Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1887)
- Date
- 1887-04-21
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
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247 Paderborn, 13. April. (Privatmitth.) Wenn es ein besonderes Interesse erweckt, dos" Aufblühen einer Anstalt zu verfolgen, welche so gut wie mit Nichts angefangen und aus dem Boden jüdischer Barmherzigkeit schnell aufgeschossen ist, so gebührt dieses ganz besonders der „Israelitischen Waisen-Erziehungs-Anstalt für Knaben und Mädchen aus Westfalen und Rheinland zu Paderborn". Sie hat jetzt einen 30jährigen Bestand, und befaßt jetzt 60 Waisenkinder. 10 Waisen wurden in diesem Jahre entlassen und 9 ausgenommen. Zu unserer Befriedigung ersehen wir, daß von diesen 5 entlassenen Knaben 1 zum Lehrer und 2 zu Handwerkern sich ausbilden, die anderen 2 dem Kaufmannsstande sich widmen. Eine Haupteinnahme der Anstalt besteht in den Jahrzeit-Stiftungen. Es sind deren bereits 717. Ohne diese hätte die Anstalt eine so große Anzahl Zöglinge nicht unterhalten und sich so ausgezeichnete Räumlichkeiten schaffen können. Jndeß sieht sich der Vorstand doch an der Grenze dessen angelangt, was er mit den vorhandenen Mitteln zu leisten vermag, und um so dringlicher muß die Aufforderung an alle mildthätigen Menschenfreunde ergehen, der Anstalt ihre kräftige Beihilfe zuzuwenden. Es wäre wohl überflüssig, das Werk der Waisenerziehung als eines der wohlthätigsten und unentbehrlichsten hervorzuheben. Die Einnahmen des verflossenen Jahres beliefen sich auf M. 32,156 (worunter für gestiftete Jahrzeiten M. 12,170). Bon diesen wurden M. 3187 verzinslich angelegt und M. 2586 in Cassa behalten. Die Ausgaben betrugen also 26,400 M. Unsere besten Wünsche begleiten die Anstalt in ihr viertes Jahrzehnt. Worms, im April. (Privatmitth.) Die hiesige Gemeinde besitzt einen der bestorganisirten und seit lange schon bewährten „Unterstützungsverein", theils um Hilfsbedürftigen Gaben zu reichen, theils um den Straßenbettel von Haus zu Haus zu verhindern. Letzteres ist ihm denn auch wohl gelungen, und mit Recht macht er vielen dortigen Familien den Borwurf, dem Verein ihre Beiträge vorzuenthalten, während sie doch die Wohlthat, vom lästigen Hausbettel befreit zu sein, so gut genießen, wie diejenigen, welche den Verein unterstützen. Wie unentbehrlich der Verein ist, ersieht man daraus, daß er im verflossenen Bereinsjahre an Gewohnheitsbettler 207 aus dem Jnlande, 297 aus dem Auslande Spenden verabreichte. Außerdem unterstützte er 199 Handwerker, „die bei ihm vorsprachen", 36 Commis und 60Lehrer, Gelehrte und Künstler '(!). Selbstverständlich wurden außerdem verschämte Arme (441), sowie mit regelmäßigen Gaben Familien und Hospitaliten bedacht. Die Bilanz betrug M. 3644, und man muß zugestehen, daß der Vereinsvorstand mit diesen Mitteln in sparsamer und bedachtsamer Weise vorgeht. An Fonds besitzt der Verein M. 11,800. Oesterreich - Ungarn. Pest, 8. April. Aus Zala-Egerßeg wird unterm 3. d. geschrieben: Das in unserer Nähe liegende Dorf Zala-Apati war vorige Woche der Schauplatz einer aufregenden Scene, und wurde nur durch das rasche und besonders vorsichtige Einschreiten unseres trefflichen Vicegespans, Herrn Karl v. Csertan, eine ernste Demonstration und wohl auch eine wahrscheinlich bereits bereitgehaltene antisemitische Interpellation verhindert. In der Nacht des 28. v. M. entfernte sich nämlich die bei dem Wirthe B. Deutsch in Dienst gestandene Magd und kehrte bis am Morgen nicht zurück. Als nun Deutsch zur Mutter der Magd ging, um nach dem Mädchen zu fragen, wurde er unter heftigen Flüchen zur Herausgabe des Mädchens, das gewiß die Juden verborgen hielten, aufgefordert. Deutsch erkannte sofort den Ernst der Situation, da auch das fortwährend gehetzte Dorf bereits in größter Aufregung war, und begab sich sofort hierher nach Egerßeg, um beim Bicegespan die Anzeige zu erstatten. Herr von Csertan sandte unverzüglich den Gendarmerielieutenant und 4 Gendarmen nach Apati, die die Mutter einem strengen Verhör unterzogen und ernirten, daß die Magd versteckt gewesen war. Auf die Frage, warum sie gerade die Juden verdächtigte, antwortete die Bäuerin, daß der Grundbesitzer B. ihr gesagt habe, es geschehe ihr Recht, warum gebe sic ihre Tochter zu Juden in den Dienst, so ergehe es den Christenmädchen bei den Juden, daß sie zuletzt abgeschlachtet werden, u. dgl. m., und da ihre Tochter Morgens nicht heimkehrte, glaubte sie, daß die Juden sie abgeschlachtet hätten. Die beiden Frauenspersonen wurden nach Zala-Egerßeg gebracht, wo die Untersuchung eingeleitet ist. Rußland. Petersburg, im April. Die „Pet. Wed." sind in der Lage, aus den von der „Judencommission" unter Präsidium des Grafen K. I. Pahlen gesammelten agrarstatistischen Materialien bezüglich der Juden in Rußland einige interessante Daten mittheilen zu können, denen die deutsche „Petersb. Ztg." Nachstehendes entnimmt: Am dichtesten ist die jüdische Bevölkerung in den lithauischen und westrussischcn Gouvernements, am undichtesten in den kleinrussischen. So bilden z. B. im Gouvernement Minks die Juden über 12 pCt. der ganzen Bevölkerung; in den Gouvernements Tschernigow, Poltawa und Jekoterinosslaw, d. h. in der Richtung von Nord-Westen nach Süd-Osten übersteigt dagegen die jüdische Bevölkerung nicht 4,4 pCt. und im Gouvernement Charkow beträgt sie nur 0,« pCt. Die Juden bevorzugen besonders Flecken und städteartige Ansiedelungen. In dieser Hinsicht gewähren die Flecken des Kreises Troki im Gouvernement Wilna ein besonders interessantes Beispiel. Dort kommen