Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1887)
- Date
- 1887-04-21
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 Kossuth verlangt also den Ausschluß der Antisemiten aus der Unabhängigkeitspartei, weil sie ein Grundprincip, das der Rechtsgleichheit für alle Bürger, bekämpfen und zu beseitigen streben. Mit diesem Ausschluß ist aber auch gegeben, daß kein Anhänger der Partei für die Wahl eines Antisemiten stimmen dürfe. Liegt dem doch auch der richtige Gedanke zu Grunde, daß, wer ein wichtiges Grundprincip des modernen Staates verleugnet, bereit ist, auch die anderen liberalen Grundsätze zu verletzen. Wir in Ungarn, die noch immer mit dem Antisemitismus recht stark zu kämpfen haben und von ihm vielfach bedroht sind, billigen es daher gänzlich, daß die Allg. Zeit. d. I. wiederholt gegen! die Juden sich ausgesprochen hat, welche aufforderten, für! die Antisemiten bei den Wahlen zu stimmen, wenn die letz-I teren in einer auf der Tagesordnung stehenden Frage mit ihren Ansichten übereinstimmen. Ist die Rechtsgleichheit überhaupt und für die Juden insbesondere von der unbedingtesten Wichtigkeit, so kommt eben hinzu, daß, wer diese verleugnet, auch für die reactionärsten Pläne eintreten werde. Aus diesem Gesichtspunkte halten wir die Worte Kossuth's für wichtig genug, um an dieser Stelle wiedergegeben zu werden. New Jork, den 27. März. Ein Jude Gesandter der Vereinigten Staaten. Der Präsident der Vereinigten Staaten hat vor einigen Tagen einen Bekenner des Judenthums, Herrn Oscar S. Straus von hier, zum amerikanischen Gesandten bei der Pforte ernannt. Diese Ernennung wird von den Blättern der verschiedensten Parteirichtung gebilligt und wird ohne Zweifel auch vom Senate bestätigt werden. Der türkische Gesandte in Washington soll auf Anfrage auch bereits erklärt haben, daß das religiöse Bekenntniß des Ernannten bei der Pforte durchaus kein Hinderniß sei. Herr Straus ist ein Rechtsgelehrter und Mitglied einer bedeutenden hiesigen Geschäftsfirma und genießt wegen seines Charakters und seiner Tüchtigkeit in bürgerlichen und politischen Kreisen ein hohes Ansehen. Ohne sich um die Ernennung zu bewerben,! ist er von den einflußreichsten Männern des Landes dem! Präsidenten für diesen hohen Posten vorgeschlagen und; dringend empfohlen worden. Unter Anderen geschah dieses auch! von dem gefeiertesten amerikanische» Redner, dem jüngst verstorbenen Geistlichen Henry Ward Beecher. Die heutigen‘ Blätter veröffentlichen das Empfehlungsschreiben, welches der-! selbe kurz vor seinem Tode in dieser Angelegenheit an den1 Präsidenten Cleveland gerichtet. Das charakteristische Schreiben lautet in Uebersetzung wie folgt: „Einige der besten Bürger iuteressiren sich sehr für die. Ernennung des Herrn Oscar Straus zum Gesandten in der Türkei. Was seine Befähigung betrifft, so stimmen Alle überein, daß er sowohl wegen seiner Persönlichkeit als wegen seiner glänzenden Fähigkeiten vorzüglich für diesen Posten geeignet ist. Mich aber interessirt noch ein anderer Umstand, der nämlich, daß er Jude ist. Das bittere Vorurtheil gegen die Juden, welches in vielen Theilen Europas herrscht, sollte in Amerika keine Billigung finden. Gerade weil er Jude ist, darum möchte ich auf seine Ernennung dringen, als eine passende Anerkennung dieser merkwürdigen Volksklasse, die so viel zum Gedeihen Amerikas beiträgt und deren Intelligenz, Moralität und bei allen die Wohlfahrt der bürgerlichen Gesellschaft betreffende» Gelegenheiten gezeigte große Liberalität verdientermaßen von den Häuptern unsrer Regierung eine derartige Anerkennung empfangen sollten. Ist es nicht auch eine Pflicht, in dieser ruhigen aber nachdrücklichen Weise den Geist der amerikanischen Regierung zu zeigen, die unter ihrer pflegenden Fürsorge Leute aus allen civilisirten Nationen hat und die sie ohne Rücksicht auf Glaubens- und Racenunterschiede als gemeinsame Bürger behandelt? Wir senden Dänen nach Dänemark, Deutsche nach Deutschland als unsre Vertreter; wir setzen Niemand zurück, weil er ein Franzose ist. Warum sollten wir nicht ein krönendes Zeugniß von dem Geiste unsres Volkes geben, indem wir einen Hebräer nach der Türkei senden? Die Unwissenheit und der Aberglaube des mittelalterlichen Europas mag wohl die Vorurtheile jener finsteren Zeit erklären, wie aber ein Christ in unfern Tagen sich von einem Juden abwenden kann, ist mir ganz unbegreiflich. Das Christenthum ist selbst am Busen des Judenthums genährt worden, unsre Wurzeln sind im Alten Testament. Wir selbst sind Juden, die zur Blüthe und Frucht gereift sind. Das Christenthum ist Judenthum in Evolution, und es wäre für die Saat sonderbar, sich gegen den Halm zu wende», auf dem sie gewachsen." Henry Ward Beecher. Die gegen Juden und Judenthum so freundliche Gesinnung, welche dieser geniale und hochherzige christliche Geistliche in obigem Schreiben ausgesprochen, hatte er auch bei früheren Gelegenheiten mehrfach in Wort und Schrift bekundet. Als vor einem Jahrzehnt eine judenfeindliche Stimmung in gewissen Volksschichten sich hier zu regen begann, da trat er mit der gewaltigen Macht seiner Rede für die Bekenner des Judenthums öffentlich in die Schranken. Kein Wunder, wenn bei seinem vorigen Monat erfolgten Hintritt auch unsre Glaubensbrüder nicht zurückstanden, seinen glänzenden Verdiensten den schuldigen Tribut der Anerkennung zu zollen, so daß von fast allen jüdischen Kanzeln des Landes ihm Gedächtnißreden gewidmet wurden. M. M.