reiser vom Baume fallen, wenn der Wind durch die Zweige rauscht, und keine Kunst wird sie am Stamme und an den Zweigen festhalten. Und ebenso, was am Neuen und Neuesten nur eine vorübergehende, in sich nicht begründete Meinung, ein Product einseitigen Geistes und Geschmackes ohne wahren Lebensinhalt, auch das fällt vom Stamme der Wissenschaft und des Lebens wieder ab, es war ein Ausdruck eines Zeitmomentes und nach kurzer Wirksamkeit wird es vergessen. Darum, Freunde, Pietät für das Alte und Fortschritt im Neuen! Das muß unsere Devise sein." Ob der letzte Redner die beiden anderen überzeugt habe, weiß ich nicht, denn der Fanatismus des Neuerungssüchtigen gleicht auf ein Haar dem Zelotismus des Alterthümlers und es sind Vorurtheile, aus welchen beide ihre Nahrung ziehen. Mir aber war ein Wort aufgefallen, das er ausgesprochen: „Pietät für das Alte!" Es war mir in's Herz gedrungen, da es eine Saite meiner Seele berührte. Allerdings sind „prüfe das Alte" und „Pietät für das Alte" nicht deckend, und Pietät und Kritik schließen sich zumeist aus. Denn Pietät ist eine Empfindung, die Achtung vor dem Alten, die Ehrfurcht vor dem, was uns aus der Vergangenheit überkommen, nicht sowohl wegen seines eigentlichen Inhalts, als weil es seit Jahrtausenden oder Jahrhunderten auf die Menschengeschlechter gewirkt, sie belehrt, erhoben, veredelt, getröstet und gestärkt, weil es einen bestimmenden Einfluß auf das Leben zahlloser Individuen und der Gesammtheit geübt hat. Darum verdient es eine hohe Werthschätzung und das unmittelbare Gefühl der letzteren ist die Pietät. Wenn ich eilt elastisches Werk aus alter Zeit vor mir habe, dann sind es mir nicht vergilbte Blätter, deren Charaktere, deren Sinn und Richtung einer längst verklungenen Zeit angehören, es ist mir vielmehr eine Schrift des Lebens, geschöpft aus dem stets fließenden Borne wahrhaften Geistes, und indem es mir durch die Seele geht, daß dieselben Worte bereits an so viele Generationen ergangen und bei ihnen Anklang und Nacheiferung gewonnen, schwindet vor meinem Geiste die Flüchtigkeit der Zeit, und es erhebt sich in meiner Seele die Erkenntniß, daß das Wahre, Gute und Schöne keiner Zeit allein angehört, sondern sobald es in die Welt des Menschen eingetreten, ewiger Jugend genießt. Das ist Pietät. Wenn ich vor den Bildern meiner Eltern stehe, die mich so sehr geliebt, für mich so viele Opfer gebracht um mich auf den rechten Weg zu bringen mit all' ihren Kräften gestrebt, jetzt aber längst unter dem Rasen ruhen, wenn ich ihre geliebten, unvergessenen Züge anblicke — welche Schauer durchrieseln mein Herz, wie ergreifen mich Wehmuth und Erhebung zugleich, und welch heilige Vorsätze erstehen in meinem Geiste! Das ist Pietät. Wenn ich des Abends mein Haupt a^f mein Kissen lege und das Schema und Weahabtha und Haschkibenu spreche, da überkommt mich das Gefühl, daß ich hier Worte spreche, welche — die beiden elfteren — vor viertehalb Jahrtausenden in das Buch der Bücher verzeichnet, das letztere wohl vor zwei Jahrtausenden von einem heiße» Beter meines Stammes niedergeschrieben worden, daß sie alle diese Zeiten hindurch von den Lippen derer erklangen, welche nach dem Kampfe des Tages den Schlummer unter dem sicheren Schutze ihres gnadenreichen Gottes suchten und daß sie immer darin Sicherheit und Gewißheit des Friedens fanden — und dieser Gedanke allein schon flößt mir Kraft und Trost ein. Das ist Pietät. Und nun frage ich Dich, Sohn der Zeit, ob die Selbstüberhebung, welche alles Frühere mißachtet und nur das Neu-

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